Stand: 20.02.2016 08:49 Uhr

Berührender Totentanz für die Überlebenden

von Janek Wiechers

Johannes Brahms klanggewaltiges Werk "Ein deutsches Requiem" war, als es 1867 erstmals aufgeführt wurde, eine Sensation. Verwendete der Komponist doch nicht wie bei einem Requiem sonst üblich lateinische Messetexte aus der Liturgie, sondern vertonte deutsche Bibeltexte des Alten und Neuen Testaments. Dazu noch solche, die nicht das Jenseits betonten, sondern das Diesseits angesichts der menschlichen Sterblichkeit in den Mittelpunkt rückten. Auch heute hat Brahms' großes Werk nichts an Kraft und musikalischer Schönheit verloren. Kein Wunder, dass es immer wieder aufgeführt wird - konzertant zumeist, mit Orchester und großem Chor. Das war auch bei der Premiere am Staatstheater Braunschweig am Freitagabend der Fall. Allerdings mit dem ungewöhnlichen Zusatz, dass das Tanzensemble des Hauses mit von der Partie war und den Abend maßgeblich mitgestaltete. 

Ein Requiem für die Lebenden

Kometenschweif als Symbol der kosmischen Dimension

Das Stück beginnt mit einer eindringlichen Szene: Quer durch den Bühnenraum zieht ein heller Kometenschweif über zwei in der Luft schwebende Autowracks und schlägt lautstark ein - ein starkes Symbol der kosmischen Dimension des Werkes Brahms. Eine schwarze Fahrbahn setzt sich von der Bühne, wie eine halbe Sinuskurve nach hinten-oben in das Dunkel fort - ein Pfad in eine unbekannte Unendlichkeit. Darauf sind Reifenspuren zu sehen.

Während die verbeulten Karosserien nach oben entschwinden, beginnen sich zur einsetzenden Musik langsam einige am Boden liegende Personen zu rühren, betäubt noch vom lebensbedrohlichen Aufprall eines Autounfalls, aber noch im Hier und Jetzt, am Leben. In hellblauen, locker geschnittenen Hemden und Hosen, schweben die Tänzerinnen und Tänzer zunächst wie entrückt durch das schlicht gehaltene Bühnenbild. Im Hintergrund ein halbtransparentes Vlies, der sich von der Decke bis zum Boden spannt. Dahinter der große Chor.

Nicht für die Toten, sondern die Überlebenden

Zur Musik von Johannes Brahms entspinnen sich zu den insgesamt sieben Sätzen des Requiems ergreifende tänzerische Nummern. Unter Anleitung ihres Tanzdirektors, dem Schweizer Gregor Zöllig, hat das Braunschweiger Ensemble eine meditative und anrührende Choreografie entwickelt. Sie setzt sich in starken Bildern assoziativ mit dem Thema des Requiems auseinander - die Trauer über die Tatsache menschlicher Sterblichkeit. "Es ist nicht für die Toten, sondern für die Trauerarbeit der Überlebenden gedacht", sagt Zöllig. Brahms habe einen unheimlich menschlichen Zugang zu dieser Thematik gehabt. "Er lässt viele Freiräume offen, die ich mit Tanz vielleicht noch erweitern darf", so Zöllig.

Ein Monument der Musikgeschichte

Dabei ist der Versuch, Brahms' bereits für sich so stark wirkende Musik mit Tanz zu verbinden, durchaus ein Wagnis. Eines, das Orchester, Chor, Solisten und Tanzensemble mutig eingegangen sind. Das Ergebnis stellt sich als Glücksfall heraus. Musik und Tanz gehen in der neuen Braunschweiger Inszenierung eine erstaunlich harmonische Verbindung ein. Beide Elemente arbeiten ganz und gar nicht gegeneinander, sondern ergänzen sich - ganz so wie es sich Choreograf Zöllig wünschte. "Wir sind mit der Musik als Partner umgegangen und haben versucht, die Rhythmen mit zu bedienen." Zudem hätten die Tänzer auch eigene Melodien oder eigene Rhythmen eingebunden. "Für mich als Choreograf war das eine Wahnsinnsherausforderung, weil diese Musik ein Monument der Musikgeschichte ist", sagt Zöllig. Das Experiment ist gelungen: Zum Schluss der Vorstellung brandet minutenlanger Applaus auf, und das Publikum verlässt sichtlich berührt den Saal.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.02.2016 | 10:00 Uhr