Stand: 08.08.2016 15:26 Uhr

Die Angst vor Erdogans grenzenloser Macht

von Stefanie Appel

Die Demonstration der Deutschtürken vergangenen Sonntag in Köln verlief ohne Krawalle. Doch harmlos war sie nicht, hinter der scheinbar friedlichen Stimmung: Aggression. Da war zu hören: "Wir sind Türken und ihr nicht." Oder: "Erdogan ist ein Held, er ist kein Diktator."

Dass Erdogan Menschenrechte missachtet? Eine Erfindung der Medien, sagen hier viele. Eine Kampagne der deutschen "Lügenpresse", wie ein Demonstrant erklärt. Plakate wie bei Pegida. Auch unser Filmteam wird verbal angegriffen: "Schauen Sie sich doch mal auf türkische Kanäle, um zu sehen, was wirklich in der Türkei abläuft", fordert eine Demonstrantin.

"24 Stunden Gehirnwäsche à la Erdogan"

Die türkischen Medien kennen also die Wahrheit? Wir schauen sie uns an. Zusammen mit dem Journalisten und Filmemacher Kamil Taylan, geboren in Istanbul. Er ist seit 1970 in Deutschland und zeigt uns die regierungsnahe Zeitung "Sabah" vom 2. August. Die Headline: "Hier ist der Beweis, dass Deutschland türkeifeindlich ist". Gezeigt wird ein Porträt des PKK-Führers Öcalan auf einer Fahne.

Bild vergrößern
Präsident Recep Tayyip Erdogan nutzt die türkischen Medien als Sprachrohr zu Türken im In- und Ausland.

Es soll der Eindruck entstehen, dass Öcalan vor fünf Jahren in Köln auf einer Kundgebung sprechen durfte. Zu lesen ist: "Man hat dem Terror-Kopf die Erlaubnis erteilt." Dabei sitzt er seit 17 Jahren im Gefängnis. Eine gezielte Manipulation, um gegen Deutschland Stimmung zu machen.

Erdogan hat die türkischen Medien mittlerweile fest im Griff. Für viele Deutschtürken seien sie die einzige Informations-Quelle, sagt Taylan. Vor allem das Fernsehen: "Die gucken 24 Stunden lang und das ist 24 Stunden Gehirnwäsche à la Erdogan", so Taylan. "Dann ist es kein Wunder, dass sie genau das wiederholen, was der Meister ihnen erzählt."

Generation Erdogan

Bild vergrößern
Die Journalistin Cigdem Akyol gehört zu den besten Kennern der "Generation Erdogan".

Cigdem Akyol,Tochter türkischer Gastarbeiter, arbeitet als Journalistin für deutsche Medien in Istanbul. Sie hat zwei Bücher geschrieben: 2015 über die "Generation Erdogan" und jüngst eine Biografie über den heutigen Präsidenten. Akyol weiß, wie Erdogan den Hass auf kritische Medien schürt: "Er selbst sagt ja ständig, dass wir Journalisten, ob im Inland oder Ausland, Lügner seien. Dass wir die Welt verzerrt darstellen würden und dass wir Agenten seien."

Erdogans Arm reicht bis nach Deutschland. Und der Journalist Can Dündar, der Erdogan derzeit am unangenehmsten ist, den hassen sie natürlich auch: "Gülen-Bewegung. Can Dündar - ein Terrorist!", ruft ein Demonstrant.

Aggression und Hass treffen aber nicht nur Journalisten, sondern auch Kulturschaffende in Deutschland. Selbst wenn sie noch ganz unbekannt sind. Der Duisburger Sänger Eren Can Bektas erntete Beleidigungen und Drohungen, nur weil er auf seiner Facebook-Seite Erdogan-Anhänger gebeten hatte, ihn aus seiner Freundesliste zu löschen.

Hass und Einschüchterung

Ähnlich ging es ihm: dem Kabarettisten Serdar Somuncu. Er berichtet, dass er mit Hass-Botschaften attackiert wurde, weil er sich bei "Anne Will" kritisch über Erdogan äußerte.

Für Kamil Taylan sind solche Angriffe vielleicht nur noch eine Frage der Zeit. Im Internet berichtet er "unzensiert" über die Türkei. Und er hat dazu aufgerufen, sich solidarisch mit denen zu zeigen, die in der Türkei gegängelt werden. Er hat Schwierigkeiten, in Deutschland Unterstützer zu finden und berichtet sogar über Drohungen.

Einschüchterungsversuche, wie sie in Diktaturen üblich sind - nur mitten in Deutschland. Und dennoch jubeln die Demonstranten. Zeigen sogar ungeniert das Zeichen der Grauen Wölfe, der türkischen Faschisten: "Sie haben ihre eigene Realität", sagt Cigdem Akyol, "sie haben die deutsche Realität und je nachdem welche ihnen gerade nutzt, die picken sie sich dann heraus. Heute nutzen uns die demokratischen Grundrechte, aber wir verteidigen vor dem Hintergrund der demokratischen Grundrechte einen Anti-Demokraten."

Propaganda gegen Deutschland

Bild vergrößern
Für viele Demonstranten ist Ministerpräsident Erdogan ein Held, kein Diktator.

Und der torpediert gezielt schon seit Jahren den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland, indem er den Türken sagt, die Deutschen wollten sie nicht integrieren: "Er gibt ihnen das Gefühl", so Cigdem Akyol, "einer von ihnen zu sein und er gibt ihnen halt das Gefühl, sie müssten sich nicht dafür schämen, Türke zu sein. Und es sei auch nichts Verwerfliches Gastarbeiter zu sein, im Gegenteil."

Eine ganz perfide Taktik, mit einem banalen Ziel. "Er will ganz einfach machtpolitisch ihre Stimmen haben und ihr Potential nutzen, um seine Macht auszunutzen", sagt Cigdem Akyol. Seine Anhänger mögen jubeln, doch die demokratischen Werte in Deutschland sind nicht verhandelbar. Und die liberale Gesellschaft bietet etwas, was es in der Türkei nicht mehr gibt: Meinungsfreiheit und Toleranz.

"Sie haben ja auch was zu verlieren, das ist der Punkt", so Taylan. "Denen muss man sagen: 'Bis hier hin und nicht weiter. Ihr könnt demonstrieren, aber Ihr könnt nicht auf einmal auf Andersdenkende losziehen, wie in der Türkei'." Erdogans "Säuberungen" sind keine normalen Maßnahmen der Demokratie, genauso wenig wie die Einführung der Todesstrafe, die seine Fans auch hier lautstark gefordert haben. Ein Trost bleibt: Immerhin haben vierzig Prozent der Deutschtürken Erdogans AKP nicht gewählt. Ein paar von ihnen waren auch in Köln.

Interview

Türkei: "Diese Rhetorik ist der Normalfall"

Die türkische Regierung spricht von "Säuberungen" und "Kanalratten" - eine Rhetorik, die zeigt, in welche Richtung die Türkei steuert. Ein Interview mit der Journalistin Cigdem Akyol. mehr

Weitere Informationen
mit Video

Zerstritten: Deutschtürken und die Medien

03.08.2016 23:15 Uhr
ZAPP

Die Türkei wird in deutschen Medien immer schlecht dargestellt - das ist die Meinung vieler Deutschtürken. Aber warum ist das so, was stört sie an der Berichterstattung? mehr

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 08.08.2016 | 22:45 Uhr

Kulturjournal Newsletter

Kulturjournal

Sie möchten vorab wissen, welche Themen Julia Westlake in der kommenden Sendung präsentiert? Mit dem Kulturjournal Newsletter bleiben Sie immer auf dem neuesten Stand. mehr

Mehr Kultur

29:38 min

Tatorte der Reformation (4)

24.06.2017 14:00 Uhr
NDR Fernsehen
39:20 min

"Mein Ding!" - Im Moor mit David Helbock

23.06.2017 22:05 Uhr
NDR Info
02:07 min

Star-Dirigent Alan Gilbert beerbt Hengelbrock

23.06.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal