Sendedatum: 27.10.2014 07:40 Uhr

Das Erziehungslexikon: "Helikoptereltern"

von Jan Wiedemann & Sarah Heuberger
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Das eigene Kind auch mal loszulassen, das fällt Helikoptereltern schwer.

"Es sind Eltern, die ständig wie Beobachtungsdrohnen über den Kindern schweben, die ihren Nachwuchs ab der ersten Stunde an der elektronischen Nabelschnur des Mobiltelefons durchs Leben geleiten und beim kleinsten seelischen oder körperlichen Wehwehchen herbei stürmen, um alles wieder ins Reine zu bringen" - so beschreibt der Pädagoge Josef Kraus das Phänomen Helikoptereltern in seinem gleichnamigen Buch von 2013.

Das Kind als Projekt

Cornelie Dietrich, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Lüneburg, sieht die Ursachen dafür unter anderem im demographischen Wandel: Immer mehr Familien entscheiden sich bewusst dafür, nur noch ein Kind zu bekommen: "Die Kinder werden nicht geboren, weil sie sozusagen natürliche Folge erwachsener Sexualität sind, sondern sie werden ja geplant und sie werden zu einem bestimmten Zeitpunkt geboren. Und wenn das nicht gelingt, dieses Projekt "Kind", dann ist das eigene Leben nicht gelungen."

An der Uni sollte Schluss sein

Dazu kommen die Angst sozialem Abstieg und der Wettbewerbswille vieler Eltern. Soweit die Theorie. Doch können sich Eltern tatsächlich mit dem Begriff identifizieren? "Natürlich behütet man sein Kind, aber ich bin jetzt nicht so, dass ich genau wissen muss, was sie in der Kita auf jeden Schritt und Tritt macht", sagt eine junge Mutter. Eine andere meint dagegen: "Für mich ist es nachvollziehbar, wie es dazu kommt, dass man eben zu so Helikoptereigenschaften neigt. Es gehört einfach viel Selbstreflektion dazu, dass man sich auch mal wieder etwas zurück nimmt."

Ein bisschen Helikopter scheint also tatsächlich in den meisten zu stecken. Doch was gut gemeint ist, kann für das Kind negative Folgen haben, sagt Cornelie Dietrich: "Nämlich dass das Kind daran gehindert wird, für sich selbst zu sorgen beziehungsweise Verantwortung zu übernehmen. Es wird auch in einer Abhängigkeit gehalten von dem, was die Eltern für das Kind veranstalten. Die ja, von allem was wir über Jugend und Adoleszenz wissen, eher nicht förderlich ist für das Erwachsenwerden und die Persönlichkeitsbildung."

Denn spätestens bei der Erstsemesterveranstaltung an der Uni haben auch die fürsorglichsten Helikoptereltern nichts mehr verloren.

Das Erziehungslexikon

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 27.10.2014 | 07:40 Uhr

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