Stand: 24.02.2017 14:51 Uhr

Populismus: "Ein vielschichtiges Phänomen"

Er ist nicht neu, aber er ist anders: ein Populismus, der sich zurzeit in den Vereinigten Staaten mit einem Präsidenten von einer Seite zeigt, die viele Beobachter als ungewohnt "neu" bewerten. Ein Populismus, der sich auch in vielen Ländern Europas, inklusive Deutschland, ausbreitet, ohne dass die Folgen konkret absehbar wären.

Was aber ist eigentlich Populismus? Gegen wen richtet er sich? Welche Muster bedient er? Wo fängt Populismus an und wo hört er auf? Fragen an den Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst.

Herr Probst, seit vielen Jahren wird von namhaften Kreisen versucht, dem Phänomen Populismus auf die Schliche zu kommen. So richtig ist das bis heute nicht gelungen, zumindest sind die Kategorien unscharf. Woran liegt das?

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"Es ist wichtig, dass man auch die Stimmen ernst nimmt, die sich nicht repräsentiert fühlen", findet Lothar Probst.

Lothar Probst: Es gibt bis heute keine einheitliche Definition, was wir eigentlich unter Populismus verstehen. Das ist wie mit dem Pudding, den man nicht an die Wand nageln kann. Das liegt daran, dass der Populismus mit sehr unterschiedlichen Strömungen in der Gesellschaft vereinbar ist. Es gibt Populismus von links undvon rechts. Wir haben es mit einem vielschichtigen Phänomen zu tun, und das zu fassen und klar einzugrenzen, ist außerordentlich schwierig.

Es wird auch immer wieder der Begriff "Chamäleon" ins Spiel geführt. Politische Inhalte, begriffliche Einrahmungen, gesellschaftliche Verankerungen - das alles scheint austauschbar zu sein. Was steckt denn dahinter?

Probst: Ein Chamäleon kann häufig die Farbe wechseln, und so ist es in der Tat auch mit dem Populismus. Trotzdem gibt es heute bestimmte gemeinsame Merkmale. In der Politikwissenschaft sprechen wir deshalb auch von einer Familie von rechtspopulistischen Parteien. Die können zwar sehr unterschiedlich sein, weil der Populismus sich immer anpasst an die jeweiligen politischen Gegebenheiten des Landes, in dem sich populistische Akteure bewegen, aber es gibt gemeinsame Merkmale. Zum einen grenzen sie sich von den herrschenden Eliten ab, sie arbeiten mit ausländerfeindlichen Parolen, heute vor allem mit Anti-Islam-Parolen und sie versuchen mit bestimmten wirtschaftsliberalen Forderungen Wähler zu umwerben. Einige machen das stärker mit wirtschaftsliberalen Forderungen, andere aber eher mit sozialprotektionistischen Forderungen, indem sie sich für die Belange der nationalen Arbeiter einsetzen.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu untersucht in seinem Buch "Die feinen Unterschiede" (1979) das, was bei populistischen Strömungen in der Gesellschaft passiert: Er sieht die "herrschende Elite" auf der einen Seite und die "wehrlose" Masse, die sich ungerecht von der Elite behandelt fühlt. Ist es dieses starke Gefühl der Ungerechtigkeit, was da mobilisiert? Und das in der Lage ist, ein gesellschaftliches Gefüge, eine soziale Ordnung ins Wanken zu bringen?

Probst: Wir haben es hier mit zwei Problemen zu tun. Der Eliten-Begriff ist ähnlich unscharf wie der Begriff des Populismus oder der Begriff des Volkes. Populisten verstehen es, hier zwei Dinge zu machen: Sie konstruieren auf der einen Seite die einheitliche Elite. Soziologisch betrachtet handelt es sich bei der Elite um einen Kreis von Personen, meistens gut qualifiziert, gut ausgebildet, der in verschiedenen Funktionsbereichen der Gesellschaft Verantwortung trägt. Das können politische Bereiche sein, das kann die Justiz sein, die Wissenschaft oder die Wirtschaft. Insofern ist die Elite nie einheitlich, sondern es gibt auch dort ganz unterschiedliche Funktionsbereiche, unterschiedliche Strömungen und unterschiedliche Positionen. Aber die Populisten machen daraus eine Machtelite, die sie angreifen und die sie dafür verantwortlich machen, dass das einfache Volk, sich nicht mehr repräsentiert fühlen.

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Auf der anderen Seite wird auch das Volk als ein homogenes Volk konstruiert, als würde man in jedem Moment wissen, was der Wille des Volkes ist. Wir wissen ja, empirisch gesehen, eigentlich nie, was gerade der Volkswille ist. Und auch das Volk ist wiederum gespalten in unterschiedliche soziale und politische Strömungen. Aber dadurch, dass die Populisten hier zwei Konstruktionen schaffen - die einheitliche Elite auf der einen Seite und das homogene Volk auf der anderen Seite - konstruieren sie einen antagonistischen Widerspruch zwischen diesen beiden Teilen und versuchen auf dieser Welle dann auch ihre Politik zu gestalten.

Wir haben in Deutschland Bundestagswahlkampf: In der SPD erzeugt Martin Schulz gerade eine große Dynamik. Wie macht er das? Bespielt er populistische Argumentationsflächen? Diese Kritik wird ja geäußert: Politiker verschiedener Parteien werfen Schulz populistische Züge vor. Ist da was dran?

Probst: Es gehört immer ein bisschen zum politischen Stil aller Parteien, dass man dem anderen jeweils Populismus vorwirft. In anderen Ländern ist das übrigens viel weniger verwerflich als in Deutschland. Bei uns hat das immer so einen negativen Beigeschmack. Aber wenn man Schulz betrachtet, kann man schon sagen, dass er eine Denkfigur immer wieder bemüht, die man auch häufig bei Populisten findet: die des hart arbeitenden Volkes, welches nicht mehr berücksichtigt wird von den jeweiligen Machteliten. Jeder Politiker steht immer in der Gefahr, gerade wenn er auf so einer Welle des Erfolges schwimmt wie jetzt Martin Schulz, dass er zurückgreift auf solche einfachen Argumentationen. Er greift damit ein weit verbreitetes Unwohlsein in Teilen der Gesellschaft auf, das gerade bei den klassischen Wählern der Sozialdemokraten mit der Agenda 2010 zu tun hat. Das ist dann letzen Endes durchaus legitim, denn an die hart arbeitenden, einfachen Leute zu denken, ist ja nichts Verwerfliches.

Gibt es in der Politik bewährte Mittel, wie dem Populismus konstruktiv begegnet werden kann?

Probst: Das ist gar nicht so einfach. Ich habe einen klugen Satz über den Wahlerfolg von Donald Trump gelesen: "Die Journalisten haben Donald Trump wörtlich aber nicht ernst genommen, und die Leute haben ihn ernst aber nicht wörtlich genommen." Da steckt sehr viel Wahrheit drin. Das heißt, die Populisten spielen natürlich immer mit ihren Provokationen, sie versuchen die Medien und die "andere" Elite - denn sie sind ja häufig selbst Elite, wenn man zum Beispiel Trump betrachtet - zu provozieren und hervorzulocken.

Es ist wichtig in unserer Medienlandschaft, dass man auch die Stimmen berücksichtigt und ernst nimmt, die sich tatsächlich nicht repräsentiert fühlen. In Dänemark zum Beispiel haben die Medien schon vor längerer Zeit begonnen, sich nicht nur in diesem Kreislauf von Eliten zu bewegen - denn Journalisten und Politiker bilden häufig so einen Kreislauf -, sondern sie haben vermehrt Reportagen gemacht über Leute, die normalerweise in dem medialen Diskurs nicht vorkommen. Sie haben ihre Positionen aufgegriffen, sodass sie artikuliert werden. Häufig geht es ja darum, dass Menschen, die sich nicht mehr repräsentiert fühlen, gehört werden, dass sie mit ihren Anliegen wahrgenommen werden. Das hat Trump bei einem Teil seiner Wählerschaft gemacht, die er umworben hat. Ich glaube, hier tun alle gut daran, auch diejenigen, die in verantwortlichen Positionen sind, aber auch die Medien, dass sie diese Stimmen zu Gehör bringen.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.02.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Lothar-Probst-ueber-Populismus,journal742.html

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