Stand: 18.08.2017 17:48 Uhr

Humboldt-Forum: Wir müssen die Debatte neu führen

Es sollte wohl so etwas wie eine Anregung sein, klang dann aber doch wie eine Androhung, als Berlins Kultursenator Klaus Lederer in einem Interview "einen diskursiven Neuanfang" für das Humboldt-Forum in Berlin forderte. Als ob nicht schon seit über einem Jahrzehnt mehr als genug über die Rekonstruktion des viel diskutierten Stadtschlosses und dessen zeitgemäße Nutzung diskutiert worden wäre. Nun also, etwas mehr als zwei Jahre vor der Eröffnung: Alles auf Anfang?

Herr Lederer, wollen Sie das bundesrepublikanische Vorzeigeprojekt Humboldt-Forum tatsächlich noch einmal komplett zur Diskussion stellen?

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"Das Schloss als solches kontrastiert mit dem, was wir innen vorhaben", sagt Klaus Lederer.

Klaus Lederer: Nein, davon war ja nie die Rede. Ich habe auch nicht gesagt, ich will einen diskursiven Neustart für das gesamt Humboldt-Forum, sondern ich habe gesagt, wir müssen eine Debatte neu führen. Und das ist die, dass das Schloss als solches mit dem kontrastiert, was wir innen vorhaben, nämlich ein Aushängeschild für ein liberales, vielseitiges und weltzugewandtes Deutschland.

Die Debatte um das Schloss wurde sehr strittig geführt: Die einen sagten: Wir knüpfen an Bautradition an und geben Berlin die Mitte zurück. Andere haben gesagt: Wir errichten an diesem Ort ein Hohenzollern-Schloss wieder, einen vordemokratischen Bau, und wir setzen ein Kreuz oben drauf. Die Debatte war zunächst eine Debatte um die Hülle - und die Debatte können wir jetzt beenden, weil das schon gebaut worden ist. Es wird 2019 fertig sein und es wird dann mit Inhalten gefüllt werden. Und jetzt ist die Frage: Können wir mit dieser Hypothek, mit dem Wissen, dass dieses Schloss eine ambivalente Geschichte hat und nicht nur Schatzkammer war, sondern auch ein Symbol für politische Ambitionen, für eine expansive Herrschaft, und für eine, die sich im kolonialen Denken tief eingeprägt hat: Wir sind hier der Mittelpunkt der Welt, wir verschaffen unserem Volke einen Platz an der Sonne und konkurrieren mit anderen um Kolonien. Diese Konflikte, diese Widersprüche muss man offensiv angehen.

Ich habe gesagt, wir brauchen einen diskursiven Neustart, weil die Debatten der vergangenen Wochen offenbar darauf hindeuten, dass man sich im Haus selbst, in der Intendanz, nicht wirklich einig ist, mit den Kritiken von außen möglicherweise den kolonialen Kontext der Sammlungen nicht ausreichend thematisiert und nicht eine sehr moderne, auf der Höhe der Zeit befindliche, dem Humboldtschen Anspruch genügende Präsentation der Sammlung hinbekommt.

Also trauen Sie den Gründungsintendanten Neil MacGregor, Horst Bredekamp und Hermann Parzinger das nicht zu?

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Lederer: Ich traue Hermann Parzinger eine Menge zu. Ich glaube auch, dass er eine Sensibilität für das Thema hat. Er hat ja von sich aus, im Bewusstsein darum, dass es da ein Problem gibt, sehr intensiv begonnen, Kooperationen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Staaten zu suchen, die früher Kolonien waren. Er hat ganz deutlich versucht, den Anspruch zu betonen, dass es nicht nur darum gehen kann, die ethnologischen Sammlungen ins Schloss zurückzuholen, zumal wir ja die europäischen Sammlungen dort nicht ausstellen, sondern nur die außereuropäischen Sammlungen. Sondern dass man die Herausforderung meistern muss, den Kontext der Entstehung und der Präsentation der Sammlung in den vergangenen 100 Jahren, oder seit der Existenz des Museums für Völkerkunde, dass man da jetzt auf eine andere Art und Weise herangehen muss. Und dass wir uns schon im Klaren darüber sein müssen, dass diese Sammlung - zum einen das Zusammentragen der Exponate, aber natürlich auch die Präsentation in der Vergangenheit - auch ideologischen Zwecken gedient hat.

Es ist inzwischen so, dass alle ethnologischen Museen, alle Völkerkundemuseen im europäischen Raum sehr intensiv über die Geschichte solcher Sammlungen diskutieren und die Frage aufwerfen: Ist der koloniale Kontext der Sammlung tatsächlich ausreichend reflektiert und wird in der Sammlungspräsentation die Entstehung der Sammlung selbst in einer angemessenen Art und Weise historisiert?

Aber wäre es dann nicht an Ihnen, Herrn Parzinger, Herrn MacGregor und Herrn Bredekamp sich auf ein Bier zu treffen und zu sagen: Jungs, wir müssen da mal drüber reden?

Lederer: Offenbar ist genau das nicht gelungen in der Vergangenheit. Wenn Frau Savoy den Expertenrat verlässt, dann scheint ja die Strategie: "Wir machen das alles unter uns aus", nicht funktioniert zu haben. Und öffentlichen Kritiken begegnet man nicht, indem man sich im Hinterzimmer zusammensetzt. Wir reden natürlich miteinander.

Die Konflikte bestehen nicht zwischen mir und der Gründungsintendanz in ihren drei Personen, sondern meine Kritik bezieht sich auch auf eine verunglückte Äußerung eines anderen Gründungsintendanten, der öffentlich erklärt hat, wir sollten nicht über Kolonialismus reden - das sei nur eine kleine Epoche gewesen und Deutschland hätte überhapt keine Kolonien großartig gehabt. Da sage ich: Thema verfehlt! Kolonialismus ist nicht einfach Kolonialherrschaft. Und wenn dann aus der Intendanz des Hauses solche Äußerungen in die Welt kommen, dann ist die öffentliche Debatte darüber nicht nur ein Hobby, sondern eine Notwendigkeit.

Das komplette Gespräch zum Nachhören
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In einem Interview hat Berlins Kultursenator Klaus Lederer "einen diskursiven Neuanfang" für das Humboldt-Forum in Berlin gefordert. Im Gespräch auf NDR Kultur erläutert er seine Aussagen. Audio (07:40 min)

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Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.08.2017 | 19:00 Uhr

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