Stand: 07.12.2015 14:00 Uhr

"Nimm uns mit nach Europa"

von Lennart Herberhold
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"Mein Traum war es, ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit zu führen", sagt Zekarias Kebraeb.

Wir sehen die vielen Flüchtlinge in den Medien - oft ohne ihre Geschichten zu kennen. Aber wie sehen sie unser Land, wenn sie einige Zeit hier gelebt haben? Welche Erfahrungen haben sie gemacht? Warum sind sie geflohen? Zekarias Kebraeb stammt aus Eritrea und kam vor gut zehn Jahren nach Deutschland. Er war in einem Fischerboot über das Mittelmeer nach Europa geflohen. 2006 wurde sein Aufenthalt in Deutschland genehmigt. Seitdem hat er ein Buch über seine Flucht veröffentlicht, "Hoffnung im Herzen, Freiheit im Sinn".

"Man hat keine Ahnung von Abschiebung und Gefängnissen"

Schon als Fünfjähriger hat Zekarias Kebraeb davon geträumt und, wenn er ein Flugzeug gesehen hat, mit den anderen Kindern geschrien: "Bitte, nimm uns mit nach Europa!" "Ich habe im Fernsehen gesehen, dass Europa leuchtet, dass Europa glänzt, dass es reich ist und dass es die größte Freiheit hat", erzählt Kebraeb. "Man hat keine Ahnung von Rassismus und Grenzpolizisten. Man hat keine Ahnung von Abschiebung, Gefängnissen, Asylheimen oder Arbeitsverbot."

Inzwischen fühlt sich Zekarias Kebraeb hier zu Hause, in Nürnberg. Als er nach Deutschland kam, staunte er zuerst über die vielen warmen Jacken - und dann fielen ihm die vielen Kontrollen auf: "Wenn ich mit dem Zug fahre, gibt es Polizeikontrollen. Diese Vorurteile! Die Polizisten glauben: 'Der kann einer sein!' Weil man anders aussieht. Ich habe einmal gefragt, warum ich zum dritten Mal im Zug auf demselben Weg kontrolliert werde. Ja, du könntest auch ein illegaler Migrant sein! Aber ich bin heute Deutscher!"

Mehr Verständnis und Respekt für Flüchtlinge

Zekarias will mehr Respekt für Flüchtlinge, deshalb hat er vor ein paar Jahren mit der Journalistin Marianne Moesle ein Buch über seine Flucht geschrieben. Er liest überall in Deutschland daraus vor. Der Kanzlerin hat er auch eins in die Hand gedrückt. "Damit die Leute verstehen, warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen", so Zekarias. "Menschen sehen kurz, eine Minute, im Fernsehen: Viele Flüchtlinge sind verzweifelt, es kommen viele, es ist Flüchtlingskrise. Aber warum Flüchtlinge flüchten, wissen nur wenige."

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Ihm ist es - wie so vielen - schwergefallen zu gehen, aber: "Man kann in Eritrea nicht leben. Frauen und Männer - jeder muss zum Militär. Und die Militärzeit hat kein Ende." Eritrea heißt: unbefristeter Militärdienst, willkürliche Hinrichtungen, systematische Folter.

"Ich dachte, ins Gefängnis kommen nur Verbrecher"

Mit 17 ist Zekarias mit einem gefälschten Militärausweis abgehauen. Durch die Wüste, übers Meer, nach Italien. Mit dem Zug durch die Schweiz, Frankreich, Belgien. Nach Skandinavien wollte er. Er war mit dem Zug unterwegs durch Norddeutschland, zur dänischen Grenze, er war fast da, da wurde er kurz vor Fehmarn festgenommen: falsche Papiere - Abschiebehaft.

"Das war mein erstes Mal im Gefängnis", erinnert sich Zekarias. "Und ich hatte gedacht, ins Gefängnis kommen Leute, die sehr kriminell sind, Verbrecher, aber ich war nicht kriminell. Ich war nur ein Flüchtling. Das war für mich unverständlich, und ich war auch wütend und wollte nicht drei Monate im Gefängnis bleiben. Deswegen habe ich einen Hungerstreik gemacht im Gefängnis, wurde aber nach zwei Wochen freigelassen. Dann konnte ich in der Nähe von Nürnberg Asyl beantragen."

Gespräch mit den Grenzpolizisten von Frontex

Sein Buch wurde auch bei Frontex gelesen. Die Agentur ist offiziell mit dem "Schutz der EU-Außengrenzen" betraut. 2013 gab der damalige Direktor zu, dass Frontex Flüchtlingsboote abgedrängt und Flüchtlinge auch unter Androhung von Gewalt abgeschoben hatte.

"Hoffnung im Herzen, Freiheit im Sinn"

Zekarias Kebraeb & Marianne Moesle
Verlag: Bastei Lübbe
366 Seiten
ISBN: 978-3-404-60167-7

Frontex lud Zekarias ein, mit jungen Grenzpolizisten zu sprechen. Als er der Einladung folgte, hat er sich gefragt, ob er jetzt ein Verräter sei. "Viele denken, dass ich gegen Frontex kämpfen sollte. Aber gegeneinander kämpfen hilft nicht", sagt Zekarias. Für ihn ist entscheidend, was passiert, wenn Flüchtlinge und Polizisten zum ersten Mal aufeinander treffen. "Deswegen gehe ich zum Grenzpolizisten und erkläre mich, sage was die Flucht bedeutet. Wer sind die Flüchtlinge? Und wenn sie dann Flüchtlinge treffen, wie müssen sie dann reagieren? Sie müssen mit Gefühl und Respekt die Flüchtlinge einfach in Sicherheit bringen!"

Zekarias Kebraeb kann heute gehen, wohin er will. Er fliegt oft nach Äthiopien. Von dort macht er Radio für junge Leute in Eritrea. Er warnt sie: Die Flucht ist gefährlich. Europa ist kein Paradies. Und trotzdem, sagt er, bleibt ihnen nichts anderes übrig als zu fliehen. Zu Fuß, mit dem Boot, durch die Wüste, übers Meer. 

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 07.12.2015 | 22:45 Uhr

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