Stand: 23.08.2017 17:39 Uhr

"Videospiele sind keine Flucht aus der Wirklichkeit"

"Kulturgut, Innovationsmotor, Wirtschaftsfaktor von allergrößter Bedeutung" - so die Bundeskanzlerin Angela Merkel über Games zur Eröffnung der Computerspielmesse Gamescom in Köln. Unter dem Motto "Einfach zusammen spielen" werden dort die neuesten Trends der Branche vorgestellt. Einer davon heißt: Virtuelle Realität. Die wiederum lässt sich auch philosophisch abtasten. Der Philosoph Markus Gabriel referiert auf der Gamescom über eine "Ontolgie der Realität von Videospielen". NDR Kultur hat vorab mit ihm gesprochen.

Herr Gabriel, da liegen Sie ja voll im Gamer-Trend. Sie stellen nicht nur einerseits die "reale" Welt in Frage - in Ihrem Buch "Warum es die Welt nicht gibt" - sondern gehen einen Schritt weiter und sagen: "Videospiele haben ein reales Sein, wenn sie ihnen eine Ontologie zuschreiben." Können Sie das erklären?

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Über Markus Gabriels Buch "Warum es die Welt nicht gibt" von 2013 wurde viel diskutiert.

Markus Gabriel: In aller Kürze kann man sagen, dass Figuren in Videospielen, wie etwa Super Mario, wirklich existieren, und zwar auf der Ebene unserer Einbildungskraft. Das heißt, Videospiele sind eine Wirklichkeit in der Ebene des Imaginären. Und diese Wirklichkeit ist nicht weniger wirklich als die Wirklichkeit von Fingernägeln, Köln oder Holzstühlen.

Und wie unterscheiden Sie die reale Wirklichkeit von der fiktiven, virtuellen Welt des Spiels?

Gabriel: Fundamental würde ich sie gar nicht so unterscheiden, dass die eine die reale Wirklichkeit ist und die andere die fiktive. Der Unterschied zwischen einem eingebildeten Einhorn und einem Pony auf einem Ponyhof ist nicht so sehr, dass das eine fiktiv ist und das andere nicht, sondern der Unterschied ist, dass ich eine andere Beziehung zu diesen Gegenständen habe. Wenn ein Gegenstand "nur" in meiner Einbildungskraft existiert, ist meine Beziehung zu diesem Gegenstand anders - nicht der Gegenstand. Ein eingebildetes Einhorn ist eben doch ein Einhorn.

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Ist das im Grunde eine andere Schublade in unserem Gehirn, oder wie soll ich das verstehen?

Gabriel: Es ist eine andere Schublade in der Wirklichkeit - nicht so sehr in unserem Gehirn. Das Wirkliche - statt von Wirklichkeit spreche ich lieber vom Wirklichen, weil es vielfältige Schubladen gibt - besteht nur aus vielen Schubladen ohne einen Schrank, zu dem sie alle gehören. Es gibt einfach sehr viele Schubladen, Taschen des Wirklichen, ohne dass sie zusammenhängen. Das war die Hauptthese dieses Buches "Warum es die Welt nicht gibt". Und Videospiele sind eine Tasche der Wirklichkeit.

Der "Homo ludens", der spielende Mensch - diese Begrifflichkeit hat eine lange Tradition. Für Schiller zum Beispiel ist der Mensch nur ganz Mensch, wenn er spielt. Heute, 2017, sind wir weiter: Es geht beim Spiel um Virtualität. Warum verlässt der Mensch die reale Welt, um sich in die Welt der Spiele zu begeben?

Gabriel: Ich glaube, dass es das, was wir die "reale Welt" nennen, nicht gibt. Das heißt, wir verlassen gar nichts. Sondern als Menschen existieren wir wesentlich über die Bilder, die wir uns von uns selber und von anderen machen. Wir sind die Wirklichkeit, die darin besteht, dass sie sich ein Bild von sich und von anderen macht. Wir verlassen also gar nichts. Es gibt nicht eine Wirklichkeit, die vor den Bildern wäre, und jetzt kommen die Bilder und stören diese Wirklichkeit oder dienen als Wirklichkeitsflucht. Die Idee, dass wir in die Bilder flüchten, ist der erste Irrtum, den man haben kann über Videospiele oder virtuelle Realitäten. Solange man glaubt, dass das Wirklichkeitsflucht ist und nicht Wirklichkeit, wird man das auch politisch gar nicht begreifen, was im digitalen Zeitalter gerade vor sich geht.

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In der Spielewelt werden trotzdem andere Realitäten erzeugt und digital so gut nachgebaut, dass sie ziemlich echt wirken. Kann dadurch auch etwas Produktives entstehen? Kann durch die Spielsituation etwas simuliert werden, das in der realen Welt dann ausprobiert, umgesetzt werden kann? Das Spiel als Probelauf für den Echt-Fall? Oder würden Sie das philosophisch ganz anders erklären?

Gabriel: Ich würde es tatsächlich anders erklären. Ich würde sagen, das Spiel ist schon der Echt-Fall. Nehmen wir an, ich spiele ein Fußballspiel online gegen einen anderen Spieler - dann gewinne ich ja wirklich ein Spiel. Und ich kann mich auch in einem Spiel ethisch gut und ethisch schlecht gegenüber meinen Mitspielern verhalten. Das Spiel ist also schon eine Wirklichkeit. Die übliche Unterscheidung, die man macht, z.B. in den Zug steigen - ein Echt-Fall - und in einem Videospiel in den Zug steigen - kein Echt-Fall - trägt nicht sehr weit.

Was passiert denn, wenn das Spiel die Realität übernimmt? Wenn Roboter sich aktiv in das reale Leben einschalten können - oder ist das Unsinn?

Gabriel: Das passiert schon lange. Dass das Spiel die Realität übernimmt, geschieht spätestens seit dem Beginn der Kunstgeschichte. Seit über 100.000 Jahren. Das nennt man Menschheitsgeschichte. Die gesamte Menschheitsgeschichte ist nichts anderes als das Ausagieren unserer spielerischen Aktivität als Wirklichkeit. Seit es Menschen gibt, ist das schon so. Was neu ist in der digitalen Revolution, ist die höhere Auflösung des Spiels und das größere Repertoire. Die Wirklichkeit hat sich überhaupt nicht geändert - wir sind nur besser darin geworden, Wirklichkeiten zu erzeugen.

Sie selbst haben sich vom Zauber des Spiels anziehen lassen. Wo liegt für Sie - vielleicht ganz persönlich - der Reiz des Spiels?

Gabriel: Der Reiz des Spiels - des Videospiels oder der virtuellen Realitäten - liegt darin, dass wir es mit einer Form von Kunst zu tun haben. Der Zauber des Videospiels ist exakt derselbe Zauber der Kunst. Ein guter Romantiker könnte genauso glühende Gedichte schreiben auf die Wirklichkeit von Videospielen, wie es seinerzeit große Hymnen gab auf die griechischen Götter. Super Mario ist eine Art Gott im Sinne der griechischen Mythologie in unserer heutigen Wirklichkeit, so wie Superman und Batman. Das Ganze ist Mythologie, mit der wir es hier zu tun haben.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Markus Gabriel © picture-alliance / dpa Fotograf: Ronald Wittek

"Computerspiele sind eine Form von Kunst"

NDR Kultur -

Auf der Computerspielmesse Gamescom in Köln werden die neuesten Trends der Branche vorgestellt. Der Philosph Markus Gabriel spricht auf NDR Kultur über die Realität von Videospielen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.08.2017 | 19:00 Uhr

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