Stand: 08.10.2017 11:19 Uhr

"Luther" in Kiel: Finster und überraschend

von Kerstin Düring

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu beschäftigt sich seit fast 40 Jahren mit dem Christentum. Im Jubiläumsjahr der Reformation hat er einen Lutherroman veröffentlicht - "Evangelio". Dieser schaffte es bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Für das Kieler Schauspielhaus hat er die Geschichte nun als Bühnenstück fortgeschrieben. Es heißt bezeichnenderweise "Luther" und wurde am Samstagabend uraufgeführt.

Es ist das finsterste Mittelalter, in das die Zuschauer hier am Kieler Schauspielhaus versetzt werden. Die Bühne holzvertäfelt, dunkles Braun mit schwarzen Schlieren, die von oben herabzutropfen scheinen. Oben, wo man in einer Geschichte um den Glauben doch eigentlich das Himmelreich vermuten würde, schwebt stattdessen die Angst. Gott kommt in der Geschichte vom großen Reformator des Christentums eher am Rande vor. Viel größeren Einfluss auf die Menschen hat die Angst vor seinem Gegenspieler, dem Satan.

Auf der Bühne der Opernhaus Kiel sind drei Schauspieler und inszenieren eine Szene aus dem Theaterstück Luther von Feridun Zaimoglu. © Olaf Struck Fotograf: Olaf Struck

Theater Kiel: Feridun Zaimoglus "Luther"

NDR 1 Welle Nord - Theater auf der NDR 1 Welle Nord -

Martin Luther in einer finsteren Hauptrolle: Im Hexenprozess steht er auf der Seite der Folterknechte. Er fürchtet den Satan, zweifelt - und macht Hoffnung.

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Ein blasser, zweifelnder Luther

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Zacharias Preen spielt Martin Luther als einen zweifelnden, brüchigen Mann, der sein eigenes Handeln hinterfragt.

"Wir spielen im Jahr 1540 in Wittenberg und die ganze Menschheit glaubt zu dieser Zeit tatsächlich noch an den Teufel als eine wirklich echte Gestalt und als eine Gegenmacht, die genau wie Gott Einfluss nimmt auf die Menschen", sagt Regisseurin Annette Pullen. Martin Luther tritt in dem Stück zwar als erstes auf die Bühne, ganz sicher ist man sich aber nicht, ob der schwarz gekleidete Mann wirklich die Hauptrolle spielt. Blass und zweifelnd wird er dargestellt, wenig wie der Anführer einer Glaubensrevolution.

"Er ist in einer Phase seines Lebens, wo er seine Jugend und auch das Stürmer- und Drängertum hinter sich gelassen hat. Insofern sieht man einen brüchigen Luther, der sich auch die ersten Fragen stellt, ob das, was er getan hat, wirklich richtig ist", sagt Pullen.

Im Mittelpunkt: Ein historischer Hexenprozess

Das Stück dreht sich um einen Hexenprozess und um den wirren Aberglauben, dem offenbar auch Luther anhängt. Er steht auf der Seite der Obrigkeit. Der Exorzisten und Henkersleute.

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Prista Frühbottin (Yvonne Ruprecht, Mitte) wird als Hexe angeklagt.

Die Geschichte beruht auf historischen Tatsachen, sagen Zaimoglu und sein Co-Autor Günter Senkel - mit einigen Ausnahmen: Denn der echte Martin Luther war zu der Zeit des Hexenprozesses nicht in der Stadt Wittenberg, wie im Stück dargestellt. "Man könnte also jetzt sagen, er hatte doch damit nichts zu tun. Das stimmt, wir haben uns nur auf seine Ansichten über Hexen bezogen", sagt Zaimoglu. Und Senkel ergänzt: "Martin Luther war ein Kind seiner Zeit und davon überzeugt, dass Hexen existieren. Und die beste Methode, mit ihnen umzugehen ist, sie zu verbrennen. Die Tatsache, dass Hexen für schlechtes Wetter oder sonstige üble Dinge verantwortlich sind, war für die genauso selbstverständlich wie heute das CO2 für uns."

Finsteres Stück überrascht die Zuschauer

Ein finsteres Stück ist es geworden und, obwohl es mit viel Fingerspitzengefühl inszeniert ist: Dass es ein so kritisches Bild von Martin Luther zeichnen würde, hat viele Zuschauer überrascht: "In diesem Stück merkt man eben, er war doch nur ein Mensch und er hatte Fehler, - das fand ich sehr interessant", resümiert ein Premierengast.

Der Tenor im Publikum: Im ersten Teil hat die Inszenierung zwar noch einige Längen, nimmt dann aber nach der Pause rasant an Fahrt auf und fängt endlich an, zu überraschen. Mitreißend sind die Leistungen der Schauspieler und die mittelalterliche Kunstsprache Zaimoglus, der Meister Martinus genau aufs Maul geschaut hat.

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"Luther" in Kiel: Finster und überraschend

Mit "Evangelio" hat Feridun Zaimoglu einen großen Roman über Martin Luther geschrieben. In Kiel ist nun die Fortsetzung erstmals auf die Bühne gekommen - und zeigt Luther blass und zweifelnd.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Theater Kiel
Holtenauer Straße 103
24105  Kiel
Telefon:
(0431) 901901
Preis:
17,10 Euro bis 35,40 Euro
Hinweis:
Regie: Annette Pullen
Bühne: Iris Kraft
Kostüme: Barbara Aigner
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 08.10.2017 | 09:25 Uhr

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