Stand: 26.02.2017 15:02 Uhr

Diskurs-Dauerlauf am Deutschen Schauspielhaus

von Thorsten Pilz
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Skurrile Bühnenbilder von Bühnenbildner Wilfried Minks: Immer wieder werden Riesen-Küken über die Bühne gezogen.

Theaterabende von René Pollesch sind keine Konsensveranstaltungen. Entweder mag man sie, bejubelt sie gar frenetisch - oder eben nicht, dazwischen ist eigentlich kein Platz. Pollesch gehört mit seinem "Diskurstheater" längst zu den wichtigsten Theatermachern im deutschsprachigen Raum, wurde mehrfach für seine Stücke ausgezeichnet, die er immer selbst inszeniert. Am Hamburger Schauspielhaus ist am Sonnabend sein neues Stück "Ich kann nicht mehr" uraufgeführt worden.

Themen wie Liebe, Tagesschau und Penner

"Wir müssen reden und reden. Uns an diesen Strudel des Unsagbaren heranreden", hat Pollesch über sein neues Stück gesagt. Und so wird geredet und geredet - über Liebe genauso wie über die Tagesschau, über die Penner vor der Haustür und die Leere bei Platon. Dabei fallen Sätze fürs Philosophie-Proseminar oder das Poesiealbum: "Ich muss mir erlauben, das Gegenteil von dem zu denken, was ich fühle." Oder: "Manchmal, wenn ich jemanden auf der Straße sehe, denke ich, dass es das Nichtverstehen vielleicht gar nicht gibt."

Die Post-Pop-Diskurse machen riesigen Spaß, auch wenn sich die Sinnhaftigkeit nicht sofort - oder gar nicht - erschließt. Muss aber auch nicht. Die vier großartigen Schauspieler Kathrin Angerer, Daniel Zillmann - beide "Leihgaben" der Berliner Volksbühne - sowie Bettina Stucky und Sachiko Hara sind immer am Rande des Nervenzusammenbruchs ob der Unmöglichkeit und Unfähigkeit zu kommunizieren.

Eine Reise durch Pop- und Filmgeschichte

Weitere Informationen

René Pollesch: Der Regisseur des Unsagbaren

"Wenn zu viele Leute A sagen, muss ich B sagen", sagt Regisseur René Pollesch über sich selbst. "Ich kann nicht mehr" heißt das Werk, das nun Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus hat. mehr

Erschwert wird das zusätzlich, durch einen 18-köpfigen Frauen-Chor, der immer wieder auftritt - und mit dem nun wirklich nicht zu spaßen ist. Zu Beginn des Stücks schleudert er, in Guerilla-Anzügen steckend, dem Publikum "Ich bin der Mann - hast du das kapiert" entgegen. Doch wer denkt, dass der Chor so eindimensional bleibt, irrt gewaltig. Er wechselt die Rollen schneller als die Kostüme. Mal ist er Kind, mal Nachbar - oder er tanzt zu Kate Bushs "Wuthering Heights".

Überhaupt zitiert sich Pollesch durch die Pop- und Filmgeschichte. So hat lediglich Kathrin Angerer in "Ich kann nicht mehr" einen Namen: Gloria, nach der Gangsterbraut im gleichnamigen Kult-New York-Film von John Cassavetes aus dem Jahr 1980. Auch Peter Weirs Film "Picknick am Valentinstag" findet Erwähnung - von "Flipper" mal ganz zu schweigen.

Riesen-Hühner mit Maschinengewehren

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Mit dem Chor ist nicht zu spaßen - an einer Stelle wird die Diskurs-Debatte vorübergehend ausgesetzt.

Apropos Tiere: Immer wieder werden drei hellrote und grüne Riesen-Hühner über die Bühne gezogen, stoisch an den pausenlos palavernden Personen vorbei. Einmal nur wird es auch den Hühnern zu bunt. Da erscheinen unter ihren Flügeln plötzlich Maschinengewehre, mit denen dann ein bisschen rumgeballert wird. Danach fließen die Wortkaskaden wie zuvor. Ausgedacht hat sich das Bühnenbild-Altmeister Wilfried Minks. Es ist seine erste Zusammenarbeit mit René Pollesch.

80 sehr unterhaltsame Minuten

"Theaterabende sind wie das Leben. Wenn man sich nicht fest darauf verlassen würde, dass sie mit Sicherheit irgendwann ein Ende haben werden, könnte man sie überhaupt nicht aushalten" - so heißt es am Anfang von "Ich kann nicht mehr". Dieser Theaterabend hat bereits nach knapp 80 Minuten ein Ende. Und man kann ihn ganz wunderbar aushalten.  

Diskurs-Dauerlauf am Deutschen Schauspielhaus

Sprechende Riesen-Küken, Pop-Musik und skurrile Endlos-Diskurse: Die Uraufführung von René Polleschs Revue "Ich kann nicht mehr" am Hamburger Schauspielhaus bekam Lacher und viel Applaus.

Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Preis:
11 bis 49 Euro
Öffnungszeiten:
Weitere Vorstellungen:
Sa, 04.03.2017, 19.30 Uhr
Do, 09.03.2017, 20.30 Uhr
Do, 30.03.2017, 20.00 Uhr
So, 16.04.2017, 17.00 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 26.02.2017 | 11:00 Uhr

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