Stand: 02.10.2017 13:42 Uhr

An der Grenze vom Realen zum Digitalen

von Jürgen Jenauer

Was macht eigentlich die zunehmende Digitalisierung mit der Gesellschaft? Wie weit sind wir bereit zu gehen, wie weit lassen sich die Grenzen von Realität und virtuellem Leben auflösen und welche Konsequenzen hat das? Das sind Fragen, die das Stück "Vereinte Nationen" im Deutschen Theater in Göttingen aufwirft. Am Freitag war Premiere.

In der Komödie "Vereinte Nationen" am Deutschen Theater Göttingen hat die Digitalisierung die Familie voll im Griff (Szene mit Christina Jung und Marco Matthes).
Das perfekte Marketing

Was im Kleid einer Komödie daherkommt, ist zynisch, schonungslos und hart zu verdauen. Die Eltern der siebenjährigen Martina haben Erziehung als Geschäftsfeld entdeckt. in der Form, dass sie Videos von ihren Erziehungsmethoden als DVDs verkaufen - oder besser, vom Freund des Vaters verkaufen lassen. Der hat das perfekte Marketing dafür entwickelt, das Kind wird so auch schon mal für die Kamera gezwungen, seine Mahlzeiten zu essen - gefolgt von perfiden Strafpredigten, die vor allem vor der Kamera für das zahlende Abonnentenpublikum gut wirken sollen.

Was ist real, was digital?

Sonja Bachmann hat den Text von Autor Clemens Setz dramaturgisch bearbeitet, sie sagt, im Grunde werde jede Komik in der Inszenierung sofort erstickt, "und dann denkt man drüber nach, oh Mist, ich habe da gerade darüber gelacht, dass die sich darüber streiten, wie sie ihr Kind besser vermarkten. Ich habe gerade über etwas gelacht, was in der Konsequenz brutal ist, Missbrauch ist und nicht zum Wohl des Kindes ist."

Die Grenze zwischen Digitalem und Realem wird ständig aufgelöst, das siebenjährige Mädchen zum bloßen Objekt, das zum Geldverdienen benutzt werden kann, degradiert. Das alles unter dem Deckmäntelchen der Erziehung des Kindes. Die Figuren auf der Bühne zeigen dabei einen bemerkenswerten Drang zum soziopathischen Verhalten ihrem Kind gegenüber. Ohne echte Bindung ist da die Mutter, dann der Vater, der an seinem eigenen Tun zerbricht, aber nie lernt, Nein zu sagen, die abgestumpfte Frau des Freundes, der die Geschäfte mit den DVDs macht, und dieser selbst, gespielt von Nikolaus Kühn. "Wir geben keine Lösungen", sagt der Schauspieler, "wir stellen das einfach mal so hin und der Zuschauer muss sich eine Meinung bilden, und das ist das Einzige, was wir können."

Eine Spaltung der Meinungen

Auch das Publikum reagierte mit einer Mischung aus Heiterkeit und Verstörung, vor allem, weil die vermeintliche Überzeichnung der familiären Situation nur eine Handbreit von möglichen Realitäten entfernt zu sein scheint. "Also, ich finde das ziemlich erschreckend und ich hoffe nicht, dass so was tatsächlich auch geschehen kann", meint einer der Zuschauer im Anschluss.

Inszenatorisch hat das Stück ein paar Schwächen - es setzt auch optisch ein bisschen zu sehr auf Reduktion und entfernt sich manchmal von den Protagonisten, das erratische Verhalten der Mutter hätte konsequenter verdichtet werden können. Die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen eindrücklich und konsequent, nuanciert und mit großer Präsenz. Am Ende bleibt der Eindruck von etwas, das hoffentlich so nie passiert. Nirgendwo, weder in der Realität noch in einer wie auch immer gearteten digitalen Welt.

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An der Grenze vom Realen zum Digitalen

Welche Folgen hätte es, wenn es keine Grenzen mehr zwischen Digitalem und Realem gäbe? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Stück "Vereinte Nationen" am Deutschen Theater in Göttingen.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Deutsches Theater Göttingen
Theaterplatz 11
37073  Göttingen
Telefon:
(0551) 4969 300
Öffnungszeiten:
Mo bis Fr von 10-19 Uhr
Sa von 11 - 14 Uhr
Hinweis:
Vereinte Nationen

Regie: Matthias Kaschig
Dramaturgie: Sonja Bachmann

mit: Marco Matthes, Christina Jung, Nikolaus Kühn, Emma Menssen, Maja Müller-Bula, Vera Roddatis
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 30.09.2017 | 10:55 Uhr

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