Stand: 23.09.2016 11:50 Uhr

Life Back Home: Jugendliche erzählen von Syrien

von Ulrike Henningsen

Wer die Menschen aus anderen Kulturen verstehen möchte, sollte sie kennenlernen. 2005 wurden in Münster die Wurzeln für die Organisation "The Global Experience e.V." gelegt. In vielen Projekten hinterfragt sie Stereotypen und macht neugierig auf Menschen, die einem zunächst vielleicht vollkommen fremd erscheinen. Eines davon ist heute besonders gefragt: "Life back home" heißt das Projekt, bei dem junge Menschen, die vor einiger Zeit nach Deutschland geflüchtet und mittlerweile gut integriert sind, in deutschen Schulen von ihrem Leben vor, nach und während der Flucht erzählen. Gerade waren sie zu Gast in einer zwölften Klasse der Stadtteil- und Kulturschule Hamburg-Altrahlstedt.

Allaa und Abdul beim Besuch in Rahlstedt

Allaa Faham zeigt Bilder aus seiner Heimat: helle Häuserfassaden im Sonnenlicht, der Himmel strahlend blau. "Ehrlich gesagt, hatte ich nicht diese Idee, dass ich nach Deutschland kommen werde - aber dann hatte ich keine andere Wahl." Vor vier Jahren, mit fünfzehn, verließ er Syrien, denn das Leben war dort unerträglich geworden. Die Auswirkungen des diktatorischen Regimes werden deutlich, als er den Schülerinnen und Schülern ein weiteres Foto zeigt: "Das ist ein Freund von mir, der war damals der beste Freund. Ich hab ihn mehr gesehen als meine Eltern." Der beste Freund wurde fünf Tage nachdem Allaa geflohen war, verhaftet und inhaftiert vom Geheimdienst. Die Strapazen der Gefangenschaft hat er nicht überlebt.

"Es kann sein, dass man in einer Sekunde stirbt"

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Life Back Home

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Was bedeutet es, aus einem Land zu fliehen, in dem Hunger, Armut und Unsicherheit den Alltag bestimmen? Für das Projekt "Life Back Home" erzählen junge Geflüchtete von ihren Erfahrungen. extern

Allaa Faham erzählt Geschichten aus einer Zeit, in der viele Menschen für die Freiheit in Syrien auf die Straße gingen und dabei ihr Leben riskierten: "Man rennt und sieht die Leute, die entweder sterben oder verletzt werden. Und es kann sein, dass man in einer Sekunde stirbt. Aber ich habe es zum Glück so zwei, drei Mal überlebt."

Die Familie, erzählt der junge Mann den sichtlich berührten Zwölftklässlern, ging zunächst nach Saudi Arabien, weil der Vater dort arbeitete. Allaa hatte keine Perspektive und kam mit einem Visum vor zwei Jahren nach Deutschland. Er studiert an einem Hamburger Kolleg Geisteswissenschaften. Sein Freund Abdul Abbasi kam über Aufenthalte in Ägypten, Libyen und der Türkei nach Deutschland. Er studiert in Göttingen Zahnmedizin.

Mit "German LifeStyle" auf YouTube und Facebook

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German LifeStyle

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In ihren Videos sprechen Abdul und Allaa über das Leben in Deutschland, ihre Erfahrungen und geben Tipps - immer mit einer guten Portion Selbstironie. extern

Die beiden Syrer sind im Internet unterwegs. In ihren Filmen in deutscher Sprache mit syrischen Untertiteln karikieren sie Stereotype und Vorurteile über die typischen Eigenarten der Syrer und Deutschen so witzig, dass sie zigtausendfach angeklickt werden. Mehr als 80.000 Likes hat ihr Profil "German LifeStyle" bei Facebook. "Wir übertreiben, wir übertreiben richtig heftig“, sagt Abdul, "deswegen wird es heute auch richtig witzig.“

Ein Medienworkshop folgt für die Schülerinnen und Schüler der Stadtteil- und Kulturschule Hamburg-Altrahlstedt. Während der Vorträge haben sie aufmerksam zugehört und interessiert nachgefragt. Nun sollen sie selbst bei einem Video mitmachen. Abdul spielt einen syrischen Schüler, der zum ersten Mal seine neue Klasse betritt - und sich so verhält, wie er es aus Syrien kennt - nur eben völlig übertrieben. Abdul erträgt es nicht, wenn der Lehrer die Tafel wischt und stürzt nach vorn, um diesem den Schwamm zu entreißen - wo er, Abdul, doch Tafeldienst hat. Auch dem Lehrer gibt er Regieanweisungen und der spielt gerne mit: "Und du drehst dich einfach und machst: ,Oh mein Gott‘."

Video im Kasten, Vermittlung gelungen

Nach vier Stunden Workshop sind die Szenen im Kasten und Allaa wird noch einmal wiederkommen - zum Schneiden des Materials. Die Schülerinnen und Schüler freuen sich jetzt schon darauf.

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    Mir gefällt es sehr gut und sie bringen die Themen, die man nicht wusste, auch sehr humorvoll, was mir auch sehr gefällt.
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    Ich kannte ja schon die äußeren Umstände auf Grund der Medien und der Schule. Da haben wir uns mit dem Thema befasst. Aber die Gefühle sind rübergekommen, als sie es persönlich erzählt haben.
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    Wie sie in so kurzer Zeit so viel erreicht haben - Megalob an die!
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Abdul und Allaa sind hochzufrieden mit den Zwölftklässlern und sie werden weitermachen mit ihren Workshops und ihren Videos: "Das ist halt in unserer menschlichen Natur, dass wir Vorurteile machen, aber wir arbeiten daran, dass wir das immer mehr reduzieren."

 

Allaa Faham und Abdul Abbasi Abdul Rahman vom Projekt Life Back Home in der 12. Klasse der Stadtteil- und Kulturschule Altrahlstedt. © NDR Fotograf: Ulrike Henningsen

Jugendliche erzählen von Syrien

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.09.2016 | 14:20 Uhr

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