Stand: 25.01.2016 10:24 Uhr

Bürgergipfel: Gelungener Start der Lessingtage

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Joachim Lux, Intendant des Thalia Theaters, eröffnete den Bürgergipfel, auf dem Hamburger Bürger mit Flüchtlingen ins Gespräch kommen sollten.

Flucht, Emigration und Vertreibung sind in diesem Jahr die zentralen Themen bei den Internationalen Lessingtagen am Hamburger Thalia Theater. Deshalb habe man sich entschieden, auf die traditionelle, bisher stets hochkarätig besetzte Eröffnungsrede zu verzichten - und stattdessen zu einem Bürgergipfel einzuladen, so Intendant Jaochim Lux. Unter dem Motto "Das neue Wir" sollten sowohl Hamburger als auch Flüchtlinge ins Theater kommen und sich austauschen - am Sonntag war es so weit. NDR Reporterin Katja Weise war dabei.

Hat bei der Veranstaltung alles geklappt?

Katja Weise: Ich finde: ja. Die große Frage war ja vor allem, wie viele Flüchtlinge tatsächlich kommen würden. Das Theater ist im Vorfeld an viele Organisationen, Sprachlehrer, Einrichtungen herangetreten und hat diese gebeten, ihre "Schützlinge" mitzubringen - und tatsächlich waren gestern viele mit ihrem Deutschlehrer da oder einem anderen Betreuer, einige aber durchaus auch auf Empfehlung von Freunden. Und das Interesse der alteingesessenen Hamburger war ebenfalls groß. Beim eher launig gehaltenen Einführungsvortrag des Kulturwissenschaftlers und Migrationsforschers Mark Terkessidis jedenfalls waren die Reihen bunt gemischt. Er warb leidenschaftlich für mehr "Kollaboration" im Alltag, was sich aber leider nur einem Teil der Zuhörerschaft erschloss  - da der Vortrag nicht simultan übersetzt werden konnte, das geschah erst später in anderem Rahmen. Das war schade und etwas unglücklich, aber offensichtlich laut Intendant Lux nicht zu ändern.

Im Vorfeld hieß es, man könne auch etwas zu essen mitbringen zu diesem Bürgergipfel, Getränke stelle das Theater. Wie sah das aus?

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Etwa 800 Menschen nahmen an der Veranstaltung im Thalia Theater am Sonntag teil.

Weise: Man hat sich tatsächlich zu Tischgesprächen getroffen - bei exzellenter Verpflegung. Sehr viele haben etwas zu essen mitgebracht, Kuchen, Salate, Obst - und dann wurde in Runden, typischerweise zu acht oder zehnt diskutiert. Teilweise unter Anleitung eines Experten, Sprachlehrer, Studenten mit Migrationshintergrund, Sieghard Wilm, der Pastor der St. Pauli Kirche, war dabei, Themen vorgegeben wie: Wie viel Religion brauchen wir? Wie kann Angst abgebaut werden? Wie kann Integration besser funktionieren? Aber in ganz vielen Fällen ging es auch, das war zumindest mein Eindruck, um ein Kennenlernen.

Sie waren ja nicht nur beobachtend als Journalistin dabei, sondern haben selbst mit anderen Menschen gesprochen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Weise: Etwas untypische. Zunächst habe ich an einem Tisch mit drei jungen Männern aus Syrien gesessen, die seit einigen Monaten in einem großen Lager in Hamburg-Stellingen leben. Wir hatten keinen Dolmetscher und haben tatsächlich mit Händen und Füßen geredet und versucht, etwas übereinander zu erfahren. Später bin ich an einem Tisch gelandet mit fast ausschließlich Hamburgern, die vor allem eigene Erfahrungen diskutiert haben - sehr unterschiedlich, aber insgesamt eine sehr gute Stimmung. Es gab viele Begegnungen und viele wirklich auch fruchtbare Diskussionen. Viele haben Adressen ausgetauscht oder Facebook-Kontakte geknüpft. Da wurden Selfies gemacht, ein junger Mann von der Elfenbeinküste, der seit über zwei Jahren in Hamburg lebt, hat mir beispielsweise ganz stolz erzählt, er habe eine Klavierlehrerin getroffen, die ihm jetzt einmal pro Woche Unterricht geben wolle. Insofern würde ich sagen: Das Konzept dieses Bürgergipfels ist aufgegangen. Es gab viele Gespräche, viel Offenheit und auch viele politische Diskussionen - ohne Scheuklappen. Guter Anfang.

Das Gespräch führte Petra Rieß.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 25.01.2016 | 09:20 Uhr