Stand: 31.07.2017 18:35 Uhr

Mobilität: "Es geht auch ohne Auto"

Ist die viel beschworene Marke "Made in Germany" in Gefahr? Aus der Politik kommen zumindest verärgerte Stimmen über das derzeitige Verhalten der Autoindustrie. Was läuft hier eigentlich schief? Was kann anders gemacht werden? Ein Gespräch mit Andreas Knie, dem Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel in Berlin.

Herr Knie, Verkehrsminister Dobrindt ist richtig sauer. Eigentlich kein großer Kritiker der Autoindustrie. Jetzt will er, dass "Verantwortung" übernommen wird, damit "Vertrauen" wieder hergestellt werden kann. Große Worte. Macht es sich die Politik nicht etwas zu leicht?

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"Wir Verbraucher haben einfach vertraut, und die Autoindustrie hat alle Freiheiten gehabt", so Andreas Knie.

Andreas Knie: Wir haben es uns wahrscheinlich alle etwas zu leicht gemacht. Wir Verbraucher haben einfach vertraut, dass alles so ist, wie die Autoindustrie es uns verkauft hat, und wollten gar nicht richtig wissen, was aus den Auspuffen herauskommt. Und die Autoindustrie hat alle Freiheiten gehabt, weil die staatliche Politik - und das war nicht nur Herr Dobrindt, sondern auch seine Vorgänger - alles getan haben, um die Autoindustrie das tun zu lassen, was die Autoindustrie sagt, was sie möchte. Dieses Grundvertrauen ist zentral erschüttert und bedarf einer völlig neuen Bewertung. Das heißt am Ende: Wir können der Autoindustrie nicht mehr vertrauen, wir müssen ganz strenge Regeln haben und wir müssen davon ausgehen, dass die Autoindustrie, so wie wir sie kennen, nicht mehr bleiben wird.

Das Titelbild der WhatsInfo-Folge zum Auto-Dilemma in Deutschland © NDR

WhatsInfo: Das Auto-Dilemma

NDR Info - Aktuell -

Dieselgate, Kartellverdacht, Fahrverbote! Beim Autogipfel in Berlin geht es um die Zukunft der Autoindustrie. Das NDR Info Videoformat "WhatsInfo" erklärt das Schadstoff-Dilemma.

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Der Vorwurf steht im Raum, das Kraftfahrtbundesamt habe auf Betreiben der Autoindustrie Untersuchungsberichte zum Abgasskandal geschönt. Das Verkehrsministerium hat diesen Vorwurf jetzt zurückgewiesen. Trotzdem beschleunigt sich die ganze Debatte gerade. Warum pressiert es jetzt auf einmal so?

Knie: Weil jetzt allen klar wird, was das vorher für ein sich selbst korrumpierendes System war. Die Kollegen vom Kraftfahrtbundesamt in Flensburg sind ja bei der Zulassung eines neuen Typs zu den Herstellern in die dortigen Infrastrukturen gekommen - das KBA hatte keine eigenen Prüfstände - und haben das glauben müssen, was ihnen die Hersteller angeboten haben. Jetzt wird allmählich klar, wo seit Jahrzehnten gelogen und betrogen wurde, dass wir überhaupt kein Kontrollsystem haben. Wir wundern uns alle: Warum haben wir der Autoindustrie nicht schärfer auf die Finger geklopft?

Man sucht nach Lösungen. Ein Vorschlag ist die Klimaprämie. Staat und Industrie würden einen Neuwagen mitfinanzieren, der "sauberer" ist. Gefällt Ihnen dieser Vorschlag?

Andreas Knie © Andreas Knie

Das Gespräch zum Nachhören

NDR Kultur -

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Knie: Nein. Der Staat kann jetzt nicht noch herrschende Techniken weiter finanzieren. Wir müssen Abschied nehmen - und das ist der Kern des Problems. In China, in Indien, in den USA, in großen Teilen Europas ist klargeworden, dass die Verbrennungsmotorentechnologie, also die Otto- und Dieselmotoren aus der Zeit gefallen sind. Sie haben ihre Schuldigkeit getan und wir können in Zukunft nicht mehr mit diesen Motoren fahren. Und wenn der Staat etwas machen will - was er schon in der Elektromobilität versucht hat -, dann ist es Anreize zu schaffen, neue Technologien einzuführen. Aber nicht alte - und dazu gehört auch der Diesel - irgendwie zu unterstützen.

Ist das Elektro-Auto die Lösung, das Auto der Zukunft?

Knie: Es ist jedenfalls eine Lösung. Die meisten Menschen fahren mit dem Auto, haben ihre Biografien um das Auto herum geknüpft. Sie sollten erstens wissen: Ich sollte keinen Diesel mehr kaufen - aber ich kann ein Elektroauto kaufen, batterieelektrisch. Oder ich kann einen Wasserstoffwagen fahren, da kann ich sogar 400 bis 500 Kilometer weit fahren. Ich brauche aber dazu Überbrückungshilfe, weil die nämlich viel teurer sind.

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Carsharing - ein Modell mit Zukunft?

Das Zweite ist: Wir müssen alle anfangen, zu überdenken, wie wir uns in Zukunft bewegen wollen. Denn wenn jeder mit seiner eigenen Blechkiste unterwegs ist, dann nützt auch kein Elektroauto mehr - die Städte sind zu voll geworden. Gerade im Ruhrgebiet, um den Raum Köln/Düsseldorf sehen wir es doch. Wir müssen hier also schlauer nachdenken, wie wir mehrere Leute in ein Fahrzeug bringen - Sharing wäre eine gute Idee -, und wie wir über die Vernetzung, die viel einfacher funktioniert als das, was wir heute kennen, mehr Menschen in den öffentlichen Personennahverkehr bekommen. Das alles in Summe kann helfen, die Probleme zu lösen.

Müssen wir vielleicht grundsätzlich umdenken? Unsere Kultur der schnellen Fortbewegung noch einmal überdenken? Ist es wirklich so, dass es ohne Auto nicht geht?

Knie: Nein, es geht auch ohne Auto. Und vor allen Dingen: Es geht auch ohne eigenes Auto. In Berlin ist schon die Mehrzahl der Menschen ohne eigenes Auto unterwegs. Sie machen Carsharing oder fahren Fahrrad. Es geht auch zu Fuß. Man kann gelegentlich Auto fahren. Es gibt auch den Zug als Verkehrsmittel. Wenn wir schon ein Verkehrsmittel nutzen, muss es nicht immer das eigene Auto sein.

Müssen wir denn tatsächlich mit dem Auto überall hin fahren? Das beginnt schon mit der Arbeitsstätte. Jeden Morgen fahren Millionen Pendler zur Arbeit und nachmittags wieder zurück. Müssen sie überhaupt immer zur selben Zeit fahren? Und müssen sie überhaupt jeden Tag fahren? Denn wir haben eine digitale Revolution - und hat die nicht auch Vorteile? Kann nicht die Mehrheit der Arbeitsplätze heute schon von einem anderen Ort als der Betriebsstätte passieren, also von zuhause? Wir müssen anfangen, unser gesamtes Industrie- und Arbeitsleben neu zu definieren und mit den digitalen Möglichkeiten darüber sinnieren, wie wir physischen Verkehr peu a peu ersetzen können.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.07.2017 | 19:00 Uhr

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