Stand: 21.02.2016 09:55 Uhr

Auf ein Wort: Lieblingswörter bei NDR Kultur

Seit dem Jahr 2000 steht der 21. Februar ganz im Zeichen der Sprache - und zwar der Muttersprache. Weltweit werden Sprachminderheiten unterdrückt, rund die Hälfte der 6.000 Sprachen, die heute gesprochen werden, sind nach Annahmen der UNESCO vom Verschwinden bedroht. Mit dem Internationalen Tag der Muttersprache wird an die Bedeutung der Muttersprache als Ausdruck der kulturellen Identität erinnert, in diesem Jahr unter dem Motto "Ich spreche, also bin ich - Identität und Sprache".

Die Lieblingsworte der Redaktion

Bei NDR Kultur arbeiten wir jeden Tag mit Sprache. Welche Wortwahl ist die richtige, was implizieren bestimmte Begriffe oder Fragestellungen? Der NDR stellt viele Inhalte außerdem auch in leichter Sprache zur Verfügung, damit einen möglichst breiten Personenkreis erreicht, was wir berichten. Und dann gibt es noch diese einzelnen Worte, die hängen bleiben oder einem ganz besonders am Herzen liegen. Worte, die eine Geschichte haben, die Erinnerung sind oder Heimat, die voll sind von "Wortwitz" oder Lautmalerei, die vor Bildern oder Kreativität nur so sprühen. Ihre ganz persönlichen Lieblingsworte stellt die Redaktion von NDR Kultur hier vor.

  • Ulrike Henningsen - Mach nich so'n Aggewars

    Mir ist sofort ein Wort in den Sinn gekommen, das ich gerne benutze: Aggewars. Das Wort bedeutet in etwa: übermäßiger, lästiger Aufwand oder Stress/Unannehmlichkeiten. "Mach nich so’n Aggewars", sage ich zum Beispiel in Situationen, in denen ich genervt davon bin, dass der Aufwand, den man für etwas betreibt, in keinem vernünftigen Verhältnis zum erwarteten Ergebnis steht.

    Aggewars kommt aus der vom Aussterben bedrohten Sprache Petuh (oder Petuhtanten-Deutsch). Sie wird im hohen Norden rund um Flensburg gesprochen und ist eine Mischung aus Hoch- und Plattdeutsch und Reichs- und Plattdänisch. Die Familie meiner Mutter kommt aus dem deutsch-dänischen Grenzgebiet. Aggewars ist für mich ein Ausdruck, in dem sich viele dieser Einflüsse, die auch mich geprägt haben, verbinden.

  • Guido Pauling - Alles Gute

    Ich mag das schlichte Wort "gut". Weil es mit einem Laut so viel Schönes ausdrückt: Gut, das macht zufrieden, das freut jeden Menschen, wenn etwas "gut" ist. Allein das "U" in dem Wort wirkt beruhigend. Als Substantiv funktioniert es auch: ein "Gut" zu besitzen, zu pflegen, zu bewohnen ist - gut. Jeder mag "gut", so sehr, dass das kleine Wort in einer erschreckend dümmlichen Alltagsfloskel überstrapaziert wird: "Alles gut? - Ja, alles gut", tausendmal am Tag ausgesprochen, banal pauschalisierend. Immerhin zeigt das den Wunsch der Sprecher, dass doch bitteschön alles (?!) gut sein sollte. Wie im Märchen: "... und alles, alles war gut." Dabei geht es so viel einfacher und schöner: "Wie geht's? - Gut!". Reicht. Trifft den Punkt. Gut ausgedrückt, in gutem Deutsch.

  • Eva Schramm - Achtung, Cat Content

    Eines meiner Lieblingswörter ist " Katzenmusik". Beides mag ich sehr: Katzen und Musik. Und dass in der Zusammensetzung der beiden Wörter etwas reichlich Schräges und - historisch betrachtet - "Aufmüpfiges" herauskommt, gefällt mir gut. Das finde ich fast schon philosophisch.

  • Annemarie Stoltenberg - Von Ritzebüttel aus ans Wasser

    "Wellenkämme" - darüber blicken können, ohne irgendetwas zwischen Himmel und Meer, ein Schiff am Horizont - und man sich in diesen Ursprung allen Seins hineinstürzen möchte; egal wie kalt oder warm es gerade ist... Es gibt nichts Schöneres als "Wellenkämme", außer vielleicht noch "spiegelglatte See". Mein Lieblingsortsname ist eindeutig, mit weitem Abstand: "Ritzebüttel".

  • Alexander Solloch - Ein Wort für die Freundlichkeit

    Vor Kurzem bekam ich eine Mail, in der mir mitgeteilt wurde, ich möge bitte eine kurze Rückmeldung geben, und zwar "asap". Ich wusste gar nicht, was das zu bedeuten haben könnte, las dann aber nach, dass es sich hierbei um eine Abkürzung aus dem Jargon des US-Militärs handele; natürlich, "as soon as possible". Da wurde mir wieder einmal klar, dass mein Lieblingswort das schöne Adverb "spornstreichs" ist, weil ich finde, dass man alles auch freundlich sagen kann, sogar wenn's dringlich ist. Ich bitte spornstreichs um Rückmeldung!

  • Christiane Irrgang - Lecker Adschepiescho-Sauce

    Am schönsten sind oft die Wörter, die meine Kinder geschaffen haben und die dann fest ins Familienrepertoire eingegangen sind: "Meckerschling" - fast noch selbsterklärend, "Schmetterling" -, aber woher dieses andere Wort kommt, weiß ich beim besten Willen nicht, genauso wenig, wie man es eigentlich schreiben soll: "Adschepiescho-Sauce" für "Sojasoße"...

  • Christiane Irrgang - Wurzel schlägt Möhre

    Zu den persönlichen Schätzen gehören auch norddeutsche Wörter, die meine Hamburger Großmutter auch bei uns zu Hause im Rheinland nie aufgegeben hat - und die, seit ich im Norden lebe, endlich wieder verstanden werden: "fünsch" - ärgerlich, schlecht gelaunt , "stäbig" für ein besonders sättigendes Gericht, das schwer im Magen liegt, "Eule" = Handfeger und natürlich "Wurzeln" statt "Möhren" oder "Karotten".

  • Nicole Spietczack - Keine weiteren Fragen

    Mein Lieblingswort heißt "Kokolores". Wichtig ist, dass das Wort resolut ausgesprochen wird. Widerrede zwecklos. In meiner Kindheit bei meiner Oma zu Hause war alles Kokolores, was nicht in ihr Weltbild passte. Es gab Richtiges und eben Kokolores. Die Richtung wurde mit diesem einen Wort vorgegeben und bedurfte keiner weiteren Erläuterungen. Ich verstand sie. Und so hat sich dieses kleine Wort schleichend in meine Gedanken gefressen. Natürlich spreche ich es nie aus - ich will ja nicht wie meine Oma klingen. Ach, ist das herrlich spießig.

  • Marcus Stäbler - Immerzu am Rumhüsern

    Schwierig, da ein Wort auszuwählen. Als Norddeutscher mag ich das Verb "rumhüsern" total gern, weil es erstens lustig klingt und zweitens so vielseitig einsetzbar ist. Ich kann zum Beispiel "zu lange in der Küche rumhüsern und darüber die Zeit vergessen", meine Freundin ist gerade "gesundheitlich etwas am Rumhüsern", und man sollte bei Streitereien mit dem Vermieter "nicht zu lange rumhüsern", sondern möglichst schnell zur Rechtsberatung gehen. Toll!

  • Lenore Loetsch - Möbel verbinden

    Mein Lieblingswort lernte ich kennen, kurz bevor ich heiratete. Wir bauten unsere ersten Schränke in der gemeinsamen Wohnung auf, sie kamen aus einem schwedischen Möbelhaus, wo - so will es das Gesetz - immer ein Dübel oder eine Schraube fehlt. Das Ergebnis genügte meinen Ansprüchen voll und ganz, mein Freund aber fand den Schrank "lavede". Das ist dieser Zustand zwischen wackelig, noch nicht ganz kaputt, aber trotzdem noch zu gebrauchen. "Lavede" passt als Beschreibung für vieles und ist in jeder Lebenslage zu gebrauchen, habe ich seitdem festgestellt. Und es ist ein Wort, sowohl für Optimisten als auch für deren Gegenteil!

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