Stand: 03.10.2017 15:11 Uhr

Revolution im Schlaraffenland scheitert

von Jan Ehlert
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Jacob Matschenz (M.) kämpft sich als revoluzzerischer Sohn tapfer durch die langen Monologe des Stücks - vergeblich.

Nichts muss man tun, im Schlaraffenland: Die gebratenen Vögel fliegen einem direkt in den Mund, Bratwürste und Honig findet man überall, man muss nur die Hand danach ausstrecken. So erzählt es das Märchen vom Land, in dem der Faulste König wird. In Philipp Löhles Stück "Schlaraffenland", das am Montag in den Hamburger Kammerspielen Premiere feierte, sind es zwar keine Brathähnchen, aber: Sein Protagonist, Sohn einer wohlhabenden Familie, muss auch nur mit dem Finger schnipsen, und schon sind sie da: Tischtennisplatte, Playstation, sogar der eigene Plattenvertrag. Tun muss er dafür nichts, außer gelegentlich "Bitte" oder "Danke" zu sagen. Auch hier, in einer Welt, die sehr an die unsere erinnert, kann der Faulste wie ein König leben.

Der Mann hinter der Wand

Doch eines Tages wird die Idylle gestört: Ein Mann, ganz in Schwarz gekleidet, kommt mit einem großen Knall hinter der Wand hervor. Es ist einer der vielen unsichtbaren Helfer, die einigen wenigen ein solch luxuriöses Leben ermöglichen. Und als dieser Mann berichtet, was nötig ist, damit morgens frische Frühstückseier auf dem Tisch und neue Kleidung im Schrank sind, gehen dem Sohn die Augen auf - und er beginnt, gegen die Ignoranz seiner Wohlstandswelt zu rebellieren. Regisseur Henning Bock findet viele gute Ideen, diese Geschichte nicht nur hoch unterhaltsam zu machen, sondern sie auch mit aktueller Gesellschaftskritik zu verknüpfen. Als Sohnemann nach seinem Erweckungserlebnis in schwarzer Montur mit Sturmhaube und Hammer in der Hand auf die Bühne kommt, werden schnell Erinnerungen an den G20-Gipfel wach. Kinder aus guten Verhältnissen, die plötzlich zu Randalierern werden - dieses Stück bietet Erklärungsversuche dafür.

Hervorragende Schauspieler, schwacher Text

Getragen wird der Abend vom hervorragenden schauspielerischen Ensemble - allen voran Thomas Klees und Isabell Fischer als Elternpaar, das sein Glück mit einer herzerfrischenden Oberflächlichkeit zur Schau stellt: Ob sie lustige Hundevideos auf dem Smartphone schauen oder dem assistierten Suizid der Großmutter beiwohnen - alles ist ein Erlebnis, das Spaß machen soll und bloß keine wahren Gefühle ansprechen darf. Doch trotz der Schauspieler und der einfallsreichen Regie: Über die Schwächen des Textes können sie nicht hinwegtragen. Der Wandel vom braven Sohn zum randalierenden Revoluzzer wird wenig glaubhaft. Jacob Matschenz, der diesen darstellt, kämpft sich zwar tapfer durch die langen Monologe, in denen er der Welt - und ganz direkt den Zuschauern - einen Spiegel vorhalten soll: Auch euer Verhalten muss sich ändern. Umweltschutz, Klassendenken, IS-Terrorismus und politischer Liberalismus werden dabei jedoch undifferenziert in einen Topf geworfen.

Kunst kann mehr - wenn sie nur will

So kapituliert das Stück am Ende vor sich selbst: Was kann Theater schon bewirken, um die Welt zum Umdenken zu bringen, fragt sinngemäß die Tochter. Und gleichzeitig hat Kunst das im Kleinen und im Großen immer wieder geschafft. Löhle selbst zitiert Duran Adam, einen Protestkünstler vom türkischen Taksim-Platz, der durch eine kleine Geste viel mehr bewirkt hat als es dieser wutentbrannte Monolog tun kann. Wer die Welt verändern will, der sollte sie nicht beschimpfen, sondern zeigen, wie es anders gehen kann. Diese Chance hat das Schlaraffenland leider vertan.

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Dramatiker Philipp Löhle und Jacob Matschenz im Gespräch

NDR Kultur - Klassik à la carte -

Der Autor des Stückes "Schlaraffenland" Philipp Löhle spricht zusammen mit dem Schauspieler Jacob Matschenz über sein Stück und aktuelle politsche Bezüge darin.

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Revolution im Schlaraffenland scheitert

Wie können wir ignorieren, dass unser Reichtum auf Kosten anderer geht? Darum geht es im Stück "Schlaraffenland" in den Hamburger Kammerspielen. Doch der wütende Monolog zündet nicht.

Datum:
Ende:
Ort:
Hamburger Kammerspiele
Hartungstraße 9 - 11
20146  Hamburg
Preis:
18,- Euro bis 43,- Euro
Hinweis:
Deutsche Erstaufführung von Philipp Löhle
Regie: Henning Bock
Ausstattung: Martin Fischer
Mit: Isabell Fischer, Thomas Klees, Jacob Matschenz, Hanna Stange, Oliver Warsitz, Monika Wegener
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 04.10.2017 | 19:00 Uhr

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