Stand: 16.11.2017 00:00 Uhr

Der Musikmagier: Daniel Barenboim

von Maria Ossowski

Er ist Weltbürger und Pianist, Dirigent und Tangospieler, Vernetzer und Friedensstifter, Großvater, Lehrer, Philosoph, Genussmensch, kurz: ein Wunder. Zu seinem 75. Geburtstag am 15. November porträtiert NDR Kultur Daniel Barenboim.

Barenboim: Vom Wunderkind zum Weltbürger

Daniel Barenboim war das Glück für Chicago, London, Paris oder Bayreuth, er ist es jetzt für Berlin, seiner letzten Station, wie er immer sagt. Im Südwesten der Stadt wohnt er in einer eher unauffälligen kleinen Villa mit seiner Frau Elena, einer Pianistin. Das Interieur ist gemütlich und das Gegenteil von hip oder modisch. Ein Schwan am Eingang gibt den Schirmständer, wahrscheinlich aus seiner Bayreuther Zeit. Barenboim ist bescheiden. In einen kleinen holzgetäfelten Raum mit Partituren an den Wänden zieht er sich zurück zum Studium und zum Zigarrerauchen - und zum Nachdenken über Musik: "Musik ist ja ganz abstrakt. Wenn wir über Musik sprechen, sprechen wir gar nicht über Musik, sondern über unsere Reaktion. Das heißt, ein Musiker, der kein inneres Leben hat, hat keine Assoziationen und bleibt auch da total abstrakt. Man kann kein Künstler sein ohne ein reiches inneres Leben."

Musik als Kraftquelle

Sein erstes Konzert hat das Wunderkind - die Eltern waren seine Lehrer - als Dreikäsehoch in seiner Heimatstadt Buenos Aires gegeben. Der schönste Tag seines Lebens, sagt er: "Meine Mutter erzählte immer sehr stolz, dass ich ein sehr kompliziertes Programm habe. Ich war erst sieben Jahre alt, aber ich spielte Bach, Haydn, Debussy, Prokofjew. Und dann hatte ich - natürlich wie ein Siebenjähriger, der spielt - Erfolg und spielte eine Zugabe nach der anderen. Ich hatte Spaß an der Sache. Nach der siebten Zugabe applaudierte das Publikum immer noch und ich drehte mich zu ihnen und sagte: 'Es tut mir leid, ich habe alles gespielt, was ich kann.'"

Mit 14 dann der fulminante Auftritt in New York in der Carnegie Hall: "Ich kann nicht behaupten, dass ich mich im Detail erinnere - das ist ja 60 Jahre her. Aber ich erinnere mich, dass ich großen Spaß dabei hatte. Ich liebte es, vor Publikum zu spielen - das tue ich noch heute. Ich bin nervös, wenn etwas unangenehm ist, zum Beispiel wenn ich schlecht geschlafen habe oder wenn ich Hunger habe. Die Leute denken, dass man beim Musizieren, Dirigieren oder Spielen müde wird. Das Gegenteil ist die Wahrheit - man bekommt Energie von der Musik."

Barenboims Herzensprojekt

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Barenboim fasziniert auch die Musiker des West-Eastern Divan Orchestra, seines Herzensprojektes. Israelis, Palästinenser, Syrer, Iraner, Libanesen lieben ihn für seine Vision eines möglichen Friedens und für seinen Glauben an diesen Frieden. "Das ist eigentlich auf dem Papier eine Unmöglichkeit, dass Israelis, Palästinenser und Araber zusammen musizieren. Da fragt man sich: Warum funktioniert das dort? Die Antwort ist einfach: Nur dort haben die einen wie auch die anderen Konditionen von Gleichheit."

Barenboim war und ist befreundet mit den Großen unserer Zeit, Musikern wie Marta Argerich oder Zubin Mehta, Sängern wie Plácido Domingo, Politikern wie UN-Generalsekretär Antonio Guterres. Ben Gurion war Gast auf seiner ersten Hochzeit, Rabin ein enger Freund. Mit Isoldes Liebestod und der Musik von Wagner hat er 2001 einen Eklat in Tel Aviv verursacht. 2005 spielte er in Ramallah, seither hat er auch einen palästinensischen Pass. Die Staatskapelle, das Orchester der Staatsoper, hat ihn auf Lebenszeit zum Chefdirigenten ernannt.

Leidenschaft für die Musik

Dabei macht er es seinen Musikern nicht leicht, er gilt als streng. Die Geigerin Susanne Schergaut arbeitet seit 25 Jahren mit ihm zusammen: "Grundsätzlich ist Daniel Barenboim, was seine Ansprüche anbelangt, ganz kompromisslos. Er weiß genau, was er will und das fordert er auch ein. Das ist der erste Punkt. Der zweite Punkt ist, dass er unheimlich klug probieren kann. Bei unseren Proben wird nie die ganze Sinfonie durchgespielt, sondern einzelne Teile gespielt, wichtige Übergänge, um die Kraft zu schonen. Oder es werden bestimmte Akkorde auseinandergenommen, einzelne Stellen noch einmal durchgegangen. Er vertraut darauf, dass es dann am Abend im Zusammenhang geht. Was auch typisch für ihn ist, ist, dass er immer wieder neue Ansätze findet. Wir spielen die Stücke durchaus auch verschieden. Manchmal werden noch in Generalproben Sachen geändert, die wir schon dreimal so gespielt haben. Er fordert von Anfang bis Ende größte Konzentration in den Proben, aber er gibt selbst einfach auch alles."

Sein Geheimnis: Leidenschaft für die Musik: "Wir haben von Anfang auch etwas gemeinsam, das ist eine Leidenschaft. Und ich glaube, ich muss nicht erklären, warum eine Leidenschaft so schnell und so stark Menschen bindet. Und diese Leidenschaft heißt Musik."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 15.11.2017 | 07:20 Uhr

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