Stand: 28.07.2017 18:34 Uhr

"Hitler und seinem Bayreuth zum Trotz"

Richard Wagner, Genie und Problem - nicht nur für die Gegner, auch für Bewunderer, die den Hut tief ziehen vor der Erneuerungskraft und dem Überwältigungszauber des Jahrhundertkünstlers. Unter dem Motto "Diskurs" gibt es dieses Jahr ein neues Rahmenprogramm der Bayreuther Festspiele - "Wagner im Nationalsozialismus - Zur Frage des Sündenfalls in der Kunst", so der Titel des heutigen Auftakt-Symposiums. Mit dabei ist Micha Brumlik, der sich in vielfältiger Weise mit der Geschichte des Judentums und jüdischen Themen beschäftigt.

Herr Brumlik, Ihr Vortrag heißt: "Hitler und seinem Bayreuth zum Trotz - Richard Wagner als Analytiker des 20. Jahrhunderts". Wie kann Wagner als Analytiker eines Jahrhunderts fungieren, das er nicht erlebt hat?

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Publizist und Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille, Micha Brumlik

Micha Brumlik: Weil ich glaube, dass er Grundtendenzen und Grundstrukturen des 19. und, wie sich im Rückblick zeigt, auch des 20. Jahrhunderts in seinen Werken zum Ausdruck gebracht hat - womöglich entgegen seinen eigenen ideologischen Wünschen und Obsessionen.

Taugen denn die Wagner-Verehrungen und die Rezeptionen als quasi psychoanalytisches Vehikel, um eine ganze Gesellschaft zu deuten, verdeckte Impulse zum Vorschein zu bringen, was auch immer?

Brumlik: Ich glaube, dass das in den Wagnerschen Werken drin steckt. Kunstwerke sind immer Ausdruck der Zeit, in der sie entstehen. Und ich glaube, dass man an den Wagnerschen Werken zeigen kann, wie viel von den Impulsen und Tendenzen der Zeit in sie eingegangen ist, auch wenn der Autor als politisch denkender Mensch das so gar nicht beabsichtigt hat.

Können Sie Impulse, Aspekte, Motive dieser Art kenntlich machen, vielleicht am Beispiel illustrieren?

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Brumlik: Ich kann zwei Fälle nennen. Es gibt in den "Meistersingern" im dritten Aufzug diesen Monolog des Hans Sachs, wo er über den Wahn sinniert, über nicht wirklich greifbare Kräfte, die absolut destruktiv werden. In der "Walküre" gibt es diesen Dialog zwischen Brünhild und Wotan, wo Wotan darüber klagt, dass er einst in den Trümmern der eigenen Welt stehen wird. Das sind Untergangsszenarien, die ohnehin im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr real geworden sind. Ein immanenter Zug zur Selbstdestruktion.

Es ist so fürchterlich einfach, Belege für Wagners Antisemitismus in Wagners Schriften zu finden: Allein seine zweimal aufgelegte Schrift "Das Judentum in der Musik" ist ein Füllhorn. Sie hat, wie der Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer nachwies, den Antisemitismus in Deutschland salonfähig gemacht, Vieles gebahnt. Wie nimmt man das Werk gegen die Person in Schutz? Geht das überhaupt?

Brumlik: Indem man sagt, dass im Werk mehr zum Ausdruck kommt, als der Autor selbst ideologisch, politisch beabsichtigt hat.

Das ist also für Sie der Schlüssel, um den Zugang zu Wagners Werk gebahnt zu halten, jenseits der fürchterlichen ideologischen Verheerungen, die darum herum angerichtet worden sind?

Brumlik: Ja, ganz genau. Denn, in der Tat, ideologisch gesehen war Wagner ein Vorläufer von Adolf Hitler. Daran kann inzwischen, nach den Arbeiten von Jens Malte Fischer, Hans Rudolf Vaget und Hartmut Zelinsky, philologisch gesehen überhaupt kein Zweifel mehr bestehen.

Mit dem Motto des Symposiums: Worin besteht jetzt der "Sündenfall in der Kunst" in Sachen Wagner und der Nationalsozialismus?

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Brumlik: Man müsste eher vom Sündenfall des Künstlers und der Künstlergemeinde sprechen. Denn es ist inzwischen nachgewiesen, dass die Bayreuther Gemeinde auch nach dem Tode von Richard Wagner, sogar dann, als sie in den 1920er-, 1930er-Jahren nicht förmliches Mitglied der NSDAP gewesen ist, sehr wesentlich dazu beigetragen hat, dass ein großer Teil des deutschen Bildungsbürgertums die Machtübernahme der Nationalsozialisten und speziell Adolf Hitlers unterstützt und gefördert hat.

Wenn man sich diesen Wagner-Komplex insgesamt anschaut, dann ist Eindeutigkeit ganz schwer zu haben. Da sind diese Schriften, die sich sehr eindeutig deuten lassen. Da ist Bayreuths aktive Verstrickung in den Nationalsozialismus. Die jetzt zur Eröffnung gespielten "Meistersinger" sind von den Nazis vereinnahmt worden. Aber: Theodor Herzen ließ den zweiten Zionistenkongress mit der "Tannhäuser"-Overtüre eröffnen; Imre Kertész, der Auschwitz überlebte, erzählt, wie er im stalinistischen Budapest Zuflucht bei Otto Klemperers Wagner-Aufführungen fand - und bei sonst gar nichts. Müssen wir mit diesen Widersprüchlichkeiten einfach leben? Sind die vielleicht sogar konstruktiv?

Brumlik: Ich weiß nicht, ob sie konstruktiv sind - sie geben auf jeden Fall immer Anlass, sich selbst über die gegenwärtige politische, künstlerische Weltsituation Rechenschaft abzulegen.

Was erhoffen Sie sich denn von diesem neuen Format "Diskurs Beyreuth"? Dass die Widersprüche wenigstens mal offen sichtbar gemacht werden? Kann es der Anfang der von Gottfried Wagner immer wieder eingeforderten Selbstaufklärung, Selbstabrechnung der Familie werden?

Brumlik: Die hat es schon gegeben. Nike Wagner etwa hat sehr viel dazu beigetragen. Ich glaube, es geht eher um die Selbstaufklärung eines Publikums. Die Familie hat ihre eigene Form der Vergangenheitsbewältigung gefunden - mehr oder weniger. Bei dem Publikum ist es keineswegs immer der Fall, obwohl, wie ich sehen konnte, bei der Premiere der Koskyschen Inszenierung der "Meistersinger" das Publikum im Großen und Ganzen zustimmend Applaus gespendet hat. Liest man sich die in den Zeitungen erschienenen Kritiken durch, meinen einige sagen zu müssen: Das ist doch Reeducation, das wissen wir doch alles mit Wagner und seinem Antisemitismus. Das weiß man in der Tat - aber was man nicht weiß, ist, in welchem Ausmaß das deutsche Bildungsbürgertum dabei mitgemacht hat.

Das heißt, Sie sind in Bayreuth durchaus in aufklärerischer Absicht?

Brumlik: Ja, wenn ich mir dieses große Wort zu eigen machen darf: Ja, das würde ich mir wünschen.

Prof. em. Dr. Micha Brumlik © NDR Fotograf: Anna Bohaumilitzky

"Hitler und seinem Bayreuth zum Trotz"

NDR Kultur -

Unter dem Motto "Diskurs" gibt es dieses Jahr ein neues Rahmenprogramm der Bayreuther Festspiele. Mit dabei ist der Publizist Micha Brumlik, der selbst einen Vortrag halten wird.

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Das Interview führte Ulrich Kühn.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.07.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Micha-Brumlik-ueber-Richard-Wagner,journal938.html

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