Stand: 20.10.2017 09:37 Uhr

Bryce Dessner: Rockstar kuratiert in der Elphi

Über 50.000 Menschen wollten dabei sein, wenn die amerikanische Rockband The National in der Elbphilharmonie spielt. Aber: Nur 2.100 haben ein Ticket ergattern können und die Preise auf dem Schwarzmarkt schossen zwischenzeitlich auf bis zu 1.000 Euro pro Karte. Das Konzert ist Teil eines Festivals, das zum ersten Mal stattfindet. Im Rahmen von "Reflektor" darf ein ausgewählter Musiker ein Wochenende lang das Programm der Elbphilharmonie kuratieren. Den ersten Freifahrtschein erhält der amerikanische Komponist und Gitarrist Bryce Dessner von The National.

NDR Kultur: Sie sind in so vielen unterschiedlichen Projekten involviert. Sind Sie jemand, dem schnell langweilig wird?

Bryce Dessner mit Gitarre auf der Bühne © Imago/ZUMA Press

Bryce Dessner kuratiert die Elphi

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Bryce Dessner: Überhaupt nicht. Mir ist fast nie langweilig und ich liebe es, frei zu haben. Es gibt nichts Besseres als einfach mal Zeit dafür haben, ein Buch zu lesen oder sich intensiv mit Noten zu beschäftigen - ganz ohne Deadline. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, etwas weniger beschäftigt zu sein, um ein paar mehr Ruhephasen zu genießen.

Ich habe einfach sehr unterschiedliche Interessen, die ich alle ausleben möchte. Früher habe ich nie geglaubt, dass es möglich sein könnte, beides zu verfolgen: Meine Karriere mit der Band und meine Arbeit als Komponist. Ich mache beides schon sehr lange und beide Welten haben sich immer weiter entwickelt und existieren jetzt zum Glück nebeneinander.

The National gibt es schon seit 18 Jahren, wie schafft man es, dass die Bandarbeit musikalisch interessant bleibt?

Dessner: Ich war schon immer gemeinsam mit meinem Bruder in ganz unterschiedlichen Projekten aktiv. Neben den Bands habe ich mich intensiv mit notierter Instrumentalmusik auseinandergesetzt. Das Komponieren, aber auch die Zusammenarbeit mit zum Beispiel Steve Reich, haben mich geprägt und diese Erfahrungen habe ich dann mitgenommen in die Arbeit mit The National. Gerade wenn es um den Sound geht, steckt da mittlerweile ganz viel Musikgeschichte drin. Grundsätzlich beeinflussen sich diese zwei Welten sehr gut.

War das immer so?

Dessner: In der Schule sagen sie einem immer, dass das gar nicht möglich ist. Es besteht eine total enge Vorstellung davon, wie ein Musiker zu sein hat. Ich habe mich immer sehr für die alten Komponisten interessiert, Schubert zum Beispiel war unglaublich gut im Improvisieren oder die Komponisten der Renaissance. Das ist zum Teil dichter dran, an dem, was man eigentlich den großen Jazzmusikern zuordnet. Im späten 19. und im 20 Jahrhundert ging das ein wenig verloren und das Bild des Komponisten, der als einsames Genie agiert, rückte in den Vordergrund. Wagner, Mahler und Messiaen haben das sehr gut erfüllt, aber jetzt sind wir in einer anderen Ära.

Wir leben in einer vernetzten Welt und Rockmusik ist ein so großer Teil der zeitgenössischen Kultur, viele klassische Komponisten heute sind von ihr beeinflusst. Der Einfluss ist nicht immer unmittelbar, aber man kann die Rockmusik in einigen Orchesterstücken durchaus hören. Und umgekehrt können gerade mein Bruder und ich in unserer Zusammenarbeit in der Band stark über die Klassik kommunizieren. Er kennt meine Kompositionen extrem gut und es kommt schon vor, dass wir an einem Rocksong arbeiten und er sagt: "Kannst Du an dieser Stelle einen 'Lachrimae'-Moment einbauen?". Und so kommt es dann, dass ich in Demons etwas auf Gitarre spiele, das eigentlich aus einer klassischen Komposition stammt.

Neben den Inhalten ist ja auch die Arbeitsweise sehr unterschiedlich. Eine Band ist kein Orchester …

Dessner: Die Band ein Gemeinschaftsprojekt, da bin ich nur einer von fünf. Bei meinen eigenen Kompositionen gebe ich ein fertiges Stück ab. Die Zusammenarbeit mit den Musikern, die dann folgt ist ganz anders, aber sehr inspirierend. Es ist einfach schön mit Dirigenten und erstklassigen Musikern zusammenzuarbeiten.

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Zwischen Orchester und E-Gitarre fühlt er sich wohl: Bryce Dessner

Auf der anderen Seite schätze ich auch Sachen an der Rockmusik. Man nimmt sich nicht ganz so ernst. Die klassische Welt hat so eine Selbstherrlichkeit, weil man studiert und sich mit allen großen Komponisten auseinandergesetzt hat. Man misst sich aber immer auch an 700 Jahren Musikgeschichte. In Wahrheit ist es viel besser, sich da nicht zu ernst zu nehmen und das steckt viel eher in der Natur einer Rockband. Das hat auch etwas mit Bescheidenheit zu tun. Keine Idee ist wirklich so bahnbrechend. Ich versuche diese Haltung auch ein bisschen auf meine Arbeit in der klassischen Welt zu übertragen.

Sehen Sie sich eher als Musiker oder als Komponist?

Dessner: Ich spiele ja nur sehr selten die Kompositionen von anderen. Wenn Steve Reich mich fragt, dann sage ich nicht nein, aber zum größeren Teil würde ich antworten: Ich bin ein Komponist.

Im Oktober kommen Sie gleich mit mehreren Projekten nach Hamburg. The National werden in der Elbphilharmonie spielen, aber es wird auch klassische Kompositionen geben. Was verbindet diese unterschiedlichen Konzertabende?

Dessner: Obwohl das Programm kompositorisch eine große Bandbreite meiner Arbeiten der letzten zehn Jahre abdeckt, kommt die Musik doch vom selben Ort. Es gibt ein Gitarrenstück, das ich gemeinsam mit meinem Bruder spiele, Kompositionen fürs Streichquartett und es wird ein Stück für zwei Flügel geben. Das ist schon relativ breit gefächert und dann gibt's natürlich noch das Rockkonzert von The National.

Das Klavierstück "El Chan" haben Sie für die Schwestern Katia und Marielle Labèque geschrieben. Auch Sie arbeiten eng mit Ihrem Zwillingsbruder zusammen, in The National gibt es noch ein weiteres Brüderpaar. Was ist so besonders an geschwisterlicher Bande in Musik?

Bryce Dessner: Geschwister - und Zwillinge ganz besonders - repräsentieren die Idee des Spiegelbildes. Und man muss sich nur in der Natur umgucken, viele Dinge sind Variationen derselben Sache und das findet man auch in der Musik. Man nimmt eine Idee und durch ihre Variation entsteht etwas Neues. Wenn man dann die familiäre Bande - diese besondere menschliche Beziehung - nimmt und sie durch dieses musikalische Prinzip kanalisiert, dann kann etwas sehr Mächtiges entstehen. Bei Katia und Marielle Labèque ist das definitiv der Fall und mir gefällt der Gedanke, dass es bei meinem Bruder und mir ebenso ist.

Es kommt ja nicht so oft vor, dass Sie all Ihre Projekt ein einem Haus zeigen können ...

Bryce Dessner: Die Elbphilharmonie ist ein wichtiger neue Orte für Musik und ich freue mich, dass ich Teil des Programms bin. Ich war schon sehr oft in Hamburg, habe aber die Elbphilharmonie noch nie gesehen. Für akustische Musik ist der Ort wahnsinnig wichtig. Vor ein paar Monaten habe ich den Akustiker der Elbphilharmonie Yasuhisa Toyota getroffen. Er ist sehr stolz auf seine Arbeit und ich fühle mich geehrt, dass ich meine Musik in diesem Raum zeigen darf.

Das Interview führte Jil Hesse.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 20.10.2017 | 16:20 Uhr

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