Stand: 29.12.2016 16:39 Uhr

Warum man Werte braucht, obwohl es sie nicht gibt

Warum handeln wir so und nicht anders? Eine Richtschnur für diese Frage könnten sogenannte Werte sein. Was aber sind überhaupt Werte? Wer bestimmt sie? Damit beschäftigt sich der an der Universität Freiburg lehrende Philosoph Andreas Urs Sommer. Er hat darüber eine Abhandlung geschrieben.

NDR Kultur: Herr Sommer, schon der Titel Ihres Buches gibt Fragen auf: "Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt". Das ist eine starke These. Wie kann man etwas brauchen, das es nicht gibt?

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Andreas Urs Sommer hat ein lesenswertes Buch über "Werte" geschrieben.

Andreas Urs Sommer: In der Tat ist das eine starke These, die natürlich paradox ist. Wenn wir genau wüssten, was Werte wären, dann müssten wir nicht so viel darüber nachdenken. Ich würde Werte als regulative Diktionen charakterisieren, also als Dinge, die wir uns erdacht haben, um unser gesellschaftliches Zusammenleben zu organisieren. Und da dieses gesellschaftliche Zusammenleben sehr unterschiedlich ist, brauchen wir in unterschiedlichen Kontexten ganz unterschiedliche Werte. Wir brauchen sie, um die Kommunikation zu erleichtern. Zwischen uns Menschen, aber auch über uns selber, wenn wir uns fragen: Was ist uns wichtig im Leben? Was zählt? Dann fragen wir nach den Werten, die in unserem Leben zählen.

Aber ist es dann nicht umso schwieriger für eine Gesellschaft, sich auf Grundwerte zu verständigen?

Sommer: Das ist in der Tat so. Aber die Vorstellung, die man dagegensetzen könnte, dass die Grundwerte ein für alle Mal fest zementiert sind, wird ungemütlich, sobald man sich vorstellt, dass damit dann alles festgefroren wäre, dass damit jede gesellschaftliche Bewegung weg wäre. Diejenigen Gesellschaften, die am "erfolgreichsten" waren, Werte ein für alle Mal zu zementieren, sind die totalitären Gesellschaften - und das ist etwas, was man sich nicht wünscht. Es ist eigentlich eine große Errungenschaft der Moderne, unserer modernen, liberalen Demokratie, dass man immer wieder neu über die Werte redet. Dass sich Dinge verschieben, dass Dinge neu ausgehandelt werden, das ist ausgesprochen wünschenswert. Dogmatische Festlegungen auf Grundwerte haben häufig solchen Apellcharakter: Freiheit, Gleichheit. Aber wenn man hineingeht, muss man sich überlegen: Was ist konkret die Freiheit oder die Gleichheit, die wir meinen?

In Ihrem Buch gehen Sie auch kritisch mit dem Wertewandel um: Durch die Vielzahl der Werte können Werte entwertet werden, oder sie relativieren sich wechselseitig. Macht das die ursächliche Bedeutung von Werten, als Orientierung, nicht noch komplizierter?

Buch-Info

"Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt"
Autor: Andreas Urs Sommer
188 Seiten
J.B. Metzler Verlag
ISBN: 978-3476026491
Preis: 19,95 Euro

Sommer: Komplizierter ja - aber das würde ich nicht für schlecht halten. Wir sind als moderne menschliche Wesen unterschiedlichsten Herausforderungen, einem unglaublich komplizierten Lebensablauf ausgesetzt, und das ist sicherlich etwas, was uns unter Druck setzt, was uns stresst. Aber eine Ausflucht in die Einfachheit des ewig Sicheren werden wir nicht mehr haben. Ich halte die Pluralität von Werten, dass Werte immer nur in der Vielfalt vorkommen und sich immer neu austarieren müssen, nicht für schädlich. Im Gegenteil: Ich glaube, es ist ein Zeichen der modernen Gesellschaft, dass sie damit umgehen kann. Was ich kritisiere, ist der hemdärmelige politische Gebrauch, der davon gemacht wird - vor allen Dingen auch da, wo Werte der Ausschließung dienen: Wir haben die richtigen Werte, und die anderen haben keine oder die falschen Werte. Und deswegen muss man sie in der einen oder anderen Weise bekämpfen. Diese Art von Werteimperialismus oder Werteexklusionismus finde ich politisch ausgesprochen problematisch.

Wenn ich Ihre Interpretation von Werten richtig verstehe, kommt auch vieles darauf an, dass man Werte intuitiv erfasst. Wie kann das funktionieren überregional, international, wenn man an ein globales Werteverständnis denkt?

Sommer: Intuitiv erfassen würde vielleicht zu weit gehen, weil das bedeuten würde, dass wir Werte an sich erkennen können. Das können wir gerade nicht, sondern Werte sind in der Kommunikation geschaffen. Aber gewisserweise sind wir immer schon von Werten imprägniert. In der Tat sind wir durch Erziehung, durch soziales Umfeld in bestimmte Werteraster eingebunden. Und dennoch stellt man fest, dass menschliche Wesen äußerst flexibel sind im Umgang: Ich hatte eine Großmutter, die so aufgewachsen ist, dass die Partnerschaft zwischen Mann und Frau in der Ehe die einzig mögliche Form von Partnerschaft ist, und dieselbe Großmutter hat sich dann 80 Jahre später vehement in unserer Familie dafür eingesetzt, dass ein schwuler Onkel auch allgemein akzeptiert wird. Sie hat also einen Wertewandel durchgemacht und dafür gesorgt, dass der Wertewandel auch in der Familie weiter Fuß fasst.

Mit anderen Worten: Wir sind zwar immer schon mit Werten ausgestattet - nicht durch eine tiefere Einsicht in das Wesen der Welt oder der Moral, sondern durch unsere Prägung -, andererseits sind wir auch in der Lage, mit diesen Werten umzugehen. Das bedeutet auch, dass wir gerade in einem globalen Kontext immer wieder Werte zur Disposition stellen können und unsere Werte zur Disposition stellen lassen. Es findet ein ununterbrochener Wertediskurs statt, wo wir unsere Werte einspeisen, und versuchen herauszufinden, was die anderen machen. Man kommt dann nicht zu einem letzten Kompromiss oder zu einem ewigen Frieden - das wäre vermessen. Aber man kann zumindest verstehen, was den anderen bewegen könnte, und man kann auch seine eigene Position relativieren, dadurch dass man feststellt: Anderes ist auch möglich, und es ist nicht per se böse oder schlecht, sondern es hat vielleicht durchaus seine Berechtigung.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.12.2016 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Andreas-Urs-Sommer-ueber-Werte,journal654.html

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