Stand: 26.11.2015 10:15 Uhr

Sarah Moons abgründige Bilderrätsel

von Anette Schneider

Sarah Moon wurde als Modefotografin weltberühmt. In den 70er-Jahren arbeitete sie für alle großen Modelabels, und es sind diese oft leicht verschwommenen Arbeiten aus der Flower-Power-Zeit, die immer wieder ausgestellt werden. Die weltweit erste Retrospektive im Haus der Photographie der Hamburger Deichtorhallen, die jetzt erstmals einen Überblick über das ganze Werk der Künstlerin gibt, revidiert dieses Bild gewaltig, und trumpft mit einigen wirklichen Überraschungen auf.

Sarah Moons Bilder aus dem Reich der Träume

Es nimmt einem den Atem: An den Wänden hängen dicht an dicht Bilder - lange Reihen winzig kleiner Arbeiten, einzelne sehr große, dann Gruppen neben- und übereinander. Die Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Landschaften, Stillleben oder Menschen, dazwischen hängen einige farbige Modeaufnahmen, und in mehreren Kabinetten laufen kurze Schwarz-Weiß-Filme.

Gang auf einer dunkler werdenden Straße

Für das Haus der Photographie hat Sarah Moon eine Künstlerinstallation gemacht. "Wenn wir diese Installation betreten, haben wir das Gefühl, dass wir von Bildern erschlagen werden. Dass wir eigentlich nicht mehr genau wissen, welches Bild wir eigentlich betrachten sollen", erklärt Kurator Ingo Taubhorn. Dennoch: Jedes einzelne Bild ist in sich ein autarkes Bild. Aber erst in der Folge auf der Wand wird eigentlich dieser gesamte Raum zum Bild.

Dieses Gesamtbild verstört bereits auf den ersten Blick, denn Sarah Moon arbeitet oft mit Unschärfen, manchmal wirken ihre Bilder auch wie stark verwischte Aquarelle. Dadurch entstehen abgründige, rätselhaft wirkende Bildräume, die so gar nicht zu den angeblich hellen, leichten Traumwelten passen, für die die Fotografin gefeiert wird.

"Ich denke das liegt daran", meint sie, "dass die Leute nur meine frühen Arbeiten kennen und sich daraus ein Bild von mir gemacht haben. Damals, als ich Mode fotografierte, musste ich ein Image entwickeln, das mit der Zeit korrespondierte: mit Flower-Power, Hippie-Bewegung und so weiter. Letztendlich kennen die meisten Leute mein künstlerisches Werk gar nicht. Ich habe mich weiterentwickelt, bin weitergegangen auf der "Straße" - und diese "Straße" ist dunkler geworden.

Die Auflösung einer vermeintlich sicheren Realität

Sarah Moon wurde 1941 in Paris geboren. Darüber, dass sie mit ihrer Familie vor den Deutschen nach England fliehen musste, und dass sie Jüdin ist, spricht sie nicht.

In den 60er-Jahren arbeitete sie als Modell. 1970 tauschte sie den Laufsteg ein gegen die Kamera und fotografierte Mode. Schon damals arbeitete sie mit Unschärfen und verwandelte die teuren Roben in abstrakte Farbflächen. Die großen Labels waren begeistert.

Parallel entstanden ihre nun erstmals so umfassend ausgestellten Schwarz-Weiß-Fotos: einsame, ins Nichts führende Wege. Tote Vogelköpfe. Schemenhafte Gestalten. Stets lösen Unschärfen und Verwischungen alle klaren Konturen - und damit eine vermeintlich sichere Realität - auf. Was man sieht, verunsichert, beunruhigt, löst Ängste aus. 

Das Düstere ist ständig präsent und hinterlässt Fragen

"Natürlich sind meine Fotos Fiktion, das ist nicht die Realität. Aber es ist die Realität, die mich beeinflusst. Also kann ich die Fiktion nicht süßer oder harmloser zeigen, als ich sie empfinde. Ich komme von der Mode, und die ist ein Traum von Glanz und Schönheit. Ich respektiere das. Aber es ist eben etwas völlig anderes! Meine Bilder sind Reaktionen auf das, was ich sehe", beschreibt die Künstlerin ihre Arbeit.

Je länger man in dieser aus der Realität entstandenen, eigenwilligen Bilderwelt verweilt, desto düsterer wirkt sie: Das Muster eines Kleides lässt eine Frau als Gerippe erscheinen. Der Schnabel eines Vogels ist zersplittert. Oder man blickt von schräg oben in einen verwilderten Garten, in dem ein großer gedeckter Tisch steht.

Kurator Ingo Taubhorn dazu: "Die Vögel sind ausgestopfte Tiere. Wir bewegen uns permanent in einem Raum, in dem Tod in gewisser Weise präsent ist und sich in den Bildern fortsetzt. Man sieht Landschaften, wo man eventuell eine Gesellschaft vermutet, weiß nicht, ob sie gerade erst kommt oder ob sie schon entschwunden ist und etwas zurückgelassen hat. Wir bewegen uns in einem Raum, in dem wir uns nicht genau erklären können: Geht es um Leben oder geht es um Tod?"

Mehr als eine harmlose Schöpferin von Modetraumwelten

Nur schwer zu ertragen sind ihre Filme, die nach Märchen wie Rotkäppchen oder König Blaubart entstanden. Durch die Montage von Fotos und filmischen Sequenzen, Text und Musik erzählt Sarah Moon - ohne dies auch nur einmal zu zeigen - auf beklemmende Weise über Kindesmissbrauch, Verrat und Mord.

So lässt sich in dieser ungewöhnlichen Ausstellung eine sehr besondere Künstlerin entdecken, die künftig niemand mehr auf die Schöpferin harmloser Mode-Traumwelten reduzieren kann!

Sarah Moons abgründige Bilderrätsel

Die Fotografin Sarah Moon wurde in den 70er-Jahren als Modefotografin weltberühmt. Die weltweit erste Retrospektive in den Hamburger Deichtorhallen bietet einige wirkliche Überraschungen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Deichtorhallen, im Haus der Photographie
Deichtorstrasse 1+2
20095  Hamburg
Preis:
Erwachsene: 10 Euro, Ermäßigt: 6 Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: frei
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag 11-18 Uhr, jeder 1. Donnerstag im Monat 11 - 21 Uhr
Besonderheit:
Donnerstag, 26. November 2015 um 19 Uhr im Haus der Photographie
Hinweis:
Öffentliche Führungen
Jeden Samstag und Sonntag und feiertags um 15 Uhr.
Im Eintritt der Ausstellung inbegriffen, keine Anmeldung erforderlich.

Kuratorenführungen
Mit Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik
Di, 15. Dezember 2015, 12. Januar 2016 und 9. Februar 2016, jeweils um 18 Uhr. 3 Euro zzgl. zum Eintrittspreis, keine Anmeldung erforderlich.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 26.11.2015 | 19:02 Uhr