Stand: 30.05.2017 13:16 Uhr

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

von Claudia Sarre

Heutzutage haben wir eigentlich viel mehr Zeit als früher - und dennoch haben wir alle das Gefühl, keine Zeit zu haben, sind gehetzt und gestresst. Seit ein paar Jahren ist ein Gegentrend zu diesem Lebensgefühl entstanden: das Bedürfnis nach Entschleunigung.  Auch das NDR Fernsehen greift diese Rückkehr zur Langsamkeit auf und sendet am Pfingstmontag fünf Stunden "Slow-TV" - genauer gesagt: eine fünfstündige Flussfahrt auf der Elbe. Was steckt hinter diesem Bedürfnis nach Entschleunigung? NDR Info hat nachgefragt.

Höher, schneller, weiter - seit Jahrzehnten ist das das Credo der westlichen Industriegesellschaften. Mehr Geschwindigkeit, mehr Effizienz, mehr Leistungsdruck. Irgendwie ist es nicht verwunderlich, dass die Anzahl an psychischen, oftmals stressbedingten Krankheiten wie Burnout oder Depression in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegen ist.

"Durch die digitalen Medien haben sich unser Medien-Konsumverhalten und unsere Kommunikation beschleunigt", erklärt Lena Papasabbas vom Zukunftsinstitut in Frankfurt. Aber das ständige "Online-und-immer-erreichbar-Sein" sei nicht der einzige Grund, sagt die Trendforscherin: "Die Leistungsgesellschaft, der Massenkonsum, die Wegwerfgesellschaft, das sind alles Entwicklungen, die zu einem Bedürfnis, so einer Sehnsucht nach Entschleunigung und Achtsamkeit geführt haben."

"Mehr Zeit fürs Wesentliche"

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Große Fernsehproduktion - aber bitte unauffällig

05.06.2017 12:00 Uhr
Die Elbe. Ganz in Ruhe.

Der historische Raddampfer "Kaiser Wilhelm" soll zu einem mobilen TV-Studio werden, ohne den Charme des Schiffs zu stören. Eine logistische und technische Herausforderung. Bildergalerie

Nicht bei allen, aber doch in großen Teilen der Bevölkerung hat seit geraumer Zeit ein Umdenken eingesetzt: Zurück zur Langsamkeit und zur inneren Einkehr. Magazine wie "Flow", "My Harmony", "Happinez" oder "Emotion Slow" greifen diesen Trend auf und versprechen "mehr Zeit fürs Wesentliche". Und auch Yoga, Achtsamkeits- und Meditationskurse haben regen Zulauf.

Die Menschen müssten lernen, wieder verschwenderisch mit Zeit umzugehen, sagt der Soziologe und Zeitforscher Hartmut Rosa: "Je mehr wir sparen, je bewusster wir versuchen, Zeit zu optimieren, desto knapper werden wir an Zeit. Auch innerlich werden wir umso beschleunigter. Wohingegen - wenn man mal zeitreich sein will, dann muss man sie verschwenden. Einen ganzen Tag einfach Zeit mit einem Kind verbringen, oder mit irgendetwas, was man gerne tut, dann hilft einem das schon - das entschleunigt wirklich."

Slow Food, Slow Design, Slow Media

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Slow Food: Gutes Essen braucht Zeit

Unsere digitalisierte Welt wird immer schnelllebiger - und hektischer. Das Bedürfnis nach Entschleunigung wächst. Begonnen hat dieser Trend schon vor 24 Jahren: mit "Slow Food". mehr

Kochen, backen, gärtnern. Stricken, häkeln oder Mandalas ausmalen! Jeder versucht auf seine Weise, der Alltagshektik etwas entgegenzusetzen. Mit der Slow Food Bewegung fing es an, mittlerweile gibt es Slow Design, Slow Business, Slow Travel oder Slow Media.

Durch dieses neue Bewusstsein verschieben sich sowohl Wohlstandsbegriff als auch das Wertesystem, erklärt Zukunftsforscherin Lena Papasabbas: "Es geht gerade der jungen Generation nicht mehr darum, ein hohes Gehalt zu haben oder einen fetten Firmenwagen zu fahren. Diese Statussymbole verlieren an Bedeutung. Wichtiger wird die persönliche Erfüllung, Erlebnisse, Erinnerungen, die man ansammelt. Da verschiebt sich die Wertigkeit hin zum Erleben, zur persönlichen Entfaltung und weg vom Materiellen."

Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen Auszeiten und Sabbat-Jahre nehmen und sogar karrierebewusste Väter in die Babypause gehen. Dieser Slow Trend wird sich in vielen Bereichen noch mehr durchsetzen, prognostizieren Zukunftsforscher, mit einem tollen Nebeneffekt: Müßiggang wird gesellschaftsfähig.

Das Slow-TV Projekt "Die Elbe. Ganz in Ruhe - Mit dem Raddampfer von Bleckede zur Elbphilharmonie" läuft am kommenden Montag von 12 bis 17 Uhr, im NDR Fernsehen.

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Die "Kaiser Wilhelm" wird zum Fernsehstudio

05.06.2017 12:00 Uhr
Die Elbe. Ganz in Ruhe.

Für die Sendung "Die Elbe. Ganz in Ruhe." wird aus dem Raddampfer "Kaiser Wilhelm" ein mobiles Fernsehstudio - heimlich und unauffällig. Niemand soll die Technik bemerken. mehr

Die Elbe. Ganz in Ruhe. - Der Blick zurück

Die Elbe. Ganz in Ruhe.

Der NDR hat ein Experiment gewagt: Fünf Stunden ruhige Bilder von der Elbe. Hier finden Sie alles über das Slow-TV-Projekt und die Elbe sowie Tipps, wie Sie Ruhe in Ihr Leben bekommen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 31.05.2017 | 10:55 Uhr

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