Stand: 19.02.2016 19:28 Uhr

Adonis erhält Osnabrücker Friedenspreis

Noch nie hatte die Auswahl des Osnabrücker Friedenspreisträgers für so viele kontroverse Diskussionen gesorgt: Der syrisch-libanesische Schriftsteller Ali Ahmad Said, der seine Werke unter dem Namen Adonis veröffentlicht, ist am Freitag mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet worden. Der 86-Jährige versteht sich als Kämpfer für Demokratie und Freiheit, als Vertreter des Humanismus. Bekannt ist er besonders für seine Forderung, Religion und Staat voneinander zu trennen. Syrische Oppositionelle, muslimische Verbände und Menschenrechtler werfen dem Dichter vor, dem syrischen Assad-Regime nicht distanziert gegenüber zu stehen und die Opposition während des Arabischen Frühlings im Stich gelassen zu haben.

Adonis gibt Europa Mitschuld an Bürgerkrieg in Syrien

Im historischen Rathaus der Stadt Osnabrück bedankte sich Adonis bei der Jury für die Auszeichnung. Er sei stolz auf den Preis. In seiner Rede gab er Europa eine Mitschuld an dem Bürgerkrieg in seiner Heimat. Europa habe sich mit rückständigen arabischen Kräften zusammengetan und sich an der Vernichtung der kulturellen Errungenschaften der vorislamischen Zeit beteiligt, erklärte der Autor. Es trage auch Mitverantwortung "für die Vertreibung von nahezu vierzehn Millionen arabischen Kindern, die von der Schulbildung abgeschnitten wurden, da selbst die Schulen zerstört wurden". Der 86 Jahre alte Autor forderte die arabischen Denker auf, einen Ausweg aus dem Konflikt zu suchen. Es gehe nicht nur um einen Regimewechsel, sondern um die Schaffung eines demokratischen Staates und die Trennung von Staat und Religion. "Die arabischen Intellektuellen müssen der Tyrannei der Regimes und ihrer Oppositionen ihre unmissverständliche Absage erteilen", sagte er

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"Adonis war immer Dissident"

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Jury hebt kritische Auseinandersetzung mit Religion hervor

In der Begründung betonte die Jury erneut, dass sich Adonis in ihren Augen kritisch mit der Rolle der Religionen auseinandersetze, so fordere er eine Trennung zwischen Kirche und Staat. Zudem mache er sich für die Gleichberechtigung der Frau stark. "Adonis setzt sich unermüdlich für eine demokratische Willensbildung ein", sagte der Vorsitzende der Jury, der Präsident der Universität Osnabrück, Wolfgang Lücke. Der Schriftsteller sei ein wichtiger Vermittler zwischen arabischer und westlicher Kultur.

Gegen Gewalt - für Menschlichkeit

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Eine handvoll Menschen üben vor dem Rathaus Kritik an der Entscheidung der Jury, Adonis den Friedenspreis zu verleihen.

Nachdem Adonis im vergangenen Sommer als Preisträger bekanntgegeben wurde, hatte es heftige Kritik gegeben. Unter anderem wurde ihm eine Nähe zum syrischen Machthaber Baschar al-Assad vorgeworfen. Am Donnerstagnachmittag hatten die Stadt Osnabrück und der Dichter Stellung zu den Vorwürfen bezogen. Adonis betonte, er habe bereits in seinem Buch über den Arabischen Frühling einen Brief adressiert, in welchem er ihn aufgerufen habe, die Macht abzugeben. hätte sich gewünscht, dass die Araber, die gegen diese Preisverleihung protestierten, sich auch gegen die Militärdiktatur sowie religiöse Diktatur äußerten, sagte Adonis. Und dagegen, dass Frauen versklavt, Jesiden vertrieben, Städte und Kulturen zerstört würden. Adonis betonte immer wieder, dass er gegen bewaffnete Gewalt in Syrien und für die Trennung von Staat und Religion sowie die Gleichstellung von Frauen sei. In Syrien hingegen gebe es nur eine kleine Gruppe Oppositioneller, die diese Einstellung vertrete. Und "die ist leider an die Seite gedrückt worden", sagte er.

"Adonis hat sich zurückgehalten und gar nichts gesagt"

Bei einer Podiumsdiskussion am Donnerstagabend mit Adonis und dem Orientexperten Daniel Gerlach wies dieser Adonis' Behauptung, es gebe in Syrien keine auf Gleichberechtigung und Demokratie ausgerichtete Opposition, zurück. Es sei zu undifferenziert und pauschal allen Gruppierungen Fundamentalismus und Gewalttätigkeit vorzuwerfen. Diese Ansicht unterstützte am Abend auch der Syrer Anis Hamdoun, der als politisch Verfolgter in Osnabrück lebt. Er selbst habe friedlich gegen das Assad-Regime demonstriert, bevor der Bürgerkrieg ausbrach. Die Bewegung habe die gleichen Ziele gehabt, wie Adonis, erklärt Hamdoun. Sie habe sich für einen Zivilstaat, ein unmilitärisches Land eingesetzt, in dem alle gleich seien. Millionen Menschen seien dafür auf die Straße gegangen. Doch Adonis habe sich zurückgehalten und gar nichts gesagt.

Zweite Preisträgerin nimmt Ehrung nicht an

Eigentlich sollte heute auch die Bürgermeisterin der Mittelmeerinsel Lampedusa mit einem 5.000 Euro dotierten Sonderpreis für ihr Engagement für Flüchtlinge geehrt werden. Doch Giuseppina Maria Nicolini will den Preis nicht annehmen. Das gab sie im Januar bekannt. Als Grund nannte sie die Vorwürfe gegen Adonis.

Die Stadt Osnabrück vergibt den Friedenspreis alle zwei Jahre. Er ist mit 25.000 Euro dotiert. Ursprünglich sollte der Preis am 20. November 2015 verliehen werden. Zum ersten Mal ist die Verleihung dieses Mal verschoben worden - "aus organisatorischen Gründen", hieß es von der Stadt.

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