Stand: 18.02.2016 17:18 Uhr

"Adonis war immer Dissident"

Es wurde gestritten, kritisiert, heftig diskutiert: über die Preisverleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises an den syrisch-libanesischen Autor Adonis. Er gilt als eine der wichtigsten Stimmen der arabischen Welt und eigentlich sollte der Preis bereits im letzten November übergeben werden. Wenige Tage vorher wurde die Verleihung abgesagt. Der Grund für die Unstimmigkeiten: Der Schriftsteller habe sich nicht klar genug gegen das brutale Vorgehen des syrischen Regimes positioniert.

Entgegen aller Kritik findet nun die Verleihung des Preises dotiert mit 25.000 Euro in Osnabrück statt. Die Entscheidung mitgetragen hat der Literaturkritiker Hubert Winkels, der Mitglied der Jury ist. Im Gespräch verteidigt er die Entscheidung.

NDR Kultur: Herr Winkels, es gab heftige Kritik im Vorfeld um den Remarque-Friedenspreis für einen Schriftsteller, "der sich nicht eigens um den Frieden verdient gemacht hat" - so die viel zitierten Vorwürfe. Können Sie die Entscheidung der Jury, die einvernehmlich gewesen ist, erklären?

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Journalist, Autor und Literaturkritiker Hubert Winkels sitzt in der Jury des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises.

Hubert Winkels: Dass sie einvernehmlich war, heißt nicht, dass wir nicht lange darüber diskutiert haben. Wir haben uns, auch nach einigen Bemerkungen von außen, nochmal getroffen und geredet. Es war ein langer Diskussionsprozess, aber am Ende haben wir einheitlich votiert. Die Gründe dafür liegen eigentlich auf der Hand - es ist schon schwierig zu begründen, warum Adonis nicht geeignet ist. Seit 30 Jahren lebt er in Frankreich, seit 50 Jahren ist er im Exil. Er hat sich immer gegen das Regime ausgesprochen, er war immer Dissident - hauptsächlich deswegen ist er im Ausland geblieben. Auf die politische Situation bezogen ist er sehr stark für die Trennung von Religion und Staat, die Gleichberechtigung der Geschlechter und den Schutz der Minderheiten eingetreten. Seine Überlegung seit jeher war, dass eine Änderung in der arabischen Welt nur zustande kommen kann, wenn die Religion, die einen totalitären Anspruch auf alles hat, von der politischen Organisation getrennt wird. Bevor das nicht passiert, kann es auch keine Umwälzung der Gesellschaft geben. Diese Freiheit, die er in seiner Arbeit, in seiner Poesie in Anspruch nimmt, ist die Voraussetzung für seine indirekten - er ist ja kein Politiker - politischen Ansprüche: weg mit der Dogmatisierung von Wahrheit. Die fragende Instanz der Poesie muss ihre Wirkung tun.

Kritik kam ja von verschiedenen Seiten: von Regimekritikern, von Schriftstellern, von Menschenrechtsaktivisten und vom Zentralrat der Muslime. Hat Sie das nicht als Jury verunsichert?

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Winkels: Doch. Es gibt aber keinen wirklichen Vorwurf an die jetzigen Äußerungen von Adonis. Es bezieht sich auf eine Bemerkung, die er 2011 in einem Brief an Assad gemacht hat, wo er ihn mit Präsident angesprochen und als gewählten Präsidenten bezeichnet hat. Und dass er 1979 den Umsturz im Iran begrüßt hat. Das sind historische Vorwürfe, die mit der gegenwärtigen Situation kaum etwas zu tun haben. Zumal wir jetzt in Syrien und im Nahen Osten eine Konstellation haben, die die Bedingungen zur Beurteilung von Adonis vollständig verändert haben. Wo ist denn die nicht-dogmatische, nicht-ISIS-nahe Oppositionsbewegung, die am Anfang scheinbar für uns den Arabischen Frühling, den Aufbruch getragen hat? Offenbar war Adonis immer schon skeptisch, weil er gesagt hat: Die sind mit der Religion im Bunde, die sind indirekt mit Saudi-Arabien im Bunde. Sie sind eine Partei in diesem komplizierten Gemisch von Kriegsgruppen - und nicht diese freien Bürgerrechte transportierende Gruppe, wie es im Moment ja auch aussieht. Man weiß nicht, ob das von Anfang an so stark war, ob es sich so verwandelt hat, oder ob es unter dem Druck entstanden ist. Da kommen wir Beobachter von außen sehr stark ins Schwimmen.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, soll durch die kontroverse Diskussion über Adonis das intensive Gespräch über Syrien in Gang kommen. Ist das nicht etwas kompliziert und um viele Ecken gedacht?

Winkels: Genau das meinte ich eben nicht. Es war ja nicht die Absicht, über einen Trick eine Diskussion in Gang zu setzen. Sondern wir hatten diesen Weltpoeten, diese großartige philologische, historische und dichtende Person im Auge, die sich über einen bestimmten Begriff von Poesie den Freiheitsrechten zugewandt hat, vor allen Dingen der Trennung von Religion und Staat, was ja nicht unwichtig ist. Aber das heißt natürlich, dass die Wahrheitsansprüche in solchen Systemen offen gehalten werden, dass sie nicht beantwortet werden können, weder von einem Diktator, noch von einer religiösen Instanz. Und die Poesie ist das Mittel der Subversion dieser extremen Wahrheitsansprüche. Das ist eine schöne Verknüpfung von Kunst, Kultur und Politik als repressivem System. Das haben wir gesehen.

Dass daraus diese Diskussion geworden ist, die sich mitbewegt mit den faktischen Entwicklungen in Syrien, dass wir z.B. die zivile Dimension des Aufstands von 2011 gar nicht mehr sehen können, sondern den IS auf einmal an Stellen sehen, wo wir demokratischen Untergrund vermutet haben - all diese Entwicklungen spielen auf einmal in diese Diskussion hinein. Das ist nicht Ziel der Übung. Es ist aber etwas, was passiert ist, und mit dem die Stadt Osnabrück gescheit umgeht, indem sie es zum Gegenstand von Diskussionen macht. Insofern ist es fruchtbar, was jetzt passiert, aber es war nicht das bewusste Ziel der Übung. Den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis hat er bekommen, weil er ein großer, zivilgesellschaftlich engagierter Poet ist.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.02.2016 | 19:00 Uhr

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