Stand: 20.01.2016 17:20 Uhr

Propst Claussen - der kulturelle Libero der EKD

von Daniel Kaiser
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Der Hamburger Propst Johann-Hinrich Claussen wird "Kulturminister" der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Alle wichtigen Kulturredaktionen haben seine Nummer. Johann Hinrich Claussen ist einer der wichtigen Köpfe der evangelischen Kirche in Deutschland. Ständig taucht er im "Spiegel", in der "Süddeutschen" oder der "Frankfurter Allgemeinen" mit Rezensionen, Essays oder Interviews auf. Der neue "Kulturminister" der EKD ist einer aus der Florett-Abteilung der evangelischen Kirche.

"Johnny, der Libero"

Ganz konkrete Vorstellungen von seinem neuen Job hat er noch nicht, sieht dem Amt aber gelassen entgegen. In Berlin wird Claussen Netzwerker, Botschafter und Ideengeber sein - also so etwas wie der kulturelle Libero der evangelischen Kirche, der selbstbestimmt Themen setzen und Diskussionen anschieben kann. "Meine Aufgabe ist es, zwischen Kirche und Kultur zu vermitteln", erklärt Claussen. Er wolle aber auch in der Kirche wieder das Bewusstsein wecken, eine Kulturkraft zu sein. "Gerade in den kleinen Städten und auf dem Lande sind die Kirchen manchmal die letzten Kulturträger", sagt er. Auf eines will Claussen auch künftig nicht verzichten: auf das Bücherschreiben.

Claussen bald auch auf Chinesisch

Über seine Geschichte der Kirchenmusik, "Gottes Klänge", erschienen im C.H. Beck Verlag, schrieb ein begeisterter Harald Schmidt in der FAZ, sie sei mit "Jauchzen und Frohlocken zu begrüßen!" Das Lob hat den Hauptpastor besonders gefreut. In seinem Buch, das gerade ins Chinesische übersetzt wird, schlägt er einen großen, interessanten Bogen von den Gesängen der ersten Christen über die Rolle der Orgel, die in der Kirche nicht immer erwünscht war, bis zum Gospel.

"Kirchenmusik ist eine wesentliche Ausdrucksform unseres Glaubens", sagt Claussen, "und Musik erreicht viele Menschen eher als manch gut gemeinte Predigt". Auch eine Geschichte der Kirchenarchitektur ("Gottes Häuser oder die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen") hat der Theologe verfasst, ein Jugendbuch und aktuell kommt eine Übersicht über die Entwicklung der Predigt in den Buchhandel.

"Nicht jeden Quatsch gefallen lassen"

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Claussen kann aber auch kantig. Das Luther-Buch von Heiner Geißler nannte er in der "Süddeutschen Zeitung" einen "zum Buch geronnenen Talkshow-Monolog" und "eilig angelesenes Instantwissen", worauf Geißler zurückkeilte und in einem offenen Brief von "ressentimentgeladener Schmähkritik" sprach. Auch mit der Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff liegt Claussen im Clinch, seit er ihre Anmerkungen zur Sprachkraft Luthers "pampige Prosa" nannte. "Normalerweise bin ich ein ganz liebenswerter, freundlicher, kleiner Kerl", beteuert der Theologe. Er erwarte aber ein Mindestmaß an Qualität. "Polemik ist nicht mein Hauptgeschäft, aber man muss sich auch nicht jeden Quatsch gefallen lassen."

Pastor und Intellektueller

Claussens Karriere verlief bislang gradlinig. Der Hamburger, geboren 1964, studierte in Tübingen, Hamburg und London evangelische Theologie, arbeitete nach seiner Dissertation über den Theologen Ernst Troeltsch als Gemeindepastor in Reinbek bei Hamburg und stieg nach seiner Habilitation über "Glück und Gegenglück" 2004 als Propst im Kirchenkreis Hamburg-Ost und vier Jahre später als Hauptpastor an der St. Nikolaikirche in der Hierarchie der evangelischen Kirche auf. Seit 2011 ist der Theologe auch Präsident des bundesweiten Evangelischen Kirchbautages. Claussen ist ein Tausendsassa mit akademischer Schlagseite.

Gemeinden ohne Pastor

Für die Zukunft der Kirche hat er eine nüchterne, gar nicht so niederschmetternde Prognose. Wie alle Institutionen leide auch die Kirche unter Mitgliederschwund und dem demografischen Wandel, räumt Claussen ein, aber sie bleibe relevant: "Die Kirche hat sich wahnsinnig gewandelt. Sie ist nicht mehr die feste Burg der Rechtgläubigkeit, die allein für sich da ist und die Leitkultur definiert, sondern ein Teil im Gemeinwesen."

Während die Kirche vor allem in bürgerlichen Schichten noch Anschluss finde, sei die Entfremdung von weniger gebildeten und weniger vermögenden Schichten ein riesiges Problem. Bei immer weniger finanziellen Mitteln müsse die Kirche künftig genauer prüfen, was wo gebraucht werde. "In sozialen Brennpunkten wie den Hamburger Stadtteilen Wilhelmsburg, Veddel oder Billstedt kann es durchaus sein, dass man gar keine Theologen mehr braucht, sondern Diakone oder Sozialarbeiter", erläutert Claussen und verweist auf ein Pilotprojekt auf der Veddel mit einer Gemeinde ohne Pastor.

Klare Kante

Unaufgeregt und verbindlich ist sein Ton. Man spürt, er ist genau der richtige für diesen Job mitten in Berlin, in dem ein rauerer, antiklerikaler Wind weht. Mit Johann Hinrich Claussen verliert die Hamburger Kirche und gewinnt die EKD einen freundlichen, klugen Kopf mit Kompetenz und Fähigkeit zu klarer Kante.

Johann Hinrich Claussen im NDR 90,3 Studio. © NDR Fotograf: Nina Rodenberg

Propst Claussen geht nach Berlin

NDR 90,3 - Abendjournal Spezial -

Bisher Hauptpastor der St. Nikolaikirche, nun bald Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Johann Hinrich Claussen erzählt NDR 90,3 von dem Wechsel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal Spezial | 21.01.2016 | 20:00 Uhr