Stand: 09.11.2017 20:09 Uhr

Christoph Hein: "Ich bin kein Prediger"

Der Schriftsteller Christoph Hein wurde in Schlesien geboren und ist in der DDR aufgewachsen. Er schrieb Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke und kann auf ein umfangreiches, preisgekröntes Oeuvre zurückblicken. Nun wurde ihm ein weiterer Preis verliehen: der Grimmelshausen-Literaturpreis für seinen Roman "Glückskind mit Vater".

NDR Kultur: Zuallererst, Herr Hein: Herzlichen Glückwunsch!

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"Chronist ohne Hass und Eifer" - ein Etikett, mit dem sich der Christoph Hein selbst beschrieben haben soll.

Christoph Hein: Ich danke Ihnen herzlich.

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen war Schriftsteller, ist 1676 gestorben. Sein Hauptwerk: "Der abenteuerliche Simpliccismus". Haben Sie irgendeine Nähe zu Grimmelshausen?

Hein: Ich habe ihn relativ früh kennengelernt, indirekt über Brecht, über dessen Theaterstück "Mutter Courage", der nach dem Roman "Trutz Simplex" von Grimmelshausen entstand. Ich habe dann mit 18, 19 den restlichen Grimmelshausen, speziell den "Simplicius Teutsch" kennengelernt. Insofern habe ich ihn früh kennengelernt.

Ich wurde für "Glückskind mit Vater" ausgezeichnet - der Nachfolgeroman, der ein Jahr später erschien, heißt "Trutz", und da ist schon im Titel ein Bezug auf Grimmelshausen. Ich habe auch im Text einen indirekten Bezug: Da "Courasche" als eine indirekte Antwort auf seinen alten Roman "Simplicius Teutsch" entstand, habe ich in "Trutz" einen Bezug auf einen anderen Roman genommen, aus ähnlichen Gründen, um auf etwas hinzuweisen. Da gab es also einen mehr als direkten Bezug zu Grimmelshausen.

Konstantin Boggosch, so heißt der Protagonist in "Glückskind mit Vater". Sein Vater, ein SS-Offizier, wird am Ende des Kriegs hingerichtet. Der Sohn, 1945 geboren, lebt im Schatten seines toten Vaters in der DDR. Bleiben Sie Ihrer Selbstbeschreibung "Chronist ohne Hass und Eifer" treu?

Hein: Ohne Hass und Eifer auf jeden Fall. Ich bin kein Prediger, kein Pfarrer, ich muss nicht trösten, ich muss nicht aufrichten, ich muss nicht etwas beschönigen und ich muss nicht anklagen. Ich bin nicht Staatsanwalt, Richter oder Verteidiger - mir reicht es einfach, genau zu beschreiben. Insofern ohne Hass und Eifer - sine ira et studio (ohne Hass und Eifer - Anm. d. Red.).

Es ist der Vater, der mit seinen Verbrechen das Leben des Sohnes nachhaltig prägt. Nicht zuletzt auch dadurch ist Konstantin ein Außenseiter. Um "Außenseiter" geht es fast immer in Ihren Büchern. Was interessiert Sie daran?

Buchtipp

Christoph Heins großer Deutschlandroman

In seinem neuen Roman "Glückskind mit Vater" erzählt Christoph Hein von 70 Jahren deutscher Geschichte. Ein großer Deutschlandroman, den man auch Nachwendekindern nur empfehlen kann. mehr

Hein: Möglicherweise, weil ich das mein Leben lang war. Meine Eltern mussten 1945 Schlesien verlassen; sie nahmen mich glücklicherweise mit. Ich kam dann irgendwann in einer sächsischen Kleinstadt an, und wir waren da natürlich als Flüchtlinge Außenseiter. In einer kriegszerstörten Stadt kamen Leute an, die gar nichts hatten, trafen auf Leute, die wenig hatten. Wir waren nicht willkommen. Mit 14 Jahren musste ich die DDR verlassen, ging in West-Berlin zur Schule. Dort war ich wieder ein Außenseiter, ein Abgehauener, einer, der nichts hatte und der auf Hilfe angewiesen war. Das setzte sich mein Leben lang fort. Als mich die DDR wieder einfing, war ich Außenseiter, denn ich war immer noch Pfarrerssohn, nun auch noch abgehauen, was eine weitere Straftat war. Es blieb dabei. Insofern ist für mich die Außenseiterrolle nicht ganz unbekannt.

Das würde bedeuten, dass auch sehr viel Autobiografie in diesem Buch und ihren anderen Büchern steckt.

Hein: Ja, in allen Büchern, und speziell auch in "Glückskind mit Vater", gibt es viele Bezüge - da habe ich alles direkt von mir abgeschrieben.

Sie spazieren in Ihren Büchern durch das 20. Jahrhundert mit all seinen Brüchen. Schauen wir in die Gegenwart: Welche Erzählstränge sprechen Sie als Schriftsteller heute besonders an? Denn die Chronik des Jahres 1989 ist ja auch noch nicht auserzählt.

Der Schriftsteller Christoph Hein.  Fotograf: Peter Endig

"Chronist ohne Hass und Eifer"

NDR Kultur -

Für seinen Roman "Glückskind mit Vater" erhält Christoph Hein den Grimmelshausen-Literaturpreis. Auf NDR Kultur spricht der Schriftsteller über sein Werk.

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Hein: Da wird es einige Chroniken geben, die noch nicht auserzählt sind. Mein Jahrhundert, das ich immer wieder beschreibe, ist das 20., Anfang des 21.. Aber es gibt auch noch ein paar andere Themen - die nächsten Arbeiten werden das zeigen. Ich versuche, ein bisschen von dem zu erzählen, was ich gesehen, erlebt, erfahren habe - nicht viel mehr, also insofern Chronist. Aber da waren auch noch sehr komische Sachen dabei; ich versuche, da noch andere Seiten zu erzählen.

Zum Beispiel?

Hein: Das werden die nächsten Arbeiten zeigen. Ich will nichts verraten. Ich darf da gar nicht vorgreifen, sonst kriege ich Ärger mit meinem Verlag.

Der Roman "Glückskind mit Vater" wird von den Preisstiftern eindringlich als Schullektüre empfohlen. Verstehen Sie Ihr Schreiben im Hinterkopf auch als Bildungsauftrag?

Hein: Nein, eigentlich nicht. Wenn ich mich an meinen Schreibtisch setze - und das passiert tagtäglich, ich arbeite an etwa 350 Tagen im Jahr -, dann versuche ich etwas von dem zu erzählen, was ich gesehen, erlebt, erfahren habe, und versuche es in eine Form zu bringen, die auch mir gefällt. Es muss zuerst mir selber gefallen. Der Leser, an den ich denke, wenn ich schreibe, bin ich selbst. Ich versuche so zu schreiben, dass ich beim Durchlesen der Sache damit zufrieden bin. Und wenn ich einigermaßen damit zufrieden bin, dann bin ich schon recht froh. An weitere Leser denke ich erst mal nicht. Ich glaube, das ist keine Besonderheit von mir; ich denke, dass es jedem Autor ähnlich geht. Das Kriterium beim Schreiben ist der Autor selbst.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.11.2017 | 19:00 Uhr

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