Stand: 02.06.2017 15:58 Uhr

Eindrücke von "Theater der Welt"

Rund eine Woche läuft nun schon in Hamburg das Festival "Theater der Welt". Bis zum 11. Juni sind 45 Produktionen aus aller Welt zu sehen: täglich mehrere Aufführungen an verschiedenen Orten. Katja Weise ist unterwegs und hat schon viele Eindrücke gesammelt.

NDR Kultur: Was sind denn die "frischesten" Eindrücke vom Festival?

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Die Küche als Theaterbühne: "The Gabriels" aus den USA vom The Public Theater.

Katja Weise: Auf Kampnagel habe ich mir den ersten Teil der Trilogie "The Gabriels" angeschaut. Ein wirklich spannendes Projekt aus New York über den amerikanischen Wahlkampf im vergangenen Jahr. Weil es so subtil ist. Der Autor Richard Nelson setzt das Publikum nämlich einfach an drei aufeinander folgenden Abenden an den Küchentisch der Gabriels und lässt es an deren Gesprächen teilhaben - während sie kochen. Da ist wirklich eine funktionstüchtige Spüle aufgebaut, in der Salat gewaschen wird, ein großer Kühlschrank und ein Herd steht. Düfte ziehen einem direkt in die Nase. Die Schauspieler schnibbeln, rühren, kochen und unterhalten sich. Das alles völlig unaufgeregt. Klassische Küchensituation.

Die Themen wechseln: Es geht um eine Beerdigung, um den Verstorbenen, die alte Mutter, die in ein Heim gezogen ist, ums Kochen und die Rolle der Hausfrau. Dabei entsteht nach und nach das Bild einer ganz normalen Familie, die auf dem Land wohnt, sich oft über den Tisch gezogen und zunehmend verunsichert fühlt, weil viele Dinge sich verändern. So erfährt man letztlich eine ganze Menge über die Stimmung, aus der heraus Donald Trump schließlich gewählt wurde. Und das, obwohl Tagespolitik kaum eine Rolle spielt, maximal zehn Minuten reden die Gabriels über den Vorwahlkampf.

Pfingsten gibt es alle drei auch als Marathon. Eine Art Festival-Marathon absolvieren Sie ja auch. Gibt es eine Art "Festivalgemeinde"?

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Auch Spielort des "Theaters der Welt" in Hamburg: Kampnagel

Weise: Manche trifft man immer wieder, aber es verteilt sich sehr. Weil jeder andere Prioritäten setzt. Und es eine Fülle kleinerer Produktionen, wie zum Beispiel die "Gabriels". Festivalstimmung ist am ehesten draußen in der Hafencity zu spüren. Denn dort befindet sich am Kakaospeicher ja das Festivalzentrum "Haven". Klug und mit viel Liebe zum Detail geplant und hergerichtet von Claudia Plöchinger. Hier kann man sich zwischendurch stärken. Eindrücke sacken lassen oder einfach mal den Blick auf den Hafen genießen. Gerade in den vergangenen schönen Tagen waren das tolle Bilder. Die Stimmung ist insgesamt gut, beschwingt, und sehr "bunt" - auch wenn viele auf das große Highlight noch warten.

Gab es für Sie denn schon eins?

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Fidjeri-Sänger beim Festival "Theater der Welt".

Weise: Eins, das mich wirklich "gepackt" hätte, nicht. Auch wenn ich den Kakaospeicher, der erstmals bespielt wurde, als Ort umwerfend finde. Dort habe ich bei der Eröffnung tolle Bilder gesehen. Charmant fand ich bisher vor allem kleinere Produktionen, bei denen das Publikum, wie bei den Gabriels, sehr nah dran war an den Künstlern.

Eine möchte ich hervorheben: Fidjeri-Sänger und Musiker aus den Golfstaaten, die das Rolandslied, das vom Krieg Karls des Großen und seines Neffen Roland gegen die Sarazenen erzählt, auf Arabisch "aufführen". Fidjeri, das ist die über 800 Jahre alte Musik der Perlenfischer - und in diesen Kosmos überträgt der ägyptische Künstler Wael Shawky das Rolandslied. Was dazu führt, dass hier die Niederlage der Sarazenen, die einst auf der arabischen Halbinsel siedelten, begeistert besungen wird. Aus diesem Widerspruch zieht diese "Musiktheaterinstallation" Kraft. Zumal Shawky das Bühnenbild selbst gestaltet hat: Eine Art Mosaik, das inspiriert ist von historischen Karten der Städte Aleppo, Bagdad und Istanbul. Außerdem war es einfach ein Erlebnis, diesen prächtig gekleideten Musikern nicht nur zuzuhören, sondern auch zuzuschauen: Begeisterung und Hingabe pur.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 31.05.2017 | 16:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Eindruecke-von-Theater-der-Welt,theaterderwelt154.html

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