Stand: 11.01.2017 15:36 Uhr

VW-Krise und Kunstszene: "Wir sind in Sippenhaft"

von Janek Wiechers

Die VW-Abgaskrise hat nicht nur den Konzern selbst erschüttert und kostet nicht nur das Unternehmen viel Geld. Auch viele Kommunen, in denen Volkswagen Werke betreibt, sind vom Sog des Skandals um die Manipulationen von Messsoftware in Diesel-Fahrzeugen erfasst worden. Weil VW sparen muss, um die Milliardenentschädigungen zu zahlen, wirkt sich das direkt auch auf die Städte aus - die Gewerbesteuern fließen nicht mehr so üppig wie zuvor.

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Nicht alle müssen sich Sorgen machen. Das jährliche Movimentos-Festival in Wolfsburg bleibt vorerst von weiteren Einsparungen verschont.

Auch die Kommunen sind gezwungen zu sparen. In Wolfsburg, dem Sitz des Stammwerks von VW, bekommt das jetzt die Kulturszene zu spüren. Noch ist der Haushalt für dieses Jahr nicht verabschiedet, aber schon jetzt ist klar: Die Stadt wird auch an der Kultur sparen müssen.

Die Sparmaßnahmen sind bedrohlich

Städtische Einrichtungen wie das Kulturzentrum "Hallenbad" oder die Städtische Galerie sollen 15 Prozent weniger Geld bekommen. Für private, von der Stadt geförderte Einrichtungen wie Holzbanktheater oder Kunstverein, sind es zehn Prozent weniger.

Auch die Leiterin der städtisch geförderten Figurentheater Compagnie Brigitte van Lindt hat wie viele andere Einrichtungen in Wolfsburg Post von der Stadt bekommen - mit schlechten Nachrichten: "Dass wir eine Kürzung von zehn Prozent auf unsere institutionelle Förderung zu erwarten haben. Wir kriegen eine Halbtagsstelle für eine Bürokraft gefördert und eine FSJ-Stelle. Das heißt, das betrifft dann konkret Personalkosten."

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Für Kultureinrichtungen wie das Figurentheater also sind die angekündigten Sparmaßnahmen existentiell. Die beiden angesprochenen Stellen aus eigener Kraft zu finanzieren sei eigentlich nicht zu schaffen, sagt Brigitte van Lindt: "Das wird sehr eng und wir haben auch noch keinen konkreten Plan, wie wir das auffangen können. Wir spielen ungefähr 80 Vorstellungen hier im Haus und 140 auf Tournee - damit sind wir am Limit."

Auch im Programm schlägt sich der städtische Sparzwang bereits nieder. So zog die Stadt etwa gleich eine ganze Auftragsarbeit zurück - ein Stück für Grundschüler über den Dichter Hoffmann von Fallersleben. Nach nur zwei Aufführungen sei Schluss, so die Theaterleiterin: "Zu unserem Jubiläum im letzten Jahr wurde uns noch angedeutet, dass dieses Projekt fortgeführt werden sollte. Aber es ist sehr konkret, dass das nicht stattfindet 2017."

Existenzängste werden größer

Sorgen sind auch aus dem Kunstverein in Wolfsburg zu vernehmen. Auch dort könnten die Mittelkürzungen Kündigungen bedeuten und den Verein so in seiner Existenz bedrohen, sagt Axel Bosse. Er ist im Verein für die Finanzen zuständig und sitzt zudem im Beirat zum Kulturentwicklungsplan der Stadt -  das ist ein Gremium, das den Kulturausschuss der Stadt Wolfsburg berät: "Wir haben einen Geschäftsführer beschäftigt. Wir haben Menschen, die die Buchführung machen müssen. Und wir haben natürlich Personal, das als Aufsicht in den Ausstellungsräumen da ist. Bei vergangenen Sparrunden haben wir schon die Öffnungszeiten gekürzt. Aber irgendwann ist da auch Schluss!"

Um die angekündigten Kürzungen zu kompensieren, müsse möglicherweise die City-Galerie, die Dependance des Kunstvereins, die ihren Hauptsitz im Schloss Wolfsburg hat, geschlossen werden, so Bosse: "Das ist eine Möglichkeit für Studenten - auch von der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig - mal kleine Ausstellungen zu machen. Wir müssen halt in den sauren Apfel beißen und können das nicht mehr machen."

Unmut auch in stadteigenen Einrichtungen

Nicht nur in der freien Kunstszene Wolfsburgs gib es deutlichen Unmut. Hinter den Kulissen der von noch größeren Kürzungen betroffenen stadteigenen Einrichtungen rumort es ebenfalls. Niemand spricht dort dieser Tage offen über die Sorgen. Aber: Hinter vorgehaltener Hand stellen einige deutlich die Frage, wie es nach bereits erfolgten Kürzungen eigentlich weitergehen soll mit Wolfsburgs Kultur.

Viele hoffen noch, dass der neue Haushalt, der vermutlich im Frühjahr verabschiedet wird, doch keine so massiven Kürzungen bringen wird. Doch so wirklich scheint niemand daran zu glauben.

Nicht alle müssen sich Sorgen machen

Es gibt aber diejenigen Kultureinrichtungen in der Stadt, die sich keine großen Sorgen machen müssen. So kann etwa die Autostadt - 100-prozentige VW-Tochter - auch im kommenden Jahr die Movimentos-Festwochen veranstalten.

Trotz einiger Einschnitte leistet sich der Autokonzern sein Vorzeige-Kultur-Festival mit Tanz, Musik und Lesungen auch weiter. Tobias Riepe, Kommunikations-Chef der Autostadt, kann also sich gelassen geben: "2016 hatten wir ja deutliche Einsparungen vorgenommen. Ungefähr in einer Größenordnung von 20 Prozent. Wir haben das große Konzert im Kraftwerk nicht mehr umgesetzt. Wir haben das Festival etwas verkürzt. In diesem Rahmen werden wir die Movimentos-Festwochen auch 2017 fortsetzen."

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Ralf Beil ist seit 2015 Direktor des Kunstmuseums in Wolfsburg.

Auch im Kunstmuseum Wolfsburg, einem weiteren großen kulturellen Leuchtturm in der Stadt, gibt es keine finanziellen Probleme. Das Haus ist ebenfalls nicht von Gewerbesteuern abhängig. Finanziert wird das Museum von einer Stiftung und durch Gelder von Volkswagen, die aber - so Direktor Ralf Beil -  auch weiter in ausreichender Höhe fließen werden: "Wir haben das Glück, dass wir Verträge haben, dass wir mittelfristige Verträge haben, und eben nicht ein Jahr-zu-Jahr-Budget, wie das eben in städtischen Haushalten der Fall ist, sodass man ganz schnell was kürzen kann. Das heißt, wir haben zumindest mittelfristig für die nächsten Jahre Planungssicherheit."

Kein Ort mit positiver Energie

Ganz sorgenlos zeigt sich jedoch auch Museumschef Beil nicht. Die VW-Krise schlägt sich auch in seinem Haus nieder, beklagt er, nicht in Form von weniger Geld - aber, so Beil, als Image-Schaden bei der Außenwirkung seines Hauses: "Es gibt natürlich Folgen. Wenn ich zum Beispiel jetzt einen riesigen Artikel von der 'Frankfurter Rundschau' zitiere, dann ist es fast zwangsläufig so, dass die Leute erst mal durch die krisengeschüttelte Stadt Wolfsburg gehen und irgendwann nach einer halben Seite bei uns in der Ausstellung ankommen. Das zeigt ihnen auch psychologisch: Wir sind in einer Sippenhaft. Da hängen wir wie alle anderen Kulturakteure natürlich mit in der Schleife dieser nicht gerade positiven Energie, die von diesem Ort im Moment ausgeht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Kulturspiegel | 10.01.2017 | 19:26 Uhr

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