Stand: 03.08.2015 19:00 Uhr

Die Verachtung der Besseresser

Vor Kurzem ist der Food Report 2016 erschienen. Das Zukunftsinstitut und namentlich die Autorin Hanni Rützler interessieren die neuesten Trends beim hiesigen Essen. Essen, so die These des Food Reports, wird zur Religion, zum Stilmittel, über das wir uns definieren. Wir haben mit Udo Pollmer, Lebensmittelchemiker, Ernährungskritiker und Mitglied des "Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften" (Eu.l.e.) über die Bedeutung des Essens als Sinnstifter gesprochen.

NDR Kultur: Machen wir Essen zum neuen Sinnstifter?

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Udo Pollmer meint, Ernährungsformen wie Veganismus hätten keine Zukunft und dienten lediglich zur Kompensation anderer Defizite.

Udo Pollmer: Ja. Das Essen muss andere Defizite ausgeleichen. Das Problem liegt nun darin, dass das Essen durch den Verdauungstrakt durch muss. Und der arbeitet nach den altbekannten und bewährten Regeln. Am Schluss wird es nicht möglich sein, diesen Verdauungstrakt umzudressieren. Man sieht das zum Beispiel bei den Veganern. Natürlich weiß man, dass viele von denen Teilzeit-Veganer sind. Die Menschen, die (auch körperlich) arbeiten müssen, die kommen nicht mit Salat aus, die brauchen am Schluss ihre Currywurst.

In ihrem jüngsten Buch haben sie sich sehr kritisch mit den Veganern und auch den Vegetariern auseinandergesetzt. Wogegen grenzen die sich Ihrer Meinung nach ab?

Pollmer: Ich glaube, dass das ein Teil des Generationenkonflikts ist. Das sind ja zumeist junge Leute. Dann kommt noch hinzu, dass die jungen Mädels ja nicht so ausschauen wollen wie ihre Mütter, die Diäten gemacht haben und dadurch immer dicker geworden sind. Da steckt dann natürlich die Hoffnung dahinter: Wenn ich mich nur von Produkten ernähre, die keine tierischen Inhaltsstoffe und Fette enthalten, dann bleibe ich ewig schlank und jung. Es ist auch ein bisschen der Wunsch, nicht erwachsen zu werden. Hinzukommt, dass viele der jungen Leute aus Scheidungsfamilien kommen und das Einzige, was ihnen nach der Trennung geblieben ist, das war ihr Stofftier. Dann wird natürlich das Tier überhöht. Diese Überhöhung des Tieres bedeutet dann wieder Hass auf den Menschen. Gerade auf den Webseiten oder auch in den Kommentaren sieht man, wie sehr diese von sinnlosen Hassempfindungen durchtränkt sind, die damit gerechtfertigt werden, dass irgendwo auf der Welt ein Tier leidet.

Wenn Essen nicht mehr für das Überleben da ist, sondern für das Lebensgefühl, wird darin nicht das Lebensmittel als solches instrumentalisiert und im Grunde entwertet?

Pollmer: Es wird so getan, als würde die Ethik den Menschen nähren. Am Anfang steht das Essen und die Zufriedenheit des Körpers. Wir wissen beispielsweise aus den USA, dass 85 Prozent der Veganer sich am Ende wieder normal ernähren. Aber vielfach sagen sie es nicht, weil ihnen das ganz furchtbar peinlich ist, aus dieser Sekte, aus dieser Religion auszubrechen. Man tut so, als könne man das Essen ganz frei wählen und seine eigenen Entscheidungen der Menschheit zur Vorschrift machen. Da wird dann gesagt, wenn man die Menschheit ernähren wolle, dann müssen sich alle vegan ernähren. Allerdings können knapp zwei Drittel der Flächen aufgrund ihrer Bodenbeschaffung ausschließlich für Tiere genutzt werden. Wir haben keine Möglichkeit, dort Getreide anzubauen. Die Menschen, die dort leben, ernähren sich überwiegend von tierischen Produkten. Diese armen Leute dann mit Salat zu bedrohen, das ist schon eine Ungeheuerlichkeit.

Insgesamt ist das Interesse an qualitativ hochwertigem Essen gestiegen. Nun muss man es sich erst einmal leisten können, sich über möglichst exquisite Lebensmittel und deren Zubereitung zu definieren, zu einem besseren Menschen zu stilisieren. Inwieweit ist Essen in unseren Breiten auch ein soziales Phänomen?

Pollmer: Es gibt eine Gruppe in der Gesellschaft, die mit Verachtung auf diejenigen schauen, die nicht so viel Geld haben und sich letztendlich bei den Discountern versorgen. Die sind hygienisch okay und in vielen Fällen nicht schlechter als das, was zu hohen Preisen verkauft wird. Bei den ganzen speziellen Produkten, die mit irgendwelchen Siegeln ausgestattet sind, wird am meisten Schindluder getrieben. Letztendlich ist das, wo nichts versprochen wird, das Ehrlichste.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.08.2015 | 19:00 Uhr