Stand: 06.03.2016 17:06 Uhr

"Meine Zeit wird schon noch kommen"

Hans Christiansen legte eine glänzende Karriere hin - bis die Nazis kamen.

"Geschieden wird nicht. Heil Hitler!" lautet 1933 Hans Christiansens lakonische Antwort an die Reichskulturkammer. Dass er dergestalt zu seiner jüdischen Frau steht, bedeutet gleichzeitig, dass seine Karriere am Ende ist. Christiansen erhält von den Nazis Berufsverbot, sein Werk gerät für Jahrzehnte in Vergessenheit. Jetzt kehrt die Erinnerung langsam zurück an einen der vielseitigsten und einflussreichsten Vertreter der Jugendstil-Epoche.

Frühe Jahre in Hamburg

Christiansen kommt am 6. März 1866 in Flensburg zur Welt. Schon früh ist klar, wohin die Reise geht: Nachdem er in seiner Heimatstadt eine Ausbildung zum Dekorationsmaler absolviert, zieht es ihn nach Hamburg. 1887 beginnt er ein Studium an der Königlichen Kunstgewerbeschule München, kehrt aber 1889 nach Hamburg zurück und arbeitet fortan als selbstständiger Dekorationsmaler. Hauptsächlich verdient er sein Geld mit Wand- und Deckenmalereien. Die Gestaltung von Plakaten und Postkarten sowie erste Versuche künstlerischer Glasbearbeitungen lassen aber schon ahnen, dass in Christiansen noch weit mehr steckt.

Studium in Paris

1897 lernte Christiansen seine künftige Ehefrau kennen und erschuf diese Lithografie mit dem Titel ""L'Heure du berger" ("Schäferstündchen").

Hamburg wird dem aufstrebenden Künstler zu klein. Paris ist die Stadt seiner Träume. Und so beginnt er 1895 dort ein Studium an der Académie Julian. Parallel dazu bekommt er Aufträge aus dem deutschen Kaiserreich: von der Gestaltung von Plakaten, Büchern und Zeitschriften bis hin zu Kunstverglasungen und sogar Lederarbeiten ist so ziemlich alles dabei. Die große Bandbreite hilft Christiansen dabei, seine Fertigkeiten auf vielen Gebieten zu verfeinern. Und Paris hält noch etwas für ihn bereit: 1897 lernt er dort Claire kennen. Sie wird seine Ehefrau - und sie ist Jüdin.

Leben in Darmstadts Künstlerkolonie

Christiansen erhält eine Professur, sein Ruf ist mittlerweile ausgezeichnet. Und so kommt es, dass ihn Großherzog Ludwig von Hessen und Rhein einlädt, nach Darmstadt zu kommen und dort Mitglied der Künstlerkolonie Darmstadt zu werden. Christiansen willigt ein. 1899 zieht er um und alsbald ein in seine Villa "In Rosen" auf der Mathildenhöhe. Während er zusammen mit teils namhaften Kollegen die Arbeit in der Künstlerkolonie beginnt, wird die Villa zu einem einzigartigen Ausstellungsort seiner vielseitigen künstlerischen Fertigkeiten. Christiansen selbst beschreibt diese so: "Ich fasse meine Tätigkeit als Künstler so allgemein als möglich auf: Ich will ein Porträt malen, aber auch ein Möbel entwerfen können; ich zeichne Karikaturen, aber auch Tapeten, Plakate, überhaupt Originale für jedes Druckverfahren; ich entwerfe Glasfenster, aber auch gelegentlich einen Wandschirm für Ledertechnik. Meine Devise heißt: 'Darstellung von Charakteristik in Form und Farbe dem Zweck und der Technik angepasst.'"

Berufsverbot 1933

Bild vergrößern
Sein Domizil in Darmstadt verewigte der Künstler als Gemälde.

1911 verkauft Christiansen "In Rosen", dieses so persönliche Kleinod. Er zieht um nach Wiesbaden, wo er sich ab 1914 zunehmend der Malerei und dem Schreiben widmet. Diese Entwicklung hat für ihn spätestens 1933 negative Auswirkungen: Unter den Nazis erhält er wegen seiner Kunst und aufgrund seiner Ehe mit einer Jüdin, die er um keinen Preis auflösen will, Mal- und Publikationsverbot. 1941, an seinem 75. Geburtstag, hofft Christiansen in einem Brief: "Nun, meine Zeit wird schon noch kommen."

Verlorene Erinnerung

Aber sie kommt nicht, zumindest nicht zu Lebzeiten. Schlimmer noch: Die Villa "In Rosen", gewissermaßen eine Werkschau des Künstlers, wird 1944 bei einem Angriff britischer Bomber auf Darmstadt so schwer beschädigt, dass sie später abgerissen werden muss. Die Innenausstattung geht dabei nahezu komplett verloren - und damit für eine lange Zeit auch die Erinnerung an Christiansen, der wenig später, am 5. Januar 1945 und lange vor seiner Frau, in Wiesbaden stirbt.