Stand: 14.09.2017 19:24 Uhr

Das Liebesleben von Theodor Storm

"Der Himmel über der Nordsee glänzt, … ein blaues Gewölbe ohne Wolken, die Luft ist klar, … warmer Wind streicht über Halligen und Wattenmeer, Salzwiesen und Schafe." Das ist die Landschaft, in die Theodor Storm vor 200 Jahren hineingeboren wurde und die sein Biograf Jochen Missfeldt 2013 in dem Buch "Du graue Stadt am Meer" nur allzu plastisch beschrieben hat. Jetzt gibt es ein neues Buch von Missfeldt über Theodor Storm, einen Roman über die Geliebte.

Herr Missfeldt, "Sturm und Stille" - so der Titel Ihres Romans, eine Alliteration. Warum jetzt das Liebesleben von Theodor Storm?

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"Wer etwas über die Liebe erfahren will, der sollte Storm lesen", findet Jochen Missfeldt.

Jochen Missfeldt: Alliteration - das ist ja eine poetische Kategorie. In diesem Buch "Sturm und Stille" geht es ja um einen Dichter und um seine Muse Doris Jensen. Also, der Titel passt schon mal. Das Liebesleben von Theodor und Doris habe ich schon in meiner Storm-Biografie von 2013 beleuchtet - jetzt aber als Roman, weil die komplette Liebesgeschichte der beiden immer ein weißer Fleck auf der biografischen Landkarte Theodor Storms gewesen ist. Denn es gibt kaum Dokumente, Briefe oder sonstige Zeugnisse aus der Zeit, aus den 15 Jahren des Exils von Doris. Doris musste ja Husum auf Druck ihrer und Storms Familie verlassen. Und weil es da so wenig Material gibt, musste ich mir die Freiheit nehmen, diese Jahre romanhaft nachzuerzählen. Allerdings habe ich alle biografischen Fakten, die ich von ihr greifen konnte, in den Roman eingearbeitet.

Sie haben sich für die Geliebte Doris Jensen entschieden, nicht für die Ehefrau Constanze Esmarch - Ehefrau wurde Doris Jensen erst später. Sind die Geliebten am Ende doch die interessanteren Frauen?

Missfeldt: Auch Constanze ist als Ehefrau eine interessante Persönlichkeit gewesen. Sie war ja auch Storms Geliebte, und Storm hat sie als Ehefrau auch geliebt. Wir wissen durch den Briefwechsel, den Constanze mit Storm noch bis kurz vor ihrem Tod hatte, eine Menge über sie.

Bei Doris ist das anders: Ihre verbotene Liebe, die in aller Leidenschaft bald nach Storms Verheiratung ausbrach, hatte und hat ihren Reiz für jeden, der für Klatsch und Tratsch zu haben ist. Aber was wirklich passiert ist, bzw. wie es hätte sein können - dieser Frage geht der Roman nach.

Eine Liaison, die Jahre, Jahrzehnte überdauert hat. Nach über 20 Jahren heiratet schließlich das Paar. Eine schwierige, komplizierte Konstellation und ein Frauenschicksal, in das Sie sich hineinversetzt haben. War das schwierig für Sie?

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"Sturm und Stille" beleuchtet die Liebesgeschichte von Theodor Storm und Doris Jensen.

Missfeldt: Doris Jensen war eine ebenso empfindsame wie starke Persönlichkeit. Sie war lernfähig und auch lernbegierig. Sie stand die Zeit ihres Exils, das die Liebe ihr eingebrockt hatte, durch, ohne zusammenzubrechen. So stelle ich mir die historische Persönlichkeit von Doris vor, und so sollte auch die Romanpersönlichkeit Doris sein. In diese Persönlichkeit, die auch mit Mutterwitz und Humor gesegnet war - das wissen wir aus zwei Briefen, die sie während der Zeit schrieb -, musste ich mich einfühlen. Mir fiel das umso leichter, je länger ich sie begleitete.

Bleiben wir bei Theodor Storm: Schwierig war sein Liebesleben, schwierig war auch sein Leben insgesamt; er hatte immer Sorgen. Von ihm gibt es den Satz: "Es ist alles doch umsonst gewesen." Ist das ein Etikett, das man ihm anheften könnte?

Missfeldt: Auf jeden Fall ist das ein Satz, der in seinen Novellen herauszulesen ist, insbesondere in der Novelle "Aquis Submersus". "Der Schimmelreiter" setzt den Endpunkt: Man weiß, dass "Der Schimmelreiter, ausgelöst durch eine Naturkatastrophe, auch in der menschlichen Katastrophe endet.

Zentrales Thema bei Theodor Storm ist die Natur, sind Naturgewalten, Naturkatastrophen. Ist Storm der Dichter, der im 19. Jahrhundert das Wetter, das Unwetter literarisch in Prosa übersetzt hat?

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Theodor Storm - Husums großer Sohn

Vor 200 Jahren wurde der Schriftsteller Theodor Storm geboren. Seine ganze Liebe galt Schleswig-Holsteins Nordseeküste. Aber er war weit mehr als ein Heimatdichter. mehr

Missfeldt: Ja, das kann man sagen. Das gilt vor allem für seine letzte große Erzählung, den "Schimmelreiter". Er hat sie noch kurz vor seinem Tod unter dem Leid und Druck seiner schweren Krebserkrankung fertiggeschrieben - und man fragt sich, wie das überhaupt möglich gewesen ist. Neben der großartigen Schilderung der Naturkatastrophe steht die großartige Schilderung der menschlichen Katastrophe, die beim "Schimmelreiter" von Größenwahn und Geldgier, von Macht, Hunger und Selbstherrlichkeit handelt. Und indem sie von alledem handelt, ist sie höchst aktuell und für uns auch immer noch modern.

Storm hat ja viel geschrieben und eine Themenvielfalt bedient, nicht nur die Naturthematik. Was können heutige Leser bei Theodor Storm finden?

Missfeldt: Wer etwas über die Liebe erfahren will - und das möchte ja jeder Mensch in erster Linie -, der sollte Storms Liebesgedichte lesen oder auch seine Novellen, die immer von Liebe, Schuld und Verstrickung handeln und diesen Fragen, die damit verbunden sind, nachgehen. Diese Fragen sind nicht von gestern, sondern immer von heute, und deswegen ist Storm immer noch aktuell. Er ist nicht Heimatdichter, weil seine Novellen immer Husum oder die Nordsee im Hintergrund haben, sondern er ist deswegen aktuell, weil die Fragen, die er aufwirft, uns immer noch betreffen und berühren.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Lesung

Novellen und Märchen von Theodor Storm

11.09.2017 22:00 Uhr
NDR Kultur

Theodor Storm gilt als Norddeutschlands bedeutendster Dichter und Vertreter des poetischen Realismus. Fünf seiner Werke sendet NDR Kultur in der Reihe Am Abend vorgelesen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.09.2017 | 19:00 Uhr

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