Stand: 12.10.2017 15:29 Uhr

Monsieur Göthé - Goethes unbekannter Großvater

von Ulrike Sárkány

"Francfort en français" - "Frankfurt auf Französisch" heißt es bei der diesjährigen Buchmesse. Ein sehr viel früherer Frankfurter Bürger hat auch schon einmal das Französische in die Stadt gebracht, und zwar Goethes Großvater väterlicherseits. Über diesen Monsieur Göthé hat man bisher so gut wie nichts gewusst, jetzt gibt es eine Biographie von ihm in der 'Anderen Bibliothek', zusammengetragen in zweijähriger Fleißarbeit von drei Frankfurter Bürgern. NDR Kultur hat sie getroffen und mit ihnen über Goethes unbekannten Großvater gesprochen.

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Im Haus des Börsenvereins in der Braubachstraße widmet sich eine Ausstellung Goethes unbekanntem Großvater.

Im Restaurant "Margarete" im Haus des Börsenvereins in der Braubachstraße (da wo der Römerberg, die Paulskirche, auch das neu eröffnete Historische Museum und die Schirn um die Ecke sind) kann man zurzeit eine kleine Ausstellung anschauen, die auf den Recherchen von Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz und Joachim Seng beruht. Joachim Seng ist Bibliotheksleiter beim Goethe-Museum im Großen Hirschgraben und erklärt, was es mit den ausgestellten Bildern auf sich hat: "Das sind zum großen Teil Bilder, die auch in unserem Buch abgebildet sind. Und Wolfgang Schopf von der Universität Frankfurt hat hier eine Ausstellung zusammengestellt, damit man sich jetzt zur Buchmesse mit dem Gastland Frankreich ein Bild von diesem Monsieur Göthé machen kann, der sich auch mit einem 'accent', also mit französischer Aussprache geschrieben hat."

Seng findet, die Suche nach Goethes Großvater väterlicherseits hat sich gelohnt: "Weil dieser Monsieur Göthé doch so bedeutend ist, dass er das ganze Vermögen der Familie zusammengetragen hat und eigentlich auch dafür verantwortlich ist, dass das Goethe-Haus, in dem sein Enkel dann später geboren wurde, gekauft werden konnte, denn das ist von seinem Geld auch mitgekauft worden."

Der verschwiegene Großvater Goethes

Die zweite Frau hat dem bereits reichen Unternehmer ein Gasthaus und zwei Wohnhäuser mit in die Ehe gebracht; das war ein nicht zu verachtender Zugewinn. Aber Johann Wolfgang von Goethe hat später gern auf seinen Großvater mütterlicherseits verwiesen, den Schultheiß und kaiserlichen Rat Johann Wolfgang Textor. Den anderen Großvater hat er lieber verschwiegen.

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Das Buch "Monsieur Göthé. Goethes unbekannter Großvater" ist in der 'Anderen Bibliothek' erschienen.

Heiner Boehncke, Germanist an der Uni Frankfurt, weiß warum: "Die Gesellschaft war hierarchisch von oben nach unten gegliedert mit sehr wenigen Möglichkeiten, den Platz, den Gott oder wer auch immer  zugewiesen hat, zu verlassen. Und das sieht man auch am Fall Goethe. Nur Goethe hat einen Trick angewendet: Er hat sich einfach einen Stand höher fantasiert, nämlich zum Patriziat gehörend. Das hat er so lange sich gewünscht, dass er selber daran glaubte. Als er dann den Adelstitel bekam, da sagte er, naja, der Adel ist nicht so wichtig, für mich ist wichtiger, dass unser Geschlecht ein altes Patriziergeschlecht ist. Und da sieht man, welches Problem das war, das nagte an ihm, und da passte der Schneider respektive Gastwirt gar nicht in diese Reihe."

Der dritte Ko-Autor des Bandes "Monsieur Göthé. Goethes unbekannter Großvater" Hans Sarkowicz hat sich vor allem um dessen Herkunft aus dem Thüringischen gekümmert: "Wir haben die Archive gemeinsam besucht. Wir waren in Thüringen, wo Goethes Großvater geboren wurde, in Kannawurf, einem ganz kleinen Ort, wir waren in Lyon, in Weimar und vor allem auch in Frankfurt, da hatten wir es ja nicht so weit."

Von Thüringen aus in die Welt

Friedrich Georg Goethe ist noch im 17. Jahrhundert von Artern in Thüringen aus als Schneidergeselle in die Welt gezogen, hat in Frankreich die neuesten Moden studiert und ist dann in Frankfurt mit seiner Haute Couture reich geworden. Hier kamen dann noch ein Hotel und ein Weinhandel dazu. Als er 1730 starb, war der Keller des Hauses im Großen Hirschgraben voller Weinfässer.

Sein Enkel ist allerdings erst 19 Jahre später geboren. "Als Johann Wolfgang von Goethe an seiner Autobiographie 'Dichtung und Wahrheit' schrieb", so Seng, "hatte er sich - seine Mutter war ja 1808 hier in Frankfurt gestorben - Unterlagen, unter anderem auch die Erbteilung von seinem Großvater und auch andere Dokumente, zum Beispiel die Leichenrede, die damals gehalten wurde, ein mehrseitiges Dokument, das den Lebenslauf des Großvaters nochmal Revue passieren lässt, nach Weimar kommen lassen. Die liegen heute im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. Also, er hat sich sehr wohl dafür interessiert und wusste auch etwas darüber, aber offensichtlich wollte er es dann doch nicht erzählen. Der Großvater wird ja erwähnt, allerdings ohne Namen."

"Da kommt er nur an einer einzigen kleinen Stelle vor, und das ist Verdrängungsprosa, würde ich sagen", meint Heiner Boehnke: "Goethe hat ja schreibende Handwerker aktiv gefördert, und dann fragt man sich schon, warum hat er denn nicht seinen eigenen Großvater mal betrachtet bei dieser Galerie von wandernden Handwerkern."

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Friedrich Georg Goethe alias Monsieur Goethé - so nimmt man zumindest an.

Weil Goethe selbst ihm keine Bedeutung eingeräumt hat, ist Friedrich Georg Goethe auch vom Rest der Welt vergessen worden. 1899 gab es mal einen Aufsatz über ihn, aber das neue 400-Seiten-Buch in der 'Anderen Bibliothek' ist die erste umfassende Studie und zugleich ein Stück spannender Kulturgeschichte. Es gibt viele Illustrationen, Stadtansichten und Landkarten. Allerdings: Ob die beiden gutaussehenden Menschen auf den Porträts wirklich Goethes Großeltern väterlicherseits sind, kann man nicht mit Sicherheit sagen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal extra | 12.10.2017 | 19:00 Uhr

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