Stand: 26.07.2017 14:21 Uhr

Gefühltes Extremwetter - reale Klimaveränderung?

Es nervt: Mitten im Juli erleben wir Dauerregen. Wegen der heftigen Regenfälle wurde im Landkreis Goslar sogar Katastrophenalarm ausgerufen. Was ist los mit unserem Wetter? Was ist los mit unserem Klima? Fragen an die Meteorologin Julia Schmidt vom Deutschen Wetterdienst Hamburg.

Die Bilder zum Hochwasser in Niedersachsen

Frau Schmidt, tagelang hat es geregnet, gewittert. Jetzt, endlich, hat man den Eindruck, hat sich die Lage zumindest in Teilen wieder beruhigt. Im Landkreis Goslar gibt es Katastrophenalarm. Ist das ein Sommer-Sonderfall? Oder reden wir hier über etwas, das nur zum Thema gemacht wird, weil wir im Sommerloch nach Themen suchen?

Julia Schmidt: Das, was in den letzten Tagen heruntergekommen ist, ist schon bemerkenswert. Dennoch sind wir in Norddeutschland eher maritim geprägt. Diese stabilen Hochdrucklagen mit Sonnenschein und Temperaturen von 30 Grad - so etwas haben wir in den Sommermonaten für einen längeren Zeitraum gar nicht. Es ist schön, wenn es kommt, man wünscht sich das, aber wir sind hier im Norden recht atlantisch geprägt, und es kommen immer wieder Tiefausläufer rein.

Bei der aktuellen Lage hat sich ein Tief ganz gut über Deutschland festgesetzt und ist nur langsam Richtung Polen gezogen - und das hat diese Regenmengen gebracht.

Sie erstellen auch Warnlageberichte beim Deutschen Wetterdienst. "Warnungen vor extremem Unwetter" - das ist eine Kategorie bei Ihnen, nachzulesen auf Ihrer Internetseite. Wann ist diese Stufe erreicht?

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Schmidt: Unsere höchste Stufe - extrem ergiebiger Dauerregen - ist erreicht, wenn wir in 24 Stunden über 80 Liter pro Quadratmeter erwarten und in 48 Stunden über 90. Wir hatten teilweise in Südniedersachsen Stationen, bei denen in 48 Stunden 150 Liter, bei einer sogar 165 Liter herunterkamen. Da ist das Kriterium absolut erfüllt gewesen.

Woher kommen diese starken Wassermengen? Sind das die Auswirkungen des Klimawandels?

Schmidt: Das passt natürlich ganz gut in das Bild, das wir vom Klimawandel gewinnen. Man kann vereinfacht sagen: Je wärmer die Luft ist, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen. Und das ist das, womit wir beim Klimawandel rechnen: mit der Klimaerwärmung. Wenn die Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann, steht auch mehr Wasser zur Verfügung, was sich letztlich in intensiveren Niederschlägen äußern kann.

Das, was in den letzten Tagen passiert ist, passt natürlich ganz gut dazu. Trotzdem müssen wir einen längeren Zeitraum betrachten. Jetzt schon zu sagen: Ja, das sind deutliche Zeichen des Klimawandels - da wäre ich vorsichtig. Aber offensichtlich zeigt sich ein gewisser Trend, es bewahrheitet sich, was wir erwarten, was passieren wird, wenn sich die Temperatur auf der Erde weiter erwärmen wird.

Im Juni hatten wir auch schon einen Extremfall: heiße Temperaturen zwischen 30 und 35 Grad, dann extremes Gewitter, starker Dauerregen. Sind solche Temperaturen Vorboten solcher Regenfälle?

Eine Frau an den Landungsbrücken versucht ihren roten Regenschirm zu bändigen. © picture-alliance / dpa Fotograf: Ulrich Perrey

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Mitten im Juli erleben wir Dauerregen. Was ist los mit unserem Wetter? Was ist los mit unserem Klima? Ein Gespräch mit der Meteorologin Julia Schmidt vom Deutschen Wetterdienst Hamburg.

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Schmidt: Sie sprechen besonders den Fall am 22. Juni an - daran kann ich mich persönlich sehr genau erinnern. Da war es nicht nur sehr heiß, es war gleichzeitig auch sehr feucht. Feucht-heiße Luftmassen geben letztlich die Energie, die diese Gewitter brauchen. Wären es 35 Grad und trocken, also eine stabile Hochdrucklage, würde nichts passieren. Wenn wir aber diese schwüle Hitze haben, können wir in der Regel immer damit rechnen, dass kräftige Gewitter mit Starkregen die Folge sind. Wobei es auch da lokal zu größeren Unterschieden kommt: Ein Ort bleibt trocken oder kriegt nur ein paar Tropfen ab - und anderenorts geht die Welt unter.

Wie zuverlässig lässt sich das Wetter tatsächlich voraussagen?

Schmidt: Der Vorhersagbarkeit sind natürlich Grenzen gesetzt. Die nächsten zwei, drei Tage lassen sich sehr gut vorhersagen - dann wird es schon schwierig. Trends kann man für maximal zehn Tage mitgeben, und danach sollte man tunlichst keine detaillierten Vorhersagen mehr aufgeben. Es hängt auch immer ein bisschen von der Wetterlage ab. Wenn wir eine stabile Hochdrucklage haben, kann man sagen, dass es sich die nächsten vier, fünf Tage nicht großartig ändern wird. Aber wenn wir immer wieder den Wechsel mit Tiefdruckgebieten haben, können sich durchaus innerhalb weniger Tage oder Stunden Unterschiede ergeben. Und da hat man dann ein bisschen den Eindruck, dass es mit der Wettervorhersage wieder nicht klappt. Da gibt es schon ein paar Faktoren, die das Ganze auch mal schwierig machen können.

Dann können Sie uns den Sommer noch gar nicht voraussagen?

Schmidt: Leider nein. Aber ich kann Ihnen einen Trend für die nächsten sieben bis zehn Tage mitgeben: Ich würde Ihnen gerne Hoffnung machen, aber so wie es aussieht, bleibt es wohl auch zu Beginn des Augusts eher im wechselhaften Bereich. Eine stabile sommerliche Hochdrucklage ist nach wie vor nicht in Sicht.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.07.2017 | 19:00 Uhr

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