Stand: 15.09.2015 11:26 Uhr

Jubel für Premiere am Altonaer Theater

von Patricia Seeger

Mit einem Weltbestseller ist das Altonaer Theater am Sonntagabend in die neue Saison gestartet: mit der Bühnenfassung des Buches "Garp und wie er die Welt sah". Der 800-Seiten-Roman, der auch von Hollywood mit Robin Williams verfilmt wurde, hat den amerikanischen Schriftsteller John Irving Ende der 70er-Jahre über Nacht berühmt gemacht. Eine skurrile Familiengeschichte über das ungewöhnliche Leben eines Mannes namens T.S. Garp.

Huren, Spießer und Randexistenzen

Viel Schräges und Absurdes

Es ist eine aberwitzige Geschichte mit so vielen schrägen und absurden Details, dass sich die Zuschauer darüber köstlich amüsieren. Etwa wie Garp zu seinem Namen gekommen ist - und überhaupt auf diese Welt, ist mehr als ungewöhnlich. Ein Samenraub, den seine Mutter begangen hat.

"Auf ihrer Krankenstation lag ein Schütze der Airforce. Er war bei einem Angriff so schwer verletzt worden, dass er nur noch "Garp" sagen konnte. Darüber hinaus hatte er eine Dauererektion." Szene aus dem Stück "Garp und wie er die Welt sah"

Für die patente Krankenschwester, die genau weiß, was sie in ihrem Leben will und was nicht, ist der dem Tode geweihte Patient genau der richtige Mann.

"Ich wollte allein leben. Außerdem wollte ich ein Kind. Aber ich wollte weder meinen Körper noch mein Leben mit jemandem teilen müssen, um eines zu bekommen." Garps Mutter, Jenny Fields, in dem Stück "Garp und wie er die Welt sah"

Also hebt sie ihren Schwesternkittel einfach ein bisschen hoch und setzt sich auf den Mann drauf. So wird sie schwanger. "Eine skurrile Geschichte, unglaublich gut gespielt. Auch die Regie gefällt mir. Das funktioniert!", so eine Zuschauerin. "Die Situationskomik ist sehr gelungen", sagt eine andere. "Ich finde es sehr kurzweilig. Aber schade, zwischendurch merkt man ab und zu, dass es ein Roman ist. Dass es etwas Geschriebenes ist - und so etwas Erzählerisches hat", meint ein Mann aus dem Publikum.

Erzähl-Passagen und Dialoge lösen sich ab

Garp, gespielt von Benjamin-Lew Klon, steht immer wieder mal nur am Bühnenrand und spricht über sein Leben - fast so als würde er vorlesen. Erst dann taucht er im Dialog mit den anderen Figuren in die Szene ein, zum Beispiel, wenn er dem Publikum erzählt, wie er als Jugendlicher seine spätere Frau kennenlernt.

"Sie saß jeden Tag mit einem Buch im Ringer-Gym und schien die ganze Welt um sich herum zu vergessen. 'Du kannst dir deine Augen verderben, wenn du in einem so heißen Raum liest!' - 'Ich hatte schon immer verdorbene Augen. Ich bin mit schlechten Augen geboren.'" Garp und seine spätere Frau Helen in "Garp und wie er die Welt sah"

Manchmal wirken gerade die Erzähl-Passagen etwas hölzern. Aber anders lässt sich diese opulente und verästelte Geschichte auf der Bühne wohl nicht bewältigen. Im Buch wird sie auf immerhin 800 Seiten erzählt – und sie umfasst Garps komplettes Leben: von seiner Zeugung bis zu seinem Tod. Garp will Schriftsteller werden, aber seien Mutter kommt ihm zuvor.

"'Mum, wovon handelt Dein Buch, wenn es fertig ist?' - 'Von der Wollust der Männer. Und davon, dass wir Frauen uns nicht zu Sklaven dieser Wollust machen sollten.'" Dialog zwischen Garp und seiner Mutter in "Garp und wie er die Welt sah"

Applaus und Jubel - trotz einiger langatmigen Passagen

Das Buch ist die Autobiografie der Krankenschwester und wird ein Bestseller. Garps Mutter wird amerikaweit plötzlich als Feministin gefeiert, als Ikone der Frauenbewegung. "An der Geschichte gefällt mir, was die Bücher von John Irving auszeichnet", sagt eine Zuschauerin, "dass immer sehr unerwartete Dinge passieren und man nie weiß, was als nächstes kommt. Im Prinzip kann alles passieren. Aberwitzig!"

Regisseur Michael Bogdanov hat den Abend mit viel Tempo und Musik inszeniert. Und peppt damit auch die etwas langatmigeren Passagen auf. Allerdings bleibt die Vielschichtigkeit des Romans in der Bühnenfassung auf der Strecke. "Oberflächlich", meint deshalb eine Frau aus dem Publikum. "Unterhaltsam, aber es ist auch leichte Kost", sagt eine andere. Und trotzdem: Am Ende gibt es vom Premierenpublikum viel Applaus und Jubel.

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