Stand: 08.08.2017 16:20 Uhr

Cindy Sherman auf Instagram

Die Fotografin Cindy Sherman ist eine der erfolgreichsten Künstlerinnen weltweit, ihre Fotografien erzielen Rekordpreise in Millionenhöhe und hängen in den renommiertesten Museen. Seit Kurzem kann sich jeder - ganz kostenlos - "Werke" von Cindy Sherman online angucken, ganz einfach indem er ihr bei der Fotosharing-Seite Instagram folgt. Anfang August hat sie ihren Account dort öffentlich gemacht und in dieser Woche wird sie die 100.000-Marke an Followern knacken.

Anika Meier ist Kunsthistorikerin und bloggt bei monopol zu Themen rund um Kunst und soziale Medien. Sie hat sich den Account angeschaut.

Was zeigt Cindy Sherman auf Ihrem Instagram-Account?

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Anika Meier ist Kunsthistorikerin und Expertin für Kunst im Netz.

Anika Meier: Im Grunde zeigt sie, was wir alle auf Instagram zeigen: ihren Alltag. Das sind Szenen von ihren Reisen, zum Beispiel wenn sie Ausstellungen besucht hat - es gibt also auch Werke von anderen Künstlern - aber tatsächlich eben auch Fotos von ihrem Essen und es gibt sehr viele Selfies – und da ist man natürlich auch schon beim Werk von Cindy Sherman. Eigentlich ist Ihr Instagram-Account so, wie man es auch von jeder Privatperson erwarten würde.

Und werden wir diese Bilder nun demnächst in Museum sehen?

Meier: Das ist eine sehr gute Frage, auf die sich auch viele Medien schnell eingeschossen haben: Sind das nun die neuen Sherman-Werke? Es gab auch eine Überschrift à la: ‘Gratis Sherman-Austellung mit 600 Werken‘ und ein Medium schrieb, dies sei die beste Ausstellung des Jahres 2017. Man ist also sehr begeistert im Kunstbetrieb. Aber ich stelle mir die Frage dennoch: Sind das wirklich neue Werke oder ist das einfach eine Fotografin, die auf Instagram das macht, was alle machen? Bei Cindy Sherman liegt da der Verdacht nahe, dass es neue Werke sind. In ihrer Arbeit geht es ja seit Jahrzehnten um Inszenierung und sie bearbeitet dieses Thema nun mit neuen Medien und unterschiedlichen Apps, mit denen sie ihr Gesicht verfremdet. Aber man kann auch die Überlegung zulassen, ob nicht auch Fotografen Instagram zumindest semi-privat nutzen. So ganz privat ist es nicht, sonst hätte sie den Account nicht öffentlich zugänglich gemacht.

Der Kunstbetrieb reagiert erfreut, die Medien auch, die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel zeigt sich begeistert...

Meier: Ich war auch sehr begeistert, als ich gesehen habe, dass Cindy Sherman bei Instagram ist. Der amerikanische Magnum-Fotograf Alec Soth hatte schon im Mai gepostet, dass sie bei Instagram ist und mir ist fast das Smartphone aus der Hand gefallen, weil ich es kaum glauben konnte. Dann habe ich es mir angeschaut und mein erster Eindruck war, dass Sherman jetzt erst einmal ausprobiert und ein wenig mit den Apps herumspielt. Und jetzt ist der Kunstbetrieb aus dem Häuschen, verständlicherweise, denn es gibt nur wenige namhafte Fotografen auf Instagram. Stephen Shore ist einer von denen, die Instagram schon seit Jahren nutzen und er sagt, dass das seine neuen Werke sind. Ich würde bei Cindy Sherman auch einfach mal abwarten, wie es sich entwickelt und wie sie es selbst kommentiert. Vor einem Jahr hat sie der New York Times ein Interview gegeben, in dem sie noch sagte, sie fände Soziale Medien geschmacklos und trivial. Vielleicht ist das ja auch genau der Aspekt, den sie auf Instagram bedient. Sie zeigt das Triviale. Und sie zeigt auch, dass sie verstanden hat, wie man mit dem Medium spielt.

Ist der Gang von Cindy Sherman zu Instagram ein Ritterschlag für die Plattform?

Meier: Da ist jetzt die Frage, wie es jetzt weiter geht. Der Kunstbetrieb ist erstmal begeistert, wenn Cindy Sherman das macht, was alle tun: Selfies posten, Apps benutzen, Bilder verfremden. Das, was sonst nicht als Kunst akzeptiert und vom Feuilleton sogar als Seuche beschrieben wird, ist plötzlich ganz große Kunst, weil Cindy Sherman es tut. Das wäre einerseits natürlich toll für die Plattform, andererseits kann es auch passieren, dass Instagram-Accounts, die ebenfalls viele Selfies veröffentlichen, immer mit Cindy Sherman verglichen werden. Aber vielleicht hat sie ja auch bald gar keine Lust mehr auf Instagram. Mittlerweile hat sie fast 100.000 Follower und die Medien analysieren jeden Post - aber eigentlich ist sie eine sehr private Person.

Das Interview führte Petra Rieß

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 08.08.2017 | 16:20 Uhr

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