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Das Kirchenlexikon - Obdachlos

von Jan von Lingen

"Mich bewegt es sehr, wenn ich Menschen sehe, die kein Zuhause haben, gerade wenn es jetzt wieder kälter wird. Wie kann man als Christ eigentlich helfen?"

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Rund 300.000 Menschen leben in Deutschland auf der Straße - Tendenz steigend.

Mir geht es wie Ihnen. Es beschäftigt mich sehr, dass ich in einer Stadt lebe, in der die Zahl der Wohnungslosen, so sagen Fachleute, zunimmt und weiter zunehmen wird. Sie stehen an Kirchen, vor Geschäften, am Bahnhof oder suchen nach Pfandflaschen in Containern oder Mülleimern an Haltestellen. Manchmal kaufe ich ihnen eine Zeitschrift ab oder gebe 50 Cent. Aber das ist eher eine persönliche Entscheidung und hat mit dem jeweiligen Eindruck zu tun. Wichtiger sind andere Hilfen.

Ich habe vor Kurzem einen Tagestreff für Wohnungslose besucht. Die evangelische Kirche finanziert das Haus, ein Unterstützerkreis engagiert sich zusätzlich. Wer wohnungslos ist, kann hier duschen, Wäsche waschen, bekommt etwas zu essen und findet einfach Menschen zum Reden. Es gibt Einrichtungen wie diese an vielen Orten und es muss sie geben, denn, so erzählte mir ein Mann ohne festen Wohnsitz: "Aus eigener Kraft schaffen wir es nicht."

Der Tagestreff in Luthe © Tagestreff Luthe

Tagestreff: Schutzraum für Wohnungslose

Ob warme Mahlzeit, Dusche oder Internet - der Tagestreff Wunstorf bietet Hilfe für Bedürftige. Wichtig sind auch Begleitung und Unterstützung in ein geordnetes Leben.

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Die Menschen auf der Straße achten

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Häufig führen private Schicksalsschläge dazu, dass Menschen alles verlieren.

Für ihn waren die ersten Tage auf der Straße der totale Umbruch, denn auch die alten Beziehungen gingen verloren. Und er erzählte, wie es ihn auslaugt, seit Jahren auf der Straße zu leben. Nachts kommt er meist unter, oft unter schwierigen Bedingungen, andere schlafen selbst im Winter im Zelt. Wie es dazu kam? Oft durch Schicksalsschläge. Manche haben Jahrzehnte gearbeitet, bis sie durch Krankheit, Scheidung oder Alkohol aus der Bahn geworfen wurden. Ehemals Selbstständige sind darunter, die pleite gegangen sind, ebenso wie Menschen ohne Schulabschluss. Erschreckend ist, dass vermehrt junge Menschen und Frauen ohne Zuhause sind.

Nicht Sie und ich als Passanten auf der Straße, sondern die gesamte Gesellschaft ist hier gefragt: Es gibt Beispiele, in denen Wohnungslose wieder in eigene vier Wände fanden. Aber das ist schwer. Wichtig sind darum Beratung und Hilfe, bevor jemand seine Wohnung verliert, so erzählte ein Sozialarbeiter. Bezahlbarer Wohnraum ist nötig ebenso wie finanzielle Unterstützung. Und was sich diese Menschen ohne Wohnsitz von uns wünschen würden, wenn wir ihnen auf der Straße begegnen? Ich glaube, dass wir sie achten, denn sie sind obdachlos, nicht würdelos. Und dass wir für eine Gesellschaft sorgen, in der es Anlaufstellen und Wohnraum für sie gibt. Denn eine Parkbank ist kein Zuhause.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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