Stand: 29.08.2017 16:23 Uhr

Cremon: Geschenke aus dem Hamburger Untergrund

von Daniel Kaiser

Cremon zwischen Alster und Elbe war früher eine Insel. Sie wurde vermutlich im zwölften Jahrhundert besiedelt. Ein Archäologenteam sucht jetzt nach Spuren dieser Besiedlung in der Hamburger Altstadt.

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Auf dem Computer sind die einzelnen Ausgrabungsabschnitte im Cremon zu erkennen.

Judith Kirchhofer ist auf der Suche nach dem ganz alten Hamburg. Die Archäologin steht in der unwirtlichen Baugrube fünf Meter unter Straßenniveau und gräbt sich mit ihren Kollegen mit Spaten und Spachtel Schicht für Schicht durch die Stadtgeschichte. "Wir befinden uns gerade im 15. Jahrhundert", sagt Kirchhofer, die zwischen Mauerresten und Hunderten kleiner nummerierter weißer Zetteln steht, die Fundorte markieren.

Scherben und Schuhe

Dabei sind die Forscher nicht nur auf das Archäologen-Schwarzbrot "Scherben" gestoßen. "Zuletzt haben wir eine kleine Hahnfigur gefunden, wahrscheinlich ein Spielzeug, aber auch einen kleinen blau bemalten Damenschuh aus Keramik." In der Barockzeit hatten Herren einer Dame solche kleinen Schuhe als amouröses Geschenk überreicht, um Interesse an ihr zu bekunden. "Je nachdem, wie groß und aufwendig verziert dieser Schuh war, konnte der Besitzer zeigen, wie wohlhabend er ist." Das "Willst Du mit mir geh'n?" der Barockzeit war ein kleiner Keramikschuh.

Überraschende Erkenntnisse

Spannender als diese bunten kleinen Einzelfunde sind für die Wissenschaftler andere, grundsätzlichere Erkenntnisse. "Wirklich neu ist für uns, dass die Hinterhöfe der Häuser an der Straße Bei den Mühren nicht bebaut waren. Es war ein offener Hinterhof. Wir haben keine Mauern oder Fußböden gefunden." Außerdem haben die Archäologen herausgefunden, dass das Katharinenfleet - dort, wo sich heute die gleichnamige schmale Straße befindet - ursprünglich breiter war. "Vor allem Kaufleute und Schiffszimmerer haben hier in direkter Hafennähe gelebt."

Dendrochronologie - die Antwort liegt im Holz

Der Cremon war in den ersten Tagen Hamburgs noch eine Marschinsel, die zunächst unbewohnt war. Man hatte sie als Weideland genutzt. "Die Insel wurde immer wieder überflutet und konnte deshalb nicht besiedelt werden", erklärt Kirchhofer. Die Experten gehen davon aus, dass die Hamburger damals zunächst einen Deich um die Insel herum anlegten und die Innenfläche danach künstlich erhöhten - entweder mit Erdreich oder mit Erde gefüllten Holzkisten, die man übereinander stapelte. Auf solche Holzkisten spekulieren Judith Kirchhofer und ihre Kollegen bei den Ausgrabungen: "Dann könnten wir anhand der Dendrochronologie ziemlich genau sagen, wann das Ganze passiert ist." Mit Hilfe der Jahresringe der Bäume sind Forscher in der Lage, fast auf das Jahr genau zu datieren, wann der Baum gefällt wurde. Holz ist so etwas wie wissenschaftliches Gold für Archäologen.

Bis November am Ziel

Es ist gerade Halbzeit bei den Ausgrabungen. "Wir haben im Mai angefangen und arbeiten hier noch bis Mitte November. In dieser Zeit werden wir noch 1,20 Meter tiefer graben", sagt Kirchhofer. Dort hofft sie, den Boden zu finden, der von Menschen nicht verändert wurde. "Dann haben wir alles, was Menschen gemacht haben, entdeckt und dokumentiert, und das ist unser Ziel."

Die Ausgrabungsstätte am Cremon in Hamburg

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 29.08.2017 | 19:00 Uhr

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