Stand: 14.06.2017 18:58 Uhr

Carsten Brosda: Wir sind Kulturstadt, und nun?

Seit Januar 2017 ist Carsten Brosda Senator für Kultur und Medien in Hamburg. Mit der Eröffnung der Elbphilharmonie und dem Ausrichten des internationalen Festivals "Theater der Welt" hat Hamburg seinen Ruf als Kulturstadt stabilisiert. Aber wie steht es um die breite Szene, was muss die Kulturpolitik tun, um sie zu schützen? Wie nimmt er Hamburg wahr, wo sieht er seine vordringlichsten Aufgaben? Und welche Rolle muss Kultur in Zeiten zunehmender Verunsicherung spielen? Diese Fragen beantwortete der Kultursenator der Hansestadt im Gespräch mit NDR 90,3.

Sie sind jetzt knapp fünf Monate im Amt, gab es etwas in dieser Zeit, wo Sie sagten: Damit habe ich nicht gerechnet!

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Seit März 2017 ist Dr. Carsten Brosda Senator der Kulturbehörde in Hamburg.

Dr. Carsten Brosda: Es gab nicht die eine große Überraschung. Schon aber, dass die Wahrnehmung sich bei bestimmten Milieus der Stadt noch mal verändert, wenn man Senator ist und nicht mehr der Staatsrat, der das kommissarisch macht. Das ist eher soziologisch und vielleicht auch anthropologisch, was man da so erlebt. Ansonsten gibt es eine derartige Fülle und Bandbreite an Themen, dass man eigentlich jeden Tag aufs Neue mit Kleinigkeiten überrascht wird - aber Gott sei Dank selten mit ganz großen Angelegenheiten.

Man merkt schon, dass der Senator in Hamburg eine Institution ist. Da merkt man die alte Stadtrepublik und ihre Bedeutung. Das ist für jemanden, der aus so einem republikanisch ernüchterten Nachkriegskonstrukt wie Nordrhein-Westfalen kommt, noch mal anders. Da versuche ich schon dran zu arbeiten, dass sich das ganz schnell legt.

Angesichts der Komplexität Ihres Amtes könnte das ja auch von Vorteil sein ...

Brosda: Die These, dass Unnahbarkeit dabei helfen würde, etwas wirklich erfolgreich umzusetzen, trägt nicht so weit, glaube ich. In der Kultur geht es ja vor allem darum, sich gemeinsam zu verständigen, was wir für sinnvoll erachten und dafür brauche ich Kommunikation. Und für die Kommunikation brauche ich gegenseitige Anerkennung und das geht am besten, wenn die Augen in gleicher Höhe sind.

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Eine gemeinsame Verständigung ist im Moment ganz besonders vonnöten, wenn es darum geht, den Vorverkauf für die Karten der Elbphilharmonie zu organisieren. Wir haben es am Montag gesehen: Es war wieder so, dass die Leute vor den Verkaufsstellen campiert haben. Es war wieder so, dass unterschiedliche Systeme dafür verantwortlich waren, ob die Leute Karten bekamen oder nicht. Arbeiten Sie an so einem Weg?

Brosda: Wir sind zumindest immer wieder dabei, mit allen Beteiligten nachzujustieren und machen das ja nicht zum ersten Mal. Wir haben auch schon so manchen technisch hochversierten Spezialdienstleister daran verzweifeln sehen, eine Infrastruktur stabil zu halten, von der er bisher ausgegangen ist, dass sie auf jeden Fall hält - nur um dann festzustellen, dass sie bei der Elbphilharmonie dann eben doch nicht hält.

Ich glaube aber, erst einmal ist das was Wunderschönes, dass wir ein Kulturangebot haben, das diese Nachfrage generiert. Dass die Leute tatsächlich sagen: Da will ich hin! Dass sie campieren, um eine Karte für ein klassisches Konzert zu bekommen. Da finde ich die Aussicht, dass der Saal halb leer wäre, deutlich schlimmer als die Tatsache, dass es vor den Vorverkaufsstellen total voll ist. Wir müssen das technisch aber noch besser hinbekommen. Was immer bleiben wird, ist die Komplexität der verschiedenen Anbieter. Das ist in der Struktur der Elbphilharmonie so gewollt, dass wir nicht sagen: Da bietet die Intendanz alleine alle Konzerte an, sondern sie bietet rund ein Drittel an. Der NDR bietet einen Teil an und private Konzertveranstalter bieten Konzerte an und da muss man dauerhaft darüber im Gespräch sein, wie man es hinbekommt, dass die technischen Systeme vernünftig miteinander arbeiten. Das wird von Mal zu Mal besser.

Die Schlangen, die wir gesehen haben vor den Vorverkaufsstellen, sind Ausdruck des Versuchs, den Hamburgerinnen und Hamburgern eine besondere Chance auf Tickets zu geben, indem wir gesagt haben: Wir starten zumindest mit den Karten, die die Hamburg Musik vertreibt, erst am Nachmittag online mit dem Verkauf bzw. mit dem Eintrag in die Verlosungslisten, und machen am Vormittag zumindest diesen Teil der Konzerte exklusiv über die Vorverkaufsstellen für diejenigen, die physisch hingehen können. Und wir ich gehört habe, hat sich das Ausharren in der Regel ja auch gelohnt. Nicht immer. Den anderen muss man jetzt sagen: Bis zum 1. Juli eintragen in die Listen und feste Daumen drücken, dass es auf dem Weg was wird.

Dieser Riesenerfolg der Elbphilharmonie, birgt der nicht auch eine Verantwortung?

Brosda: Ja, er birgt eine große Verantwortung auf vielen verschiedenen Ebenen. Die kleine ist, dass wir es schaffen müssen, miteinander denjenigen, die das Interesse haben, das Konzerthaus zu erleben, auch tatsächlich die Möglichkeit zu geben, das zu tun. Das ist gar nicht so einfach. Ich glaube aber, die eigentliche Herausforderung liegt auf einer ganz anderen Ebene, und zwar darin, dass Hamburg auf einmal ein bisschen verwundert über sich selbst feststellt, dass es von außen als Kulturstadt wahrgenommen wird. Wir müssen uns alle fragen: Was heißt das jetzt eigentlich? Was machen wir damit?

Musik spielte in der Wahrnehmung Hamburgs immer eine Rolle. Allerdings auch eher auf den nachgeordneten Rängen. Wenn man Menschen aus anderen Regionen gefragt hat: "Was assoziiert ihr, wenn ihr an Hamburg denkt?", kamen andere Begriffe deutlich weiter vorn - das Musical, aber auch erst mal der Hafen, der Flugzeugbau und die Medien und ganz viele andere Dinge vor der Kultur. Das hat sich schon ein Stück weit verändert. Die Herausforderung ist nun, dafür zu sorgen, dass das bleibt und wir nicht in zwei, drei Jahren sagen: Ach, war das schön im Sommer 2017, als wir verliebt in uns selbst als Kulturstadt erst die Elbphilharmonie, dann Theater der Welt, dann die Rückkehr des Elbjazz Festivals miteinander erlebt und gefeiert und uns darüber gefreut haben, dass wir das haben. Sondern wie festigen wir das und wie nehmen wir das auch als Aufgabe an, um für uns als Stadt auch zu sagen: Ja, wir sind Kulturstadt und wir wollen das auch sein, weil wir glauben, dass wir da einen Beitrag leisten können.

Das Interview führte Catarina Felixmüller, Leiterin des Ressorts Kultur und Unterhaltung bei NDR 90,3.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Treffpunkt Hamburg | 14.06.2017 | 21:00 Uhr

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