Stand: 12.12.2015 12:26 Uhr

Aufgemöbelt und entstaubt: "Die Physiker"

von Heide Soltau

So geht es auch. So kann man den Dürrenmatt-Klassiker auch auf die Bühne bringen: leicht und staubfrei, ohne das Stück zu verraten. Regisseur Florian Fiedler ist mit der Aufführung der "Physiker" ein kleines Wunder gelungen. Am Jungen Schauspiel Hannover hat das Stück am Freitagabend Premiere gefeiert, inszeniert vom Leiter des Hauses, Florian Fiedler. Neben "Der Besuch der alten Dame" zählt das 1962 uraufgeführte Stück zu den bekanntesten Werken des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt. Es ist Schullektüre. Aufgeführt wird die einst so erfolgreiche Komödie heute jedoch nur noch selten. 

Einstein, Newton und die Weltformel

"Sehr frisch, sehr spritzig, sehr eingängig"

"Ich bin positiv überrascht; ich kenne das Stück in- und auswendig und habe gesagt: 'Wie kann man so etwas heute noch spielen?' Aber ich glaube, es ist gelungen", sagte ein Theaterbesucher. "Fiedler hat es auch verändert, musste es auch verändern, gute schauspielerische Leistung, schönes Bühnenbild, hat mir gut gefallen", zeigte sich der ältere Herr begeistert. "Ich fand die Inszenierung insgesamt sehr überzeugend, sehr frisch, sehr spritzig, sehr eingängig."

Wer ist hier verrückt?

Dürrenmatts Komödie erzählt von "drei Irren in der Klapse", wie es in der Ankündigung des Jungen Schauspiels Hannover so schön flapsig heißt. Drei Physiker sind dort interniert. Einer hält sich für Einstein, der zweite für Newton, behauptet aber, Einstein zu sein, und der dritte namens Möbius gibt vor, in Wirklichkeit nicht verrückt zu sein. Er hat sich dort mitsamt seinen Forschungsunterlagen versteckt. Er will verhindern, dass sie in falsche Hände geraten, denn er hat eine physikalische Weltformel entwickelt, mit der man den Planeten Erde zerstören kann.

Reaktion auf atomare Aufrüstung

Mit den Physikern reagierte Dürrenmatt Anfang der 60er-Jahre auf die atomare Aufrüstung in Ost und West. Er thematisierte in seiner Komödie die Verantwortung der Wissenschaft. In dem Stück arbeiten zwei der Physiker für gegnerische Geheimdienste. Sie wissen, dass sich Möbius in ein Irrenhaus geflüchtet hat und haben sich dort einweisen lassen, um dem genialen Physiker seine Weltformel abzujagen. Dürrematt spickt die Geschichte mit drei Morden und tarnt sie als absurden Krimi. Da wirken manche Späße altbacken.

Am Schluss gewinnt die Privatwirtschaft

Fiedler hat das Stück stark eingekürzt und entschlackt und war selbst überrascht, wie modern und wie klug und hellsichtig Dürrenmatt gewesen ist. "Zwei Staaten oder Machtblöcke streiten sich um diese Weltformel und am Schluss gewinnt die Privatwirtschaft", erklärt Fiedler. "Und wenn man sich so anguckt, dass die größten Konzerne größere Umsatzzahlen haben als die größeren Staaten Bruttoinlandsprodukte, dann sind wir genau an dem Punkt: Was tun eigentlich die Privatkonzerne mit der Macht und dem Wissen, das sie haben und was geht da eigentlich ab?"

Surreale Szenerie und betonte Künstlichkeit

Weiße Vorhänge unterteilen die Bühne in verschiedene Räume. Wenn die drei Wissenschaftler zusammensitzen und philosophieren, werden diese Sequenzen auf die Vorhänge projiziert. Das hat den Effekt, als würden sie hinter Glas sitzen und es verleiht der Szenerie etwas Surreales. Und so spielen die Schauspieler auch ihre Rollen, sie betonen die Künstlichkeit. Und beim Showdown am Ende, wenn die Geheimagenten beide ihre Identität lüften und ein gnadenloser Konkurrenzkampf ausbricht, inszeniert Fiedler das als wilde Schießerei mit Diskolicht und Diskosound.

"Dass man mal so eine Szene hat, wo Waffen richtig Laune machen, bevor es darum geht, was die Welt mit den Waffen macht, die sie schon besitzt. Das wissen wir", so Fiedler. "Das war mir auch ein Anliegen, irgendwann muss die Bühne voller Waffen liegen, damit auf eine leichte Art der Krieg zumindest ein bisschen in diesen Abend eindringt."

Selbst Jugendliche sind gebannt

Im Publikum saßen zahlreiche Jugendliche, die sich ganz offensichtlich nicht gelangweilt haben. Niemand spielte während der Vorstellung mit seinem Handy herum. Und das will etwas heißen. "Wir lesen das Stück gerade in Deutsch und es war sehr interessant, wie es dargestellt wurde. Das Ende war ein bisschen schwierig, man musste sehr viel nachdenken, wie die Geschichte weiter läuft", sagte eine 15-jährige Schülerin. "Das muss man dann so hinnehmen", meint ihre Freundin und fügt hinzu: "Es war toll, finde ich."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.12.2015 | 08:00 Uhr