Stand: 28.02.2016 15:30 Uhr

Berührend: "Warten auf Godot" am Thalia Theater

von Heide Soltau

Europaletten türmen sich auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters. In diesem hölzernen Gebirge bewegen sich die beiden Landstreicher, Wladimir und Estragon, bei Stefan Pucher in bunten Trainingsklamotten, mit Turnschuhen und topfförmigen Stoffhüten. So inszeniert Regisseur Stefan Pucher "Warten auf Godot" von Samuel Beckett. Und so schlagen die zwei Landstreicher wartend die Zeit tot. Godots Ankunft verzögert sich, erfahren sie am Ende des Tages von einem Jungen. Und so warten sie immer weiter. Zwischenzeitlich treten zwei weitere Männer auf: Pozzo, der Landbesitzer, langhaarig und wie ein Rocker schwarz gekleidet, und sein Diener Lucky, der das Gepäck schleppt. Mit seiner seltsamen Vermummung erinnert die Figur an die mittelalterliche Darstellung der Pest und - die Folteropfer von Abu Ghraib.

Szenen aus "Warten auf Godot" am Thalia Theater

Durch die Wüste ins Europalettengebirge

Den Auftritt des ungleichen Paars, Pozzo und Lucky, kündigt ein Video an. Regisseur Pucher ist bekannt für seinen virtuosen Einsatz von Filmsequenzen und Musik. Verwackelte Schwarz-Weiß-Bilder zeigen zwei Menschen, die eine Wüste durchwandern und immer näher kommen. Bis sie schließlich leibhaftig auf der Bühne stehen und das Europalettengebirge hinunterklettern. Sind es Flüchtlinge? Fremde? Obwohl Pozzo doch behauptet, ihm gehöre das Land.

Und wer sind Wladimir und Estragon? Landstreicher, wie gemeinhin behauptet? Wenn, dann Land-Streicher. Zwei Unbehauste, Traumatisierte. Schicksalsgenossen. Der einfältige Estragon leidet an Alpträumen. Er muss Schreckliches erlebt haben. Der klügere Wladimir, er trägt eine Nerdbrille, nimmt ihn in den Arm und versucht, ihn zu trösten. Jens Harzer und Jörg Pohl sind ein wunderbares Gespann. Sie zelebrieren den Text so selbstverständlich und leicht, dass man ihn ganz neu hört.

Glänzendes Schauspielertheater

"Warten auf Godot" lässt viele Deutungen zu. Künstler, Philosophen, Theologen, Literaturwissenschaftler und Regisseure haben sich an Interpretationen versucht. Die Sekundärliteratur füllt Regale. Beckett selbst hat jede Erklärung abgelehnt. Und so bietet dieses Stück Regisseuren und Darstellern eine herrliche Spielwiese. George Tabori, Luc Bondy, Dimiter Gotscheff und Matthias Hartmann haben es mit Bühnenstars wie Traugott Buhre, Thomas Holzmann, Michael Maertens, Samuel Finzi und Wolfram Koch inszeniert. Harald Schmidt hat in Bochum einmal den Diener Lucky gespielt.

Stefan Pucher breitet seinen vier großartigen Schauspielern zu Recht den roten Teppich aus. Weiß das Hamburger Publikum eigentlich, was für Künstler hier auf der Bühne stehen? Da kann man nur sagen: Hingehen! Sie werden nicht ewig in Hamburg bleiben. Man hätte ihnen am Samstagabend noch mehr Beifall gewünscht. Aber den gibt es offenbar nur für fernsehbekannte Spieler.

Hehre Worte und nackte Gewalt

Stefan Pucher konzentriert sich in seiner Interpretation auf die Ästhetik der Gewalt. Er gibt diesen Szenen viel Raum und knüpft an Bilder an, die wir alle kennen. Er zeigt "Warten auf Godot" als brutales, blutiges Stück. Pozzo (Oliver Mallison) schlägt auf seinen hilflosen Diener Lucky (Mirko Kreibich) nicht nur, er tritt auf ihn ein, während dieser schon auf dem Boden liegt.

Wladimir und Estragon empören sich darüber, aber sie greifen nicht ein, sie kopieren den Landbesitzer. Als dieser selbst hilflos am Boden liegt, quälen sie ebenso ihn mit Fußtritten, wie sie es bei ihm erlebt haben. Es sind schillernde Figuren. Ein Video zeigt die beiden, wie sie in einem zerstörten Dorf herumirren. Aber dann sieht man, wie sie sich kumpelhaft umarmen und ihre Späße machen. Sind sie Soldaten, die gerade ihre Nachbarn getötet haben? Oder sind sie selbst Opfer von Gewalt?

Es gibt Sätze, die möchte man festhalten: "Habe ich geholfen, als die anderen litten?" Oder: "Man hat genug Zeit, alt zu werden." Und wie verbringt man diese Zeit? Mit Warten.

Lachen als Blitzableiter

Die Inszenierung setzt als Kontrast zu Gewaltszenen auch auf den Witz und die Absurdität des Textes. Pucher hat Slapsticks eingebaut, die wie ein Blitzableiter wirken. Zu viele Slapsticks, wie manche Zuschauer meinten. Beckett sei strenger. Wirklich? Bei aller Not sind Wladimir und Estragon eben auch Stehaufmännchen.

Der Abend endet überraschend versöhnlich mit einer Tonaufnahme. Wladimir und Estragon stehen auf den Europaletten und hören ihren eigenen Worten hinterher, wie sie vom Warten sprechen. Dem ewigen Warten auf Godot, ohne das ihr Leben nicht lebenswert wäre. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt. Ein Fest für die Schauspieler, allen voran für Jens Harzer und Jörg Pohl.

Berührend: "Warten auf Godot" am Thalia Theater

Holzpaletten bestimmen das Bühnenbild am Hamburger Thalia Theater. Die "Warten auf Godot"-Inszenierung von Stefan Puchner ist ebenso unterhaltsam wie berührend und verstörend.

Datum:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor 1
20095  Hamburg
Preis:
Zwischen 15 und 74 Euro
Kartenverkauf:
Kartenkasse
Mo-Sa 10-19 Uhr
So und Feiertage 16-18 Uhr
theaterkasse@thalia-theater.de
Tel. 040.32814-444

Die Thalia-Eintrittskarten, der Thalia-Abo-Ausweis und das ausgedruckte Print@Home-Ticket gelten am Veranstaltungstag als Fahrkarte im Gesamtbereich des HVV für alle Verkehrsmittel, auch für die AKN, den Metronom und die Regionalbahn.
Hinweis:
Dauer: circa zweieinhalb Stunden
Deutsch von Elmar Tophoven
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