Stand: 07.12.2016 16:18 Uhr

Brandt-Kniefall: Stiftung zur Erinnerung gegründet

Die Kanzlerschaft von Willy Brandt dauerte von 1969 bis 1974. In dieser Zeit traf er politische Entscheidungen mit bleibender Symbolkraft. Sein Kniefall vor dem Warschauer Ghettodenkmal ist bis heute unvergessen. Später befragt, sagte Brandt: "Ich hatte plötzlich das Gefühl: Kranz niederlegen reicht nicht." Eine eindrückliche Geste, die Rolf Grasse immer wieder umgetrieben hat. Der Lübecker gründete noch kurz vor seinem Tod die Stiftung zum 7. Dezember 1970. Seine Frau Birgit Grasse ist Vorsitzende der Stiftung.

NDR Kultur: Frau Grasse, Sie haben gesagt: "Der Kniefall Willy Brandts in Warschau veränderte die Welt und prägte den Stifter Rolf Grasse." Inwiefern? Können Sie das beschreiben?

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Birgit Grasse ist Vorsitzende der Stiftung zum 7. Dezember 1970.

Birgit Grasse: Er ist aufmerksamer geworden, im Leben und im Umgang mit den Menschen. Er ist 1949 geboren, in die Aufbau- und Wirtschaftswunderzeit der jungen Bundesrepublik. Er hat den Kalten Krieg erlebt und die Rebellion der 68er gegen die Altnazis und gegen die Eltern. Das hat ihn schon geprägt. Er hat sich damit auseinandergesetzt und hatte das Gefühl, dass der Kniefall, der für Versöhnung stand und für die Politik der kleinen Schritte, den Zugang auf die früheren Feinde, wichtig war und dass das langsam in Vergessenheit geraten ist. Und weil ihn das so bewegt hat, wollte er etwas dafür tun.

Bis heute beschäftigt diese Geste die deutende Nachwelt: spontaner Einfall oder doch geplant? Losgelöst von dieser Frage sprach Richard von Weizsäcker damals davon, dass hier einer, der das nicht nötig hatte, für all diejenigen kniete, die es nötig haben, aber nicht knien.

Grasse: Es ist eine großartige Friedensgeste von Willy Brandt gewesen. Es ist wohl auch in der neueren Geschichte einmalig, dass Brandt niedergekniet hat für Verbrechen, die er nicht zu verantworten hat, weil er zu der Zeit im Exil war. Er hat sich für das Tätervolk entschuldigt. Das fand ich eine bemerkenswerte, großartige Geste - und mein Mann auch.

Der Kniefall schaffte Vertrauen. Auf jeden Fall löste sich die Spannung zwischen Deutschland und Polen. Anlass der Reise war ja ein Vertrag, mit dem Deutschland die Oder-Neiße-Linie faktisch als polnische Westgrenze anerkennt. Damit hat Brandt im Wesentlichen auch die Ost-West-Politik mit angestoßen.

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Grasse: Es war eine viel diskutierte Geste der Entschuldigung und der Bitte um Vergebung und sicherlich auch ein Signal zur Aussöhnung mit den früheren Feinden.

Sie selbst waren 1970 noch ein Kind. Den Wunsch Ihres Mannes haben Sie umgesetzt: Es gibt die Stiftung; Sie sind Stiftungsratsvorsitzende. Was verbinden Sie mit Willy Brandt?

Grasse: Ich verbinde mit Willy Brandt einen großen deutschen Politiker, der für Frieden und Freiheit eingestanden ist. Er hat die Welt und die Menschen im Osten nach dem Grauen des Dritten Reiches wieder für uns Deutsche nähergebracht.

Sie bezeichnen die Versöhnungsgeste als ein Signal in die Zukunft. Wäre das etwas, dass Sie auch als aktuelles Thema Ihrer Stiftungsarbeit sehen?

Grasse: Auf jeden Fall. Wir möchten gerne junge Menschen ansprechen, auch in Verbindung mit dem Willy-Brandt-Haus. Herr Dr. Lillteicher, Leiter des Willy-Brandt-Hauses in Lübeck, gehört ja zum Stiftungsrat dazu. Wir wollen auf junge Menschen zugehen, vielleicht Ausstellungen machen, Konzerte veranstalten, mit ihnen in die Diskussion kommen. Wir wollen Politiker und auch Menschen aus den Ländern zu diesen Konzerten einladen, die unter Nazi-Deutschland gelitten haben.

Sie haben für die Feier der Stiftungsgründung prominente Gäste gewinnen können: Lübecks Bürgermeister Bernd Sachse und Björn Engholm. Wie haben Sie die Beiden dafür begeistern können?

Grasse: Ich möchte nicht sagen, dass es einfach war. Aber ich glaube, dass das Thema Willy Brandt und der Kniefall meiner Generation, den Menschen, die die Nachkriegszeit ganz intensiv gelebt haben, noch ganz präsent ist. Gerade bei Herrn Sachse und Herrn Engholm war das gar keine Frage: Die waren sofort Feuer und Flamme für diese gute Sache - unsere Stiftung bezeichnen wir als eine "gute Sache", es ist eine Friedensstiftung.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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