Stand: 24.02.2016 13:07 Uhr

Ein Leben zwischen KGB und Kokain

von Agnes Bührig

Die Bundesrepublik wurde an einem 23. gegründet, das Chromosom 23 entscheidet, ob wir männlich oder weiblich werden, die Kuppel des Reichstags misst gut 23 Meter Höhe. Für Karl Koch aus Hannover, in den 1980er-Jahren Hacker der ersten Stunde, wurde die Zahl jedoch zur Bedrohung. Nach Spionageaufträgen für den KGB und den Bundesnachrichtendienst plagten den Cybervisionär Wahnvorstellungen, Kokain vernebelte ihm die Sinne. Am Dienstag war am Ballhof Premiere des Stücks "23 - Nichts ist so wie es scheint" über das Leben Karl Kochs in Hannover.

Karl Kochs virtuelle Realität

Die Heroen der 80er-Jahre erscheinen auf der Bühne

Auf der Bühne in Hannover steht Karl Koch zwischen den Heroen seiner Zeit: dem Flieger Mathias Rust, der 1987 mit seiner waghalsigen Landung mitten in Moskau ein Zeichen für den Frieden setzen wollte. "Captain Crunch", Messias der Hacker, der erfolgreich technische Sperren überwand. Auf Fernsehern aus vergangenen Zeiten, auf Podesten stehend, wie Säulen über die Bühne verteilt, beginnen sie zu sprechen, aufgerufen mithilfe altmodischer VHS-Videobänder. Dann öffnet sich in einem Holzkasten plötzlich eine Tür und ein sprechender Delfin guckt heraus. Es ist Howard aus "Illuminatus" von Robert Anton Wilson - einer Roman-Trilogie voller Abenteuer und Verschwörungstheorien. Das Spannungsfeld zwischen Realität und Imagination ist gesetzt.

In das Geschehen Welt eingreifen

Für Regisseur Christopher Rüping ist der Grundkonflikt, den die Geschichte von Karl Koch erzählt, die von einem jungen Mann, der das Gefühl hat, eingreifen zu wollen in das Geschehen der Welt und sich das Hacken in fremde Netzwerke als ein Mittel dafür sucht. So erobere er sich "eine Sekundärwelt, eine virtuelle Realität, in der er sich verliert." Koch, der unter dem frühen Tod seiner Eltern und dem Alkoholkonsum seines Vaters gelitten hat, sucht Halt. Er identifiziert sich mit dem Abenteurer "Hagbard Celine", einer der Hauptfiguren aus "Illuminatus". Geschrieben wurde die Trilogie Ende der 1960er-Jahre, doch schon Ende des 18. Jahrhunderts gab es Illuminaten, Mitglieder eines Geheimbundes in Bayern. Damals kämpften sie für die Ziele der Aufklärung, in der Version aus dem 20. Jahrhundert bewegen sie sich in fantastischen Welten.

In unwirkliche Welten geträumt

"Diese Welt von Illuminatus ist nicht nur so eine konkret politische Verschwörung, sondern ist auch ein sehr phantasievolles, chaotisches, bilderstarkes, abstraktes Werk von über 1.000 Seiten", sagt Regisseur Rüping. Für Koch habe das Werk ein Phantasiereich erschaffen, in dem man sich verlieren kann. Als Jugendlicher hat sich Karl Koch in unwirkliche Welten geträumt, als junger Erwachsener sieht er im Computerhacken einen Weg, echte Abenteuer zu bestehen - im virtuellen Raum. Er spioniert westliche Computersysteme aus und verkauft die Daten an den KGB. Vor laufender Kamera hackt er sich ins Kernkraftwerk Jülich ein. 

Weitere Informationen

Das geheimnisvolle Leben des Karl Koch

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Das Thema ist aktueller denn je

Das Stück des Jungen Schauspiels Hannover lässt wunderbar die 1980er-Jahre wieder auferstehen - in einem intimen Raum mit Floppy Discs und Kassettenspieler, der mittels Videotechnik nach draußen projiziert wird. Mit wackelnden Videobildern und Musik der Neuen Deutschen Welle. Philippe Goos überzeugt in allen Facetten Karl Kochs, vom Alleinunterhalter bis zur gescheiterten Existenz. Dazu überrascht die Erkenntnis, dass die Agenda des Hackers aus Hannover bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. "Das war die Hacker-Agenda der 80er-Jahre, die Edward Snowden auch unterschreiben könnte, weil der zentrale Satz darin ist: Alles Wissen und jede Information muss für jeden zugänglich sein auf der ganzen Welt. Und das war auch Karl Kochs Agenda am Anfang", sagt Rüping.

Regionale Themen - eine Fundgrube für das Theater

Im Cyberspace wirst du der, der du im echten Leben nicht sein kannst, lautet die Vision Kochs, die 30 Jahre später Realität ist. Ein gutes Thema für ein junges Publikum, unaufgeregt, visuell und schauspielerisch überzeugend erzählt. Und einmal mehr der Beweis, dass die Suche nach regionalen Themen fürs Theater spannende Stoffe hervorbringen kann.

Ein Leben zwischen KGB und Kokain

Zwischen Kokainnebel und KGB-Aufträgen - am Jungen Schauspiel in Hannover wird die Geschichte Karl Kochs nacherzählt, eines Computerhackers aus dem Hannover der 80er-Jahre.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Ballhof Eins
Knochenhauerstraße 28,
30159  Hannover
Telefon:
Karten: (0511) 99 99 11 11
Kartenverkauf:
Kassen im Schauspielhaus
Öffnungszeiten
Mo bis Fr 10 - 19.30 Uhr (Vorverkauf bis 18.30 Uhr),
Sa 10 - 14 Uhr
Hinweis:
Regie: Christopher Rüping
Bühne: Ramona Rauchbach
Kostüm: Anna Maria Schories
Dramaturgie: Johannes Kirsten
Musikalische Leitung: Christoph Hart

mit
Lisa Natalie Arnold, Beatrice Frey, Christoph Müller, Daniel Nerlich
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