Stand: 09.06.2015 17:05 Uhr

"Manche machen Sport, wir machen Theater"

von Thomas Naedler

Ein neues Schlagwort macht derzeit die Runde in der Theaterszene - die "Bürgerbühne". Was ehemals Laienspielgruppe oder Amateurtheater genannt wurde, das wird nun unter dem Dach der professionellen Häuser zur "Bürgerbühne". In Rostock feierte ein entsprechend benanntes Ensemble im April Premiere und auch in Parchim proben - unterstützt vom dortigen Landestheater - Laien an ihrem Stück.

Die Bretter, die viel Spaß bedeuten

Bild vergrößern
Schauspielerin Marlene Eiberger (hier in der Rolle des Sams) hat nicht lange überlegt, als es um die Unterstützung des Bürgerensembles ging.

Die Kulissen passen. Knapp nur, aber sie passen. Weiße Wände stehen da im klitzekleinen Bühnenraum, nur wenige Zentimeter unter den groben Holzbalken und Marlene Eiberger macht sich Sorgen, dass es zu eng wird. Eiberger ist eine kleine, energiegeladene Frau Anfang 30, Schauspielerin am Landestheater Parchim. Seit zwei Jahren leitet sie zusammen mit ihrer Kollegin Anne Ebel die Bürgerbühne "Pütter Bretter". Die Pütt - so nennen die Parchimer ihre Stadt. "Pütter Bretter", ein naheliegender Name.

"Es macht auf jeden Fall Spaß und es macht auch richtig viel Spaß zu sehen, wie jeder einzelne aufblüht und man Seiten sieht, die man überhaupt nicht vermutet hätte und auch, wie krass unterschiedlich jedes dieser Pütter-Bretter-Mitglieder ist", findet Marlene Eiberger.

Theater machen auf der Bürgerbühne

Heute probt das Ensemble zum ersten Mal auf dieser Bühne - in zweieinhalb Wochen wollen sie hier ihre Premiere spielen. "Das Riesending von Parchim" heißt das Stück - es geht um ein Windrad, das den ersten Sturm nicht übersteht, um Schulden und einen großen Plan, der am Ende nur aufgehen kann, wenn Männer sich ausziehen.

Auf der Bühne stehen eine Gemeindepädagogin, eine ehemalige Kindergartenerzieherin, ein Pastor im Ruhestand, die Mitarbeiterin einer Beratungsstelle. Insgesamt sechs Erwachsene die jüngste Ende 20, die älteste 75 Jahre alt. Und diese ist besonders begeistert: "Die könnten hier ja alle meine Kinder und Enkelkinder sein, aber wir sind so ein tolles Team, die sind alle so super drauf." "Es ist nicht nur der Spaß an der Freude, sondern es geht auch darum, das Gedächtnis zu trainieren. In unserem Alter ist das nicht mehr so einfach. Manche lernen Fremdsprachen, manche machen Sport und wir, wir machen Theater", erklärt ein anderes Mitglied des Bürgerensembles.

Die Bürgerbühne in aller Munde

Bild vergrößern
Nicht nur in Parchim - auch am Volkstheater Rostock gibt es seit einem halben Jahr eine Bürgerbühne.

Der Begriff Bürgerbühne ist derzeit in aller Munde. In Rostock gibt es eine - am Volkstheater seit gut einem halben Jahr. Im April feierte das Ensemble mit der Collage "RE" Produktion die erste Premiere.

In Schwerin probte ein Laien-Ensemble über einige Jahre am Staatstheater - doch damals war das Wort "Bürgerbühne" noch nicht etabliert und die Gruppe hieß schlicht: Absolute Beginner.

Auch der Deutsche Bühnenverein, der Bundesverband der Theater und Orchester, hat das Thema angepackt - bei seiner Jahrestagung Ende Mai in Potsdam. Niemand sei besser in der Lage als das Theater, hieß es da, "unter Partizipation der Zuschauer neue kreative Räume zur Lösung anstehender Zukunftsfragen zu entwickeln".

Der kreative Raum in Parchim hat 40 Plätze und eine kleine Bühne. Marlene Eiberger und ihre Kollegin setzen auf Regietheater - das Stück liegt in einer Strichfassung vor, in der Szenenarbeit geht es um Orte, an denen die Darsteller stehen, um Reaktionen und wie sie motiviert sind, um Text und immer wieder um Text.

Am Montag glücklich nach Hause gehen

Bleibt die Frage, was eine junge Schauspielerin dazu bringt, sich in der künstlerischen Arbeit mit Laien zu versuchen. Marlene Eiberger muss nicht lange überlegen: "Es war eigentlich nach dem ersten Treffen klar: Da kommt so viel zurück, dass man an diesem Montagabend, egal wie der Montag vorher war, nur glücklich nach Hause geht."

Der Tag der Premiere ist nah und es ist noch viel zu tun. Die weißen Wände zumindest passen und vor Improvisationen haben sie keine Angst - die Darsteller, weil alles neu ist und die beiden Schauspielerinnen, weil sie schon eine Weile spielen - in einem kleinen Ensemble in einer kleinen Stadt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 09.06.2015 | 19:02 Uhr