Stand: 06.07.2017 17:07 Uhr

Freude für alle Staatenlenker? Das G20-Konzert

von Rainer Sütfeld

Zwei Tage lang geht es in Hamburg nicht nur um Gipfelhöhen in Sachen Weltpolitik, sondern auch um Hochkultur für die Mächtigsten der Welt. Ob Beethovens Neunte für alle ein Hochgenuss wird, fragt sich unser NachDenker Rainer Sütfeld.

NachDenker Rainer Sütfeld ist Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" bei NDR Kultur in Hannover.

G20, nee auf keinen Fall G20, kann doch kein Mensch mehr hören. Aber am 7. Juli dies Thema nicht zu bedenken, ist wohl weltfremd. Und das wollen wir NachDenker ja nicht sein, aber auch nicht über jedes Stöckchen springen, das uns hingehalten wird von offiziellen Seiten oder wohlmeinenden Gegengruppen.

Freude schöner Götterfunke soll es heißen, wenn sich G20 und Gäste, wenn sich über 20 Staatenlenker und drei Lenkerinnen mit sehr verschiedenen Aufmerksamkeitsspannen gut 70 Minuten nur der Musik widmen sollen, ohne Einfluss und Rederecht. Da sitzen sie dann im Hamburger Prunkbau, nicht nur akustisch perfekt abgeschirmt, von möglichen Funken, die hoffentlich nicht draußen in der Stadt von Molotowcocktails entzündet werden. Und nicht für jeden ist die Zeit im Saal die pure Freude, sollen doch zum Beispiel Handys ausgeschaltet sein.

Stillsitzen und schweigen

Man möchte schon wissen, was in den Köpfen vorgeht, wenn sie alle plötzlich stillsitzen und schweigen müssen. Leicht macht es die Kanzlerin ihren Gästen dabei nicht. Weit über eine Stunde Überwältigungsmusik ohne Pause. Und dann noch der Text im vierten Satz, Friedrich Schillers "Ode an die Freude". Übersetzung jeweils hoffentlich im Programmheft der Staatsgäste, auch wenn's dann raschelt.

Live im Programm

G20-Konzert mit politischen Untertönen

Beethovens Neunte für die G20-Teilnehmer in der Elbphilharmonie: Die Staatschefs reagierten unterschiedlich auf das Werk. Das Konzert war von schweren Krawallen überschattet. mehr

Welche Millionen will ein Wladimir Putin umarmen, küssen ist ja nicht das Problem, oder eine Theresa May aus dem grad noch so Vereinten Königreich. Viermal wird der Chor betonen, dass es um alle Menschen geht, und dann  beschwören, dass Sie Brüder werden - oder auch Schwestern. Das könnte Macron und Trudeau, den jungen Brüdern im Geiste gefallen. Indiens Premier Modi hat es dagegen nicht so mit der Brüderlichkeit, wenn es um Andersgläubige geht, und Chinas Xi schon gar nicht, wenn es um Andersdenkende im eigenen Land oder Hongkong geht. Freude sollen alle Wesen, alle Anwesenden trinken, aber die ist aus Reben gemacht, armer Erdogan. Alkohol ist Teufelszeug und gehört verboten, wie vieles andere mehr in der Türkei, so auch das Küssen an vielen Orten, von freier Meinungsäußerung ganz zu schweigen. Ach, der Text will nicht so recht passen, zu einer zerrissenen Welt, die kaum einen Grund zur Freude hat, jedenfalls nicht der Teil, der erst gar nicht in die Elbphilharmonie geladen wurde. Und außerdem ist der Schiller-Text entschieden länger als 140 Zeichen.

Japans Präsident Shinzo Abe mag das abkönnen, gilt als geduldig und kann meditieren. EU-Kommissionschef Juncker kann sich auf den vierten Satz, die Europahymne freuen, genau wie die Kanzlerin, die diese musikalische Holzhammersymbolik gewählt hat. Sie hat jedenfalls endlich ein paar Minuten Ruhe vor all den Quälgeistern und freut sich vielleicht schon aufs Hotelfrühstück mit dem smarten Youngster aus Ottawa, der auch im Atlantic nächtigt, während Trump allein im Gästehaus twittert. 

70 Minuten Gedankenfreiheit

Über 70 Minuten Gedankenfreiheit für den amerikanischen Präsidenten, welche Funken mag da sein Hirn schlagen, quasi göttergleich. Und die Musik ist ja wirklich great, aber so lang. Ob er die Deals durchgeht, die unter vier Augen so liefen. Und überlegt, wen man eigentlich aus dieser G20 feuern könnte? Den Mauergegner aus Mexiko zum Beispiel, oder den Obama-Freund aus Indonesien, auf jeden Fall diesen frechen Premier aus Australien. Und dann noch diese Europa-Hymnen-Mitsinger, wie sie da alle sitzen und die USA klein machen wollen und vom Klima schwafeln. G2 reicht doch. Theresa und ich. Die ganze Welt kann mich mal. Und wer ist überhaupt die Tochter aus Elysium? Oh, Applaus - für mich?

Über Zugaben ist bisher nichts bekannt. Aber Opernorchester und Opernchor hätten ja noch viele Möglichkeiten zwischen Beethoven, Mozart oder Verdi  auf Trumpsche und andere Gedanken ihres hochvermögenden Publikums zu reagieren. O welche Lust...

Die Kolumne zum Nachhören
03:50

G20 Konzert in der Elbphilharmonie

NDR Kultur

In Hamburg geht es nicht nur um Weltpolitik, sondern auch um Hochkultur für die Mächtigsten der Welt. Ob Beethovens Neunte für alle ein Hochgenuss wird, fragt sich NachDenker Rainer Sütfeld. Audio (03:50 min)

Übersicht

Die NachDenker

NDR Kultur

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die NachDenker | 07.07.2017 | 10:20 Uhr

Mehr Kultur

53:47

JazzBaltica 2017: Pixel

23.09.2017 22:05 Uhr
NDR Info
02:31

Heimatkunde: Freimaurer

23.09.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal