Stand: 09.03.2016 16:08 Uhr

"Die Arbeit ist mir auf den Leib geschrieben"

Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg - direkt neben dem Rathaus - hat nach 14-jähriger Ausstellungstätgkeit einen Ruf, der weit über die Hansestadt hinausreicht, obwohl (oder vielleicht gerade weil) es im engeren Sinne kein Museum mit einer beachtlichen Sammlung und einem umfangreichen Depot ist, sondern ein Haus für thematische Ausstellungen. In den vergangenen fast zehn Jahren hat Ortrud Westheider das Haus geleitet - jetzt wechselt sie an das neue Museum Barbarini in Potsdam. Ihr Nachfolger wird ab dem 1. Juni Franz Wilhelm Kaiser vom Gemeentemuseum Den Haag.

NDR Kultur: Herr Dr. Kaiser, Sie sind Jahrgang 1957, haben Stationen in Kassel, Eindhoven, Lyon und Grenoble hinter sich, sind seit nunmehr 27 Jahren Direktor des Gemeentemuseums in Den Haag - was zieht Sie jetzt an die Alster?

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Franz Wilhelm Kaiser wird neuer Leiter des Bucerius Kunst Forums in Hamburg.

Franz Wilhelm Kaiser: Ich bin ursprünglich Deutscher und es ist attraktiv, irgendwann wieder dort hinzugehen, wo man angefangen hat. Ich bin im Rheinland aufgewachsen und bin gleich nach dem Studium ins Ausland gegangen, erst nach Holland, später nach Frankreich und schließlich wieder zurück nach Holland. Aber es ist schön, seine Laufbahn in Deutschland wieder abzurunden. Hinzu kommt, dass das Bucerius Kunst Forum mir gewissermaßen auf den Leib geschrieben ist. Es ist eine reine Ausstellungsinstitution, vergleichbar mit dem, was ich in Den Haag gemacht habe, wo ich noch Ausstellungsdirektor bin. Auch im konzeptuellen Ansatz gibt es gewisse Analogien.

Bucerius Kunst Forum: Heute und Morgen

Zurückblickend auf die vergangenen Jahre konnte man beim Bucerius Kunst Forum durchaus den Eindruck gewinnen: Erlaubt ist, was gefällt (und vor allem auch dem Publikum gefällt). Die Ausstellungen reichten von der Antike bis in die Gegenwart, von den Etruskern über die alten Meister bis in die klassische Moderne. Im Moment zum Beispiel ist das Fenstermotiv in der Bildern von Pablo Picasso ein Ausstellungsthema. Es ist eine bunte Palette - man könnte aber auch gehässig sagen, es sei ein "Gemischtwarenladen". Geben Sie dem Bucerius Kunst Forum demnächst eine klarere Linie?

Kaiser: Der Fokus, der auf einer Ausstellung sitzt, ist ein Thema, eine Periode oder ein Künstler, der nicht in der traditionellen kunsthistorischen Weise gezeigt wird, sondern mit einem gewissen Aspekt. Und so ein Aspekt ist für den Besucher immer interessant, denn es gibt einen Aufhänger, an dem man sich orientieren kann, um etwas Neues zu entdecken.

Dürfen wir Ihnen schon in die Karten schauen? Haben Sie schon relativ konkrete Ideen, was man demnächst im Bucerius Kunst Forum in Hamburg sehen wird?

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Neuer Leiter für Bucerius Kunst Forum

Das Bucerius Kunst Forum bekommt zum 1. Juni 2016 einen neuen Direktor. Franz Wilhelm Kaiser vom Gemeentemuseum Den Haag folgt auf Ortrud Westheider. mehr

Kaiser: Ich habe Ideen, muss aber dazusagen, dass ich erst heute offiziell der Direktor bin. Ich konnte also bisher noch nicht wirklich auftreten als Direktor. Es sind Ideen, die noch untersucht werden müssen. Eine Idee ist, eine Ausstellung zu machen über den Beginn des Kunstmarktes im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Ich bin eigentlich jemand, der mehr Erfahrung im 20. Jahrhundert hat - ich muss mich da also noch einarbeiten, um zu eruieren, ob das zu realisieren ist. Meine erste Ausstellung ist nächstes Jahr im Herbst. Aber es gibt noch andere Ideen, die ich jetzt näher untersuchen werde. Was schon mehr oder weniger feststeht, ist eine Ausstellung von Anton Corbijn, die wir nach der Wiedereröffnung des Bucerius Kunst Forums 2018 zeigen werden.

Sie haben die neuen Räumlichkeiten angesprochen, die 2018 bezogen werden, am Neuen Wall - also direkt um die Ecke. Wird da das Konzept fortgeführt - und man könnte auch da ketzerisch fragen: Ist das dann alter Wein in neuen Schläuchen? Oder was bieten diese neuen Räumlichkeiten an neuen Möglichkeiten?

Kaiser: Das Begleitprogramm wird wahrscheinlich ausgebreitet werden. Da ist bisher schon interdisziplinär viel passiert. Aber was mich interessieren würde, wäre auch die Interdisziplinarität auszubreiten über den rein kulturellen Bereich hinaus. Es muss noch näher untersucht werden, ob und in welcher Form das möglich ist. Die Ausstellungsfläche wird etwas vergrößert. Die Basislinie wird sich nicht so verändern, Aber ich denke auch nicht, dass es alter Wein sein wird.

Das Bucerius Kunst Forum der "Zeit"-Stiftung verfügt über keine eigene Sammlung und kein eigenes Depot, sondern die Kunstwerke müssen für jede Schau wieder neu zusammengetragen und aus der Ferne ausgeliehen werden. Ist das eher eine Bürde, ein großer Aufwand, oder eine Herausforderung, eine Chance?

Kaiser: Es ist eine Chance, dass man nicht die Bürde einer Sammlung hat, weil es sehr teuer und aufwendig ist, eine Sammlung zu unterhalten und auszuweiten. Aber in der gegenwärtigen Situation ist es auch ein Handicap, wenn man keine Sammlung hat, weil es in der Museumswelt oft so ist, dass man die eigene Sammlung als Tauschobjekt einsetzen kann. Das ist im Bucerius Kunst Forum nicht möglich - da muss man eben drauf vorbereitet sein.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.03.2016 | 19:00 Uhr