Stand: 11.09.2017 07:46 Uhr

Filmfest Venedig mit sensationell hohem Niveau

von Katja Nicodemus

Am Sonnabend sind die 74. Filmfestspiele von Venedig mit einer Preisgala beendet worden. Den Goldenen Löwen hat das Fantasy-Drama "Shape Of Water" des Mexikaners Guillermo del Toro ergattert.

Dieser Preis ist ein Sieg des Kinos, seiner Kraft, seiner Fantasie, seiner Vision. Guillermo del Toros Fantasyfilm "Shape Of Water", Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig, erzählt eine wahrhaft abgefahrene, ja durchgeknallte Geschichte. Es geht um ein geschupptes Monster vom Amazonas, das in den 60er-Jahren in einem amerikanischen Militärlabor gefangen gehalten wird.

Goldener Löwe für Fantasydrama "Shape Of Water"

Parabel für die Angst der USA vor dem Fremden

Es gibt einen Bösewicht, der die Kreatur mit einem elektrischen Schlagstock quält und es gibt eine Art gute Fee, gespielt von der Britin Sally Hawkins. Eine stumme Putzfrau, die Mitgefühl mit dem geschundenen Wesen hat, die ihm Essen mitbringt, die über Zeichen mit ihm Verbindung aufnimmt und die sich schließlich in den Fremdling verliebt. "The Shape Of Water" ist eine bewegende Liebesgeschichte, angesiedelt in einer düsteren amerikanischen Stadt. Wasser wird hier zum türkis schimmernden utopischen Element, das die fischige Kreatur am Leben hält, die Liebenden umhüllt, das Räume überschwemmt und Fluchtwege öffnet. Aber natürlich handelt dieser Film des in den USA lebenden und arbeitenden Mexikaners del Toro auch von der amerikanischen Angst vor dem Fremden. Und von einer kleinen Solidargemeinschaft, die Fremden hilft. Eine Stumme, ein Schwuler und eine Schwarze werden zu Fluchthelfern dieses Monsters, das weit weniger monströs wirkt, als das Land, in dem es gefangen gehalten wird.

Der 18-jährige Charlie Plummer hält beim 74. Filmfestival in Venedig den Nachwuchspreis des Festivals für seine Darstellung eines Waisen in "Lean On Pete" hoch © Domenico Stinellis ANSA/ AP/ dpa - Bildfunk

Filmfest Venedig mit sensationell hohem Niveau

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Die Filmfestspiele von Venedig sind am Sonnabend mit der Verleihung des Goldenen Löwen für "The Shape Of Water" zu Ende gegangen. Ein Kommentar von Katja Nicodemus.

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US-Filme dominieren den Wettbewerb

"The Shape Of Water" gehört zu den amerikanischen Filmen, die die 74. Filmfestspiele von Venedig zu Recht dominierten. Allesamt Genrefilme, vom Western über den Science-Fiction-Film bis zum Roadmovie. Ihnen allen gelang es, die Mustermotive und Versatzstücke des populären Kinos nicht nur mit Leben zu füllen, sondern sie auch zu kritischen Ansichten auf die USA zu verdichten. So wie Martin McDonaghs "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri", der den Drehbuchpreis gewann. Er zeigt Frances McDormand in der Rolle einer Mutter, die Gerechtigkeit für ihre ermordete Tochter fordert und sich mit der rassistischen Polizei ihrer Kleinstadt anlegt. Oder so wie Andrew Haighs Roadmovie "Lean On Pete" über einen 15-jährigen Waisen, der ein Pferd auf der Suche nach seiner Tante durch die USA führt.

Der junge Amerikaner Charlie Plummer gewann für diese Rolle den Nachwuchspreis des Festivals. Auf seinem Weg durch die USA begegnet er Pferdebesitzern, die Pferde bei Rennen zu Tode schinden, Afghanistan-Veteranen, Obdachlosen, die ihn ausrauben. Hier ist es nur noch die Landschaft, die das große Versprechen des amerikanischen Westens in sich birgt.

Keine gute Hand der Jury bei restlichen Preisen

Bei den weiteren Preisen bewies die Jury unter Vorsitz der amerikanischen Schauspielerin Annette Bening keine gute Hand. Den großen Preis der Jury gewann der israelische Film "Foxtrot" von Samuel Maoz, der das Geschehen in einem angeschlagenen, im Kriegszustand befindlichen Land in eine schwarze Komödie packt, die jedoch pseudoambitioniert und kunstgewerblich wirkt. Auch der Regiepreis des Festivals  für Xavier Legrand und seine holzschnitthaftes Sorgerechtsdrama "Jusqu'à la garde" bleibt unverständlich. Dennoch: Der Goldene Löwe des sich bis zum Schluss auf höchstem Niveau bewegenden Festivals ging an einen richtigen Film. "The Shape Of Water" ist große Unterhaltung und illusionäres amerikanisches Kino, das sich dennoch keine Illusion über das Land macht, aus dem es kommt.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.09.2017 | 09:20 Uhr

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