Stand: 01.11.2016 20:08 Uhr

"Entwicklungen, die alles auf den Kopf stellen"

Wie wollen und werden wir arbeiten? Wie wollen und werden wir leben? Um diese Fragen kreist die ARD-Themenwoche "Zukunft der Arbeit". Wohin führt uns eine Entwicklung, die durch Digitalisierung, künstliche Intelligenz, die Kooperation mit dem "Kollegen Roboter" geprägt ist? Wo bleibt da der Mensch? Aber was ist überhaupt menschengemäße Arbeit? Anke Domscheit-Berg befasst sich intensiv mit Fragen der Digitalisierung in dieser neuen "Roboter- und Algorithmengesellschaft".

NDR Kultur: Frau Domscheit-Berg, der Ausdruck "Roboter- und Algorithmengesellschaft" stammt von Ihnen. Welches sind die wesentlichen Veränderungen für die Arbeitswelt?

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Anke Domscheit-Berg, früher Unternehmensberaterin, ist heute selbständige Unternehmerin und Publizistin.

Anke Domscheit-Berg: Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Denn es verändern sich ganz viele Dinge gleichzeitig, die sich gegenseitig in den Veränderungen verstärken. Zum Beispiel gibt es völlig neue Produktionstechnologien, wie den 3D-Druck, mit dem man aus einer Datei ein physisches Objekt herstellen kann. Man kann, wenn man eine entsprechende Datei und einen 3D-Drucker hat, zum Produzenten werden und braucht keine Fabrik, keine Investitionsmittel mehr. Ich kann somit nicht nur Dinge herstellen, die mit anderen Produktionsprozessen gar nicht herstellbar sind, sondern ich habe auch Investitionsbarrieren extrem gesenkt. Ich kann also plötzlich überall auf der Welt Wettbewerber bekommen, ganze Logistikketten können wegfallen, weil es sich nicht mehr lohnt, billig in Südostasien zu produzieren, weil es nicht mehr auf die Arbeitskraft ankommt, die ich gar nicht mehr brauche. Man kann inzwischen Dinge drucken, die man sich gar nicht vorstellen kann. In Dubai hat man zum Beispiel ein Büro, ein richtiges Gebäude gedruckt, und dafür hat man einen einzigen Bauarbeiter gebraucht, der den Drucker beaufsichtigt hat.

Auch in der Verkehrsindustrie ist es ähnlich: Es gibt 800.000 Kraftfahrer in Deutschland, und es hat sich herumgesprochen, dass es bald gar keine mehr geben wird, weil es autonome Fahrzeuge geben wird.

Es gibt neben diesen Beispielen noch ganz viele andere, von Nano-Robotern, die in Adern herumfahren können, bis zu biotechnologischen Entwicklungen, die alles auf den Kopf stellen. Gegenseitig verstärkt sich das auch noch.

Wir haben herkömmliche Vorstellungen entwickelt, beispielsweise die, dass wir Sinnerfahrungen sehr wesentlich über unsere Tätigkeit, über unsere Arbeit generieren. Droht nicht gerade Leistungsgesellschaften wie dieser eine Sinnquelle abhanden zu kommen, wenn ganze Berufe allmählich wegsterben?

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Domscheit-Berg: Es ist ein Hauptproblem unserer Gesellschaft, dass wir den Wert eines Menschen, sogar die Würde eines Menschen so stark an das Vorhandensein einer bezahlten Erwerbsarbeit knüpfen. Denn es ist nicht der Mangel an Arbeit das Problem, das wir eines Tages haben werden - das haben wir auch heute nicht: Die meisten Menschen würden, wenn sie keinen Arbeitsplatz mehr haben, nicht die Füße hochlegen und sich langweilen - das kann jeder Rentner bestätigen. Aber es ist die Teilhabe an der Gesellschaft gefährdet und damit verbunden auch das Selbstwertgefühl, wenn man keine bezahlte Erwerbstätigkeit hat. Da braucht man grundsätzliche und radikal andere soziale Konzepte, als wir das heute haben, für eine Gesellschaft, in der ganz viele Menschen eine bezahlte Erwerbstätigkeit nicht mehr haben könnten.

Nun ist die individuelle Sinnerfahrung das Eine. Zugleich aber gibt es gesellschaftliche Prozesse. Moderne Gesellschaften folgen einer Steigerungslogik: Abläufe sollen effizienter werden, Produktionszahlen wachsen, Kosten gesenkt, möglichst minimiert werden. Und die technische Entwicklung - so scheint es jedenfalls - findet bisher weitgehend gesehen im Rahmen dieser Logik statt. Kann man da ausbrechen?

Domscheit-Berg: Ich glaube, ganz viele Menschen tun das sogar schon. Dass so viele Menschen ihr Wissen auf Wikipedia mit dem Rest der Welt teilen, widerspricht dieser Logik. Ich befasse mich sehr viel mit dem Thema "Wie können digitale Lösungen in Entwicklungsländern eingesetzt werden?" Und da sehen wir so etwas Ähnliches. Um auf das Thema 3D-Druck zurückzukommen: Es gibt sehr viele Minenopfer, die Gliedmaßen verloren haben. Sie können sich aber nicht für 30.000 Euro eine Prothese kaufen; sie sind nicht einmal krankenversichert. Inzwischen gibt es im Internet frei verfügbare Druckanleitungen für Prothesen. Die vielen Menschen, die dazu beitragen, solche Lösungen für alle zu entwickeln und ohne Profitgedanken ins Internet zu stellen, widersprechen dieser Logik. Davon gibt es immer mehr, weshalb ich glaube, dass es nicht nur Potentiale für den Raubtierkapitalismus gibt, sondern auch eine Option für eine Gesellschaftsform, die ich gerne "Commonismus" nenne, von "Commons", wohinter sich das Gemeinwohl versteckt, dass immer mehr Menschen die Potentiale dieser digitalen Gesellschaft nutzen, um Arbeit zu leisten, die der gesamten Gesellschaft dient. Da kann auch kein Patentrecht oder Copyright etwas verhindern.

Aber Unternehmen werden womöglich Formen entwickeln, sich gegen solche Konkurrenz zu schützen. Es gibt mächtige Akteure in diesen Entwicklungen, die Interesse daran haben, den riesigen Datenabhub der neuen Arbeitswelt zu nutzen. Daten bedeuten Möglichkeit von Kontrolle. Wer aber kontrolliert wird, agiert nicht frei. Wie wirkt das in die Arbeitswelt hinein?

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Domscheit-Berg: Das ist wirklich eine große Gefahr, und zwar nicht nur in der Arbeitswelt. Selbst deutsche Geheimdienste benutzen gerne alle möglichen Zugänge zu allen möglichen Daten, die sie irgendwo finden können. In dem Moment - das weiß ich noch als DDR-Bürgerin ganz gut - ist es in der Tat so: Wer überwacht wird, ist nicht frei. Und dann ist es fast egal, ob das jemand macht, der aus staatlicher Stelle kommt oder aus einem Großunternehmen. Noch schwerwiegender ist es, wenn Industriekonzerne mit staatlichen Geheimdiensten auch noch Hand in Hand arbeiten, wie wir das bei der NSA-Affäre gesehen haben. Da braucht es ganz andere Regulierungen, viel besseren Datenschutz, da müssen wir noch einen weiten Weg gehen.

Bleibt die Arbeitswelt human? Wie bleibt sie das?

Domscheit-Berg: Ich glaube, sie ist im Moment gar nicht human. Ich sehe viele Menschen, die keine Arbeit haben, und noch viel mehr Menschen, die unter besonders schlechten Konditionen arbeiten oder die zwar viel Geld verdienen, aber sich "totarbeiten" und einen Burnout kriegen. Nichts davon ist erstrebenswert. Was aber kein Selbstverständnis ist, ist, dass die Möglichkeiten der digitalen Gesellschaft sich von ganz alleine in eine positive Richtung entwickeln. Sie haben das Potential, aber es kann auch ganz anders kommen. Es können noch Millionen von Arbeitsplätzen wegfallen, ganz viele Unternehmen schweinereich werden - und die anderen Menschen gucken in die Röhre. Dass sich das positiv entwickelt und man zu gesünderen Umverteilungen kommt, dafür müssen wir etwas machen. Wir müssen uns zum Beispiel überlegen, wie wir unser Bildungssystem völlig reformieren. Wie ermöglichen wir es, dass Menschen lebenslang lernen können, und wie senken wir die Barrieren, die wir beim Zugang zur Weiterbildung haben? Wir müssen Lücken im Arbeitsrecht schließen. Es gibt eine Menge Herausforderungen, denen wir uns widmen müssen, und ich kann im Moment nicht erkennen, dass das eine besonders hohe Priorität in der deutschen Politik hat. Das würde ich mir aber sehr wünschen, weil es wirklich notwendig ist.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Journal | 01.11.2016 | 19:00 Uhr

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