Stand: 07.08.2017 07:20 Uhr

Anna Netrebko begeistert als Aida in Salzburg

Entdeckt hat sie einst der Dirigent Valery Gergiev, als sie noch ihr Geld sein Mariinsky-Theater putzend verdiente. Ihren internationalen Durchbruch feierte die russische Sopranistin Anna Netrebko dann später bei den Salzburger Festspielen. Dort wird sie seit Jahren als Megastar umjubelt - auch gestern wieder, als die wichtigste Opernpremiere der diesjährigen Festspiele anstand: Giuseppe Verdis "Aida". Anna Netrebko sang zum ersten Mal überhaupt diese Partie. Ihre Fans haben dieses Rollendebüt fieberhaft erwartet. Sabine Lange war für NDR Kultur im Großen Festspielhaus dabei.

Frau Lange, Anna Netrebko als Aida, wie passt die Rolle dieser äthiopischen Sklavin zu ihr?

Sabine Lange: Anna Netrebko war grandios gestern Abend. Nicht nur stimmlich, musikalisch, sondern auch im Ausdruck: in ihrer Verzweiflung. Sie steht ja als Aida zwischen zwei kriegerischen Fronten. Sie muss als Sklavin in Ägypten leben und liebt ausgerechnet den Feldherrn, der in den Krieg ziehen soll gegen ihr Volk, Äthiopien. Das zerreißt sie innerlich. Anna Netrebko, die in früheren Jahren zweifellos sehr schön gesungen hat, aber oft darstellerisch eher kühl und unbeteiligt wirkte, hat sich sehr gewandelt. Sie bringt ungeheuer dramatisches Leben auf die Bühne, ist sehr glaubwürdig in der Rolle und hat gestern Abend die anderen Sänger mitgerissen, auch Francesco Meli als Radames. Bis zum Liebestod der beiden wurde das ein sehr packender Abend. Anna Netrebko ist seit geraumer Zeit dabei, ihr Repertoire deutlich zu erweitern, schwerere Partien zu singen. Sie überlegt sich sehr genau, was sie macht. Bellinis "Norma" hat sie vor der ersten Produktion in London wieder zurückgegeben. Wagners "Elsa" hat sie in Dresden ausprobiert, will sie aber doch lieber nicht 2018 in Bayreuth singen. Aber ich denke, Verdis "Aida" war in Salzburg ein so großer Erfolg, dass sie diese Partie sicher eine Weile singen wird.

Regie hat ja auch eine Debütantin geführt, die Iranerin Shirin Neshat, bekannt als bildende Künstlerin, Fotografin und Filmregisseurin. Wie hat Ihnen Neshats erste Opernproduktion  gefallen?

Lange: Shirin Neshat hat in Interviews gesagt, dass sie sich mit der Figur Aida identifiziere. Neshat lebt selber seit langem im Exil, in New York. Sie kann nicht in ihre Heimat Iran zurückkehren und hat lange sehr darunter gelitten. In dieser Inszenierung thematisiert sie Flucht, Exil, Vertreibung auf den ersten Blick dezent und doch, wenn man es vom Schlussbild aus wahrnimmt, mit einer gewissen Radikalität. Zunächst könnte man bei dieser Produktion denken: Oh je, da inszeniert jemand zum ersten Mal Oper. Alles scheint sehr schlicht arrangiert zu sein. In Reih und Glied steht auf der einen Seite der Bühne die geistliche Elite des Landes, auf der anderen Seite die weltliche. Hier der Oberpriester, da der König, da die Soldaten, da die Gefangenen. Dazwischen die Protagonisten. Alles sehr geordnet. Sehr ästhetisch. Zeitlos. Die Priester sollen, wie heute so oft auf der Bühne, stellvertretend für alle monotheistischen Religionen stehen, die im Namen einer höheren Macht Zwang ausüben. Das sind alles gewohnte Bilder im Jahr 2017. Und doch steckt in dieser Schlichtheit am Ende eine deutliche Aussage: In der letzten Szene verändert sich das Bühnenbild so, dass klar wird: Aida und Radames haben sich von Anfang an in den Mauern ihres zukünftigen Grabes bewegt. Ihre Liebe hatte nie eine Chance. Das habe ich als ein starkes Bild empfunden.

Vielleicht noch ein Wort zur musikalischen Seite. Riccardo Muti hat die Wiener Philharmoniker dirigiert. Er gilt als Verdi-Experte und ist seit langem Stardirigent der Salzburger Festspiele. Wie hat Ihnen seine "Aida" gefallen?

Sendehinweis

NDR Kultur überträgt die Aufzeichnung der Salzburger "Aida"-Inszenierung am 2. September ab 20 Uhr im ARD Radiofestival.

Lange: Mutis Lesart hat mich immer wieder überrascht und auch vor Rätsel gestellt. Er hat von Anfang an auffallend viel Wert auf Details, genaue Phrasierungen im Orchester gelegt. Dabei waren ihm allerdings einzelne Motive so wichtig, dass der melodische Fluss darunter litt. Das fand ich ungewöhnlich in einer italienischen Oper. Mutis Interpretation hat auf mich sehr kontrolliert gewirkt, und trotzdem gab es immer wieder verblüffende Koordinationsschwierigkeiten mit dem, was auf und hinter der Bühne musikalisch geschah. Um ein Beispiel zu nennen: Die Hälfte der Trompeter, die auf der Bühne den berühmten Triumphmarsch spielen, waren schlichtweg nicht zusammen mit dem Bühnenorchester. Was mir sehr gefallen hat, das war die Bandbreite der Emotionen, vom fast gehauchten Pianissimo der Priesterchöre bis zu den harten, dramatischen Klangeffekten, die das Unerbittliche der Oper unüberhörbar machten.

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

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Zusammen mit ihrem Ehemann Yusif Eyvazov tourt Anna Netrebko mit einem Programm weltbekannter Arien und Duette. NDR Kultur wirft einen Blick auf ihre bisherige Karriere. Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.08.2017 | 07:20 Uhr

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