Stand: 06.09.2017 09:01 Uhr

Fett-Tanz und Techno-Energie in Hannover

von Agnes Bührig

Zum mittlerweile 32. Mal läuft in Hannover das Festival Tanztheater International. Körperfett, das wabbelt und vibriert - in ihrem Stück "Mehr als genug" setzte die österreichische Choreographin Doris Uhlich am Montag ihren nackten Körper in ungewöhnliche Bewegungen - "Fett-Tanz" nennt sie ihre Technik. Damit hinterfragt die 1977 geborene Performance-Künstlerin gängige Vorstellungen vom Körper. Am Mittwoch feiert ein weiteres Stück von ihr Premiere: "Boom Bodies". Darin wird zu Techno-Rhythmen getanzt.

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Doris Uhlich (rechts am Telefon) fragt sich: Gibt es den perfekten Körper für den Tanz?

Eine leere Bühne, zwei Stühle, zwei Frauen. Die eine zitiert ein Gedicht von Baudelaire über die Schönheit, die andere tanzt währenddessen. Wenig scheinen sie miteinander zu tun zu haben, doch vereint sind sie in der Suche nach Antworten auf die Fragen des Abends: Was ist Schönheit und gibt es den perfekten Körper für den Tanz? Doris Uhlich sagt: "Ich habe nach poetischem Material gesucht, habe sehr viel Rubensbilder angeschaut, Barockgemälde, wo eben das Fleisch des Körpers sehr inszeniert wird. Wo man sehr füllige Frauen und Männer sieht, oder die barocken Engel. Ich habe mich inspirieren lassen."

"Zu dick und zu jung" hieß es, als sich Doris Uhlich mit 19 Jahren am Konservatorium der Stadt Wien für das Fach Tanzpädagogik bewarb. Es war ein Anstoß, darüber nachzudenken, ob ihr korpulenter Körper für den Tanz geeignet ist. Und es weckte eine Empörung, die 2009 in das Tanzstück "Mehr als genug" mündete.

Begriff der Schönheit ist relativ

Livetelefonate auf der Bühne: mit einem Mann mit Glatze, zwei Tänzerinnen und einem Blinden. "Wenn man mir heute wieder Haare geben würde, dann würde das mehr so ein Anschlag auf meine Persönlichkeit sein. So hobbypsychologisch betrachtet, sehe ich mich nicht als Mann ohne Haare, sondern einfach als Mann mit Glatze." Thomas, schon als Teenager mit Glatze, antwortet auf die Frage, ob er sich von einer Zauberin neue Haare wünschen würde.

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"Unser Körper möchte auch sanft sein", sagt die Österreicherin Doris Uhlich, die auf der Bühne ihren "Fett-Tanz" präsentiert.

Sehr eindringlich wird deutlich, dass der Begriff der Schönheit relativ ist. Dann zieht sich Doris Uhlich splitterfasernackt aus und stäubt ihren ganzen Körper mit Babypuder ein. Zur drängenden Barockmusik wirbeln Puderschwaden im Gegenlicht auf. Doris Uhlich lässt Oberschenkelmasse und Bauchfett erzittern, ihre Brüste vibrieren - hoch ästhetisch und verstörend zu gleich, denn wir sind es nicht gewohnt, Tänzern so ungeniert auf den nackten Körper zu gucken. Doris Uhlich erklärt: "In unserer Welt wird eben mehr und mehr gefordert, dass wir eben nicht wackeln dürfen, es soll alles stählern sein, wir laufen alle in die Fitness-Studios. Es gibt einen Aspekt der Gesundheit, den verstehe ich, aber wir dürfen nicht vergessen, dass der Körper auch sanft sein möchte. Ich glaube auch, in weiterer Folge hat das eine große Auswirkung auch auf unser Denken."

"Die Haut ist keine Mauer"

Ein sanfter, weicher Körper sei offener dafür, seine Umwelt wahrzunehmen, sagt Uhlich. Die Haut sei keine Mauer, die abschotte, sondern eine durchlässige Struktur, die Erfahrungen einlagere. Auch traumatische Erfahrungen, die in ihrem Stück "Boom Bodies" eine Rolle spielen. Doris Uhlich: "Das, was sich in mir einlagert, beginnt, meinen Körper eher zu schließen. Es wird komplexer, es wird irgendwie korrupter, es wird undurchsichtiger, auch, sich durch die Nachrichtenflut durchzuwühlen erfordert ein wahnsinniges Maß an Aufmerksamkeit. In 'Boom Bodies' ist das Ziel, den Körper wieder zu öffnen und in Aktion treten zu lassen, sich nicht unterkriegen zu lassen von diesen negativen Vibes der Zeit."

Es ist ein zutiefst politisches Tanz-Werk, das die Österreicherin Doris Uhlich beim Tanztheater International in Hannover präsentiert. Und es macht auf eindringliche Weise deutlich, dass Tanz mehr ist und kann als perfekte Tänzerkörper in schöne Bewegungen zu versetzen.

Choreografen aus aller Welt zu Gast in Hannover

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 30.08.2017 | 10:20 Uhr

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