Stand: 21.09.2015 17:20 Uhr

Hamburger Literatur-Veranstalter im Streit

von Benedikt Scheper

Während sich beim Hamburger Harbour Front Literaturfestival die Stars noch gegenseitig die Klinke in die Hand geben, brodelt es momentan hinter den Kulissen. Immer wieder kam es zu Terminkollisionen, immer wieder zu Streit zwischen den Beteiligten. Nun hat das Hamburger Literaturhaus seine Kooperation mit dem Literaturfestival beendet.

Bild vergrößern
Der Leiter des Hamburger Literaturhauses Rainer Moritz will die Kooperation mit dem Literaturfestival nicht fortführen.

Seit 2009 bestand die Kooperation zwischen den Veranstaltern, um unnötige gegenseitige Konkurrenz auszuschließen. Laut Absprache sollte das Literaturhaus während des Festivals keine weiteren Veranstaltungen anbieten. 2014 kündigte wiederum die Leitung von Harbour Front an, auch über ihren Festivalkernzeitraum hinaus Angebote ins Programm aufzunehmen. Auch hierfür galt die Abmachung, Termine so zu koordinieren, dass keiner dem anderen die Literaturbegeisterten wegnimmt.

Dies sei jedoch sowohl 2014 als auch 2015 nicht eingehalten worden, sagt Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg. Fehlende Absprachen hätten zu unnötigen Überschneidungen geführt. Nun hat Moritz Konsequenzen gezogen: "Das Literaturhaus hat in einer Presseerklärung deutlich gemacht, dass die Kooperation, die wir sechs Jahre mit dem Harbour Front Festival hatten, 2016 nicht mehr fortgeführt werden wird. Die Gründe dafür sind den Organisatoren von Harbour Front seit mehreren Monaten bekannt."

Keine Rücksicht mehr

Die Überschneidungen haben für Moritz zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung geführt. Zahlen nannte das Literaturhaus in seiner am Montag veröffentlichten Presseerklärung jedoch nicht. Moritz' Ankündigung, ab 2016 keine Rücksicht mehr auf die Terminplanung des Harbour Front Literaturfestivals zu nehmen, bedauert nun auch der Ex-Partner Niko Hansen, Gründer und Leiter des Harbour Front Literaturfestivals: "Jenseits dieser Probleme geht es natürlich darum, den Leuten, die Lesungen besuchen wollen, eine abgestimmte Programmpolitik zu präsentieren, sodass sie möglichst viele interessante Autoren, möglichst ohne Überschneidungen und ohne Überlappungen sehen können. Das gerät jetzt in Gefahr durch die Erklärung vom Literaturhaus Hamburg." Auch die Kulturbehörde, die beide Seiten mit einem sechsstelligen Betrag fördert, ist an einer vernünftigen und publikumsfreundlichen Absprache interessiert.

In einer eilig verfassten Pressemitteilung lässt Hansen nun verlauten, sie hätten bei der Planung geschlafen, aber das Literaturhaus auch. Das bezeichnet Rainer Moritz als unwahr und zitiert aus dem internen Schriftverkehr vom 17. Juni dieses Jahres mit Peter Lohmann:

"Denn es besteht kein Zweifel, dass wir, die Festivalleitung von Harbour Front, die gemeinsam beschlossene Absprache nicht eingehalten haben und es somit an uns ist, die Kuh vom Eis zu bekommen. (...) Schon letztes Jahr haben wir die Absprache, Dich rechtzeitig über Programm und Zeitpunkt zu informieren, nicht eingehalten."

Der Literaturhaus-Chef sieht in dem Pressestatement von Harbour Front eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit und verweist auf weitere aktuelle Überschneidungen, allein in diesem Jahr sind es nach seiner Zählung sechs. Die eklatanteste: Am 8. Oktober tritt Jonathan Franzen im Thalia Theater für das Literaturhaus auf, am selben Abend bietet Harbour Front gleich drei Parallelveranstaltungen an. Niko Hansen räumt zwar Fehler ein, vermutet aber in Wahrheit noch einen etwas anderen Hintergrund: "Das Literaturhaus hat, glaube ich, kein großes Interesse an dieser Abstimmung, weil es nicht wirklich zurücktreten möchte, sondern weil es eigentlich eine Platzhirsch-Position in Hamburg einnehmen will."

Immerhin betont Hansen, sei das Harbour Front weiterhin sehr an einer Kooperation interessiert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 21.09.2015 | 17:20 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Literaturstreit-in-Hamburg,harbourfront242.html

Kritik an Harbour Front: "Blanker Unsinn"

Kein inhaltliches Konzept und Kürzungen im Jugendprogramm - so lautet die Kritik am Hamburger Harbour Front Literaturfestival. Das sei "blanker Unsinn" entgegnet Veranstalter Hansen. mehr

mit Video

Ungläubiges Staunen über eine Lesung

Navid Kermani hat beim Harbour Front Literaturfestival sein Buch "Ungläubiges Staunen. Über das Christentum" in einer Hamburger Moschee vorgestellt. 34 Vorleser standen ihm zur Seite. mehr