Stand: 02.03.2016 16:32 Uhr

Das Phänomen Donald Trump

Noch vor Wochen hätte niemand ernsthaft damit gerechnet. Nach dem "Super Tuesday" scheint das Unmögliche im Vorwahlkampfdrama möglich zu werden. Zwölf Bundesstaaten haben gewählt und sich für zwei Namen entschieden: Hillary Clinton bei den Demokraten, Donald Trump bei den Republikanern. Wie geht es jetzt weiter? Welche Folgen könnte der Wahlausgang im November für die USA, aber auch für die Weltlage insgesamt haben? Der Historiker Paul Nolte erklärt Trumps Erfolg.

Herr Nolte, der Immobilienmilliardär scheint nicht mehr zu stoppen: Donald Trump ist kein Politiker - trotzdem räumt er die Stimmen ab. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

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Paul Nolte hat in den USA studiert und geforscht, kennt das Land also auch aus der Innenansicht.

Paul Nolte: Jeder, der sagen würde, dass er die perfekte Erklärung hat und nicht staunt, ob dieser Entwicklung in den letzten Monaten, der würde lügen. Das bleibt sehr überraschend, aber es ist auch erklärbar, zum Beispiel mit der ganz starken Stimmung gegen das politische Establishment, gegen Washington. Das war schon immer so eine Ur-Grundhaltung der Amerikaner, die sehr lokalbewusst auf ihren jeweiligen Staat bezogen sind. Gegen das ferne Washington gibt es so ein Grund-Ressentiment, das sich in den letzten Jahren sehr verstärkt hat. Trump bündelt dieses Ressentiment gegen Washington, gegen die etablierten Eliten, die da die Insider-Politik machen.

Donald Trump und seine Fans.

USA: Super Tuesday - Weichenstellung bei Vorwahlen

Weltbilder -

Bei den Vorwahlen liegen die Kandidaten vorn, die anders sind als das politische Establishment: der Republikaner Trump, die Rampensau, und Sanders, der "demokratischer Sozialist".

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Freiheit, Demokratie, politische Selbstbestimmtheit - das sind Grundsätze, die in den Vereinigten Staaten der USA großgeschrieben werden. Meinen Sie, dass unter dem Populisten Trump die Vision des amerikanischen Traums tatsächlich noch im Vordergrund steht?

Nolte: Der amerikanische Traum wird von jedem unterschiedlich definiert. Das ist eine Projektion, in die jeder das hineintut, was ihm passt. Das Eigentümliche bei Trump ist, dass er, bei allem Populismus und den Merkwürdigkeiten, Irritationen und Gefährlichkeiten seiner Aussagen - Mauer nach Mexiko, Einlasssperre für Muslime -, auf der anderen Seite auch sehr unideologisch ist. Er fängt auf eine - gerade für amerikanische Verhältnisse - sehr unideologische Weise bestimmte Grundfrustrationen auf, etwa die Frustrationen einer sozialpolitisch vernachlässigten Arbeiterschicht, sodass man in mancher Hinsicht gar nicht weiß, ob Trump eigentlich ein Radikaler oder ein Moderater ist, der in der Mitte steht.

Die Mauer zu Mexiko, die Beschränkung der Einreise von Muslimen - das sind Trumps Vorschläge zur Einwanderungspolitik. Er hat sich aber auch schon zu Europa, zu Deutschland geäußert: Die Flüchtlingspolitik in Europa, insbesondere in Deutschland, sei "ein Desaster", wegen der Flüchtlinge aus muslimischen Ländern drohe der Bundesrepublik "radikal islamischer Terrorismus". Was sagen Sie dazu?

Kommentar

Ein historischer "Super Tuesday"

NDR Info

Bei den Präsidentschafts-Vorwahlen in den USA haben Ex-Außenministerin Clinton und der Immobilien-Milliardär Trump weitere wichtige Erfolge erzielt. Martin Ganslmeier kommentiert. mehr

Nolte: Das ist sehr schwer zu sagen, weil sich gerade auf dem Gebiet der Außenpolitik Trump bisher ignorant gezeigt hat. Man weiß überhaupt nicht, welche Außenpolitik er betreiben will. Ich würde sagen, da würde alles sehr viel weniger heiß gegessen, als es im Moment gekocht wird. Wir haben gesehen, dass sich Trump auch mit Moderaten in der republikanischen Partei umgibt, dass jemand wie der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, der selbst kurz zuvor als Kandidat aus dem Wahlkampf ausgestiegen ist, ihn unterstützt hat, sich in sein Team gesellt hat. Das ist ein Zeichen dafür, dass eine Administration Trump möglicherweise eher von Moderaten gesteuert sein könnte. Vielleicht wäre das sogar für Europa in mancher Hinsicht besser, als wenn sich jemand wie Ted Cruz durchsetzen würde, der texanische Senator, der viel ideologischere Positionen hat, viel dogmatischer, viel festgefahrener ist in seinem extremen, für europäische Verhältnisse ganz schwer verständlichen religiösen Konservatismus. Auch da sind also viele Fragen noch offen.

Schauen wir auf die andere Seite: Hillary Clinton könnte von Trumps Erfolg profitieren. Eine Frau hat es als Präsidentin bislang noch nicht ins Weiße Haus geschafft. Wären die Vereinigten Staaten denn dafür jetzt reif?

Nolte: Ja, Clinton wäre die Person, die das machen könnte. Es ist vielleicht die Chance für eine ganze Generation, dass eine Frau zum ersten Mal Präsidentin wird. Das wäre eine Konstellation, die in die historische Öffnung der USA passen würde: nach dem Afroamerikaner Barack Obama auch diese noch höhere Decke zu durchstoßen.

Aber vielleicht ist das gar nicht mehr die Frage. Denn bei einer möglichen Konstellation Clinton gegen Trump steht einerseits die Vermutung, dass Clinton es leicht haben müsste. Dann segelt sie zu einem Wahlerfolg gegen diesen Extremisten beziehungsweise schrägen Vogel, den man eigentlich gar nicht ernst nehmen kann. Auf der anderen Seite zeigt der Vorwahlkampf von Trump, dass er in der Lage ist Nichtwähler zu mobilisieren. Er hat in der Reaktion auf die Wahlergebnisse - in seiner unerträglichen Überheblichkeit - gesagt, er würde bei den Novemberwahlen gegen Clinton ganz leicht siegen. Das Schlimme ist: Da steckt ein Körnchen Wahrheit drin, weil Trump ein sehr guter Mobilisierer ist. Insofern stünde eine solche Wahl tatsächlich auf der Kippe, und das wäre für Clinton gar nicht so leicht.

Sollte Trump es tatsächlich ins Weiße Haus schaffen: Worauf kann sich Europa, kann sich Deutschland dann einstellen?

Nolte: Auf eine Phase der Unsicherheit, wahrscheinlich auf eine Administration, die sich, mehr als das bei einigen anderen neugewählten Präsidenten in den letzten Jahrzehnten der Fall gewesen ist, erst einmal selber finden muss; die von Irritationen durchgeschüttelt ist; deren erste hundert Tage ein ziemlicher Ritt werden würden.

Möglicherweise aber auf eine Situation, in der sich dann eine Professionalisierung, eine Regularisierung der Arbeit im Laufe der Wochen und Monate einstellen würde. Möglicherweise wäre das dann irgendwann eine erträgliche Situation, weil ein Präsident Trump stark von den Institutionen eingebunden würde. Und das darf man auch in der amerikanischen Demokratie nicht unterschätzen. Da ist immer bei den Neubesetzungen des Präsidentenamtes Irritation und ein neues Finden dabei, stärker als wir das in Deutschland kennen. Aber ich vermute, wir würden auch damit leben können.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.03.2016 | 19:00 Uhr